Politischer Sport

„Abseits“ erzählt vom Anschluss der österreichischen Nationalmannschaft 1938

c Jacoby&Stuart

Um ehrlich zu sein hatte ich – trotz halbwegs vorhandenem Fußballinteresse – vor der Lektüre des Bilderbuches „Abseits“ noch nie etwas von der „Wundermannschaft“ und ihrem Kapitän Matthias Sindelar gehört. Mich hatte einfach der Buchtitel angesprochen, weil ich die politische Nutzung von Sport immer ein interessantes Thema finde und ich mich gefragt hatte, wie es für Kinder aufbereitet wird.

Fabrizio Silei setzt dabei vor allem auf eine starke Identifikationsfigur, den jungen Markus, dem wir durch die Geschichte folgen. Schnell wird deutlich: Er freut sich, dass Österreich ein Teil Deutschlands geworden ist, denn sein Lehrer hat ihn auf diesen „großen“ Moment vorbereitet.

Ideologie in Kinderköpfen

Seine ideologische Begeisterung geht sogar so weit, dass er davon träumt, dass die neue großdeutsche Nationalmannschaft die beste Mannschaft der Welt werden wird. Zugleich geht er allerdings davon aus, dass sein großer Held, der österreichische Nationalstürmer Matthias Sindelar Kapitän dieser Mannschaft werden würde.

Misstrauen in den eigenen Familien

Markus‘ Eltern hingegen stehen dem Anschluss Österreichs kritisch gegenüber. Wie sie dies vor dem Kind geheim halten, ist gut erzählt – das Misstrauen gegeneinander, die Angst vor ungewolltem Verrat beginnt. Doch Markus‘ Vater wettert nicht nur im Stillen. Im Gegenteil will er mit Freunden versuchen, Sindelar dazu zu bringen, bei einem letzten Freundschaftsspiel zwischen Österreich und Deutschland am 3. April 1938 aus Protest vor der Zusammenlegung der Mannschaften nicht anzutreten.

Ambivalenzen werden ausgespart

Das Buch erzählt bis zu Sindelars bis heute umstrittenem und unaufgeklärtem Tod. Dabei tragen nicht zuletzt die großräumigen, sehr klassisch gehaltenen Illustrationen Maurizio A.C. Quarellos dazu bei, dass hier ein extrem heroisches Bild geschaffen wird. Zudem wird wenig Kontext geliefert. Was war so toll an der Wundermannschaft? Warum nicht erzählen, dass Sindelar eigentlich als Matěj Šindelář geboren wurde? Warum nicht berichten, dass er vor seinem Tod ein Kaffeehaus des Juden Leopold Simon Drill kaufte, der unter hohem Druck der Behörden sein Geschäft aufgeben musste und später in Theresienstadt ermordet wurde? So fehlen dem Buch einige Ambivalenzen und Uneindeutigkeiten, es wird auf das heroische Narrativ des Fußballs als solchem gesetzt. Besonders schmerzlich ist dabei, dass Tipps für das Weiterlesen fehlen. Trotzdem habe ich mich dazu entschieden, das Buch zu besprechen, da ich den Stoff grundsätzlich für interessant genug halte, dass er viele zur eigenständigen weiteren Recherche anregt. Nicht nur für Fußballfans dürfte hier viel neues Wissen über unsere österreichischen Nachbarn schlummern.

Gestaltung 5/5
Sprache 5/5
weiterführende Tipps 0/5

Fabrizio Silei (Text) / Maurizio A.C. Quarello (Illustration): Abseits. 1938. Ein Fußballer sagt NEIN. Aus dem Italienischen von Edmund Jacoby. Jacoby & Stuart 2014. Ab 8 Jahren. ISBN 978-3-942787-15-4, €14,95.

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