Vom verurteilten Nationalhelden

„Der Fall Alan Turing“ als Comic

Cover "Der Fall Alan Turing"
c bahoe books

Der Untertitel setzt sofort den Ton dieser Graphic Novel: „Der Fall Alan Turing. Die Geschichte und Tragödie eines außergewöhnlichen Genies“. Schon auf den ersten Seiten zeigen und Éric Liberge und Anaud Delalande einen so genialen wie zerrissenen Mann, von Albträumen und Panik geplagt, bevor sie uns in seine Vergangenheit mitnehmen.

Alan Turings Geschichte dürfte vielen seit der Verfilmung seiner Biographie „The Imitation Game“ mit Benedict Cumberbatch in der Hauptrolle bekannt sein. Trotzdem kurz: Alan Turing zeigt sich schon extrem früh als mathematisches Genie, aber auch als Sonderling. Seine große Liebe stirbt und lässt ihn noch einsamer zurück, als je zuvor. Im Zweiten Weltkrieg arbeitet er für den britischen Geheimdienst. Zwar ist er Pazifist, fühlt sich aber verpflichtet, über die Entschlüsselung deutscher Funksprüche Tote durch deutsche Angriffe zu verhindern. Der Gegner der von ihm geleiteten Gruppe kryptographischer Expert*innen ist die deutsche Codiermaschine Enigma. Turing, der von einer denkenden Maschine träumt, entwickelt eine Rechenmaschine, die schneller als Menschen die Wahrscheinlichkeiten des Codes kontrollieren kann. Letztlich gelingt es der Gruppe, die deutschen Codes Tag für Tag neu zu knacken.

Flucht nach innen

Im Gegensatz zum Film zeigt der Comic weniger die Konflikte innerhalb des Teams, wohl aber die Turings mit der Obrigkeit. Vor allem aber zeigen die immer wieder über ganze Seiten reichenden Panels durch die Überlagerung von Turings Gesicht in Nahaufnahme, Zahlenreihen, Phantasieszenen und Kriegsszenarios die Zerrissenheit der Welt, in der Turing lebt und die Zerrissenheit Turings selbst. Aufgrund seiner Homosexualität ist er sein Leben lang zu einem Versteckspiel gezwungen. 1952 wurde er zu chemischer Kastration verurteilt, 1954 nahm er sich selbst das Leben – erst 2012 wurde er von der Queen begnadigt und offiziell rehabilitiert. Turings Leben ist ganz sicher ein prominentes Beispiel dafür, wie furchtbar und katastrophal die Auswirkungen des Verbots der Homosexualität waren. Wie Leben zerstört wurden.

Es ist dem Buch gleichzeitig anzurechnen, dass es die Geschichte umfassend und facettenreich erzählt und Turing eben nicht auf seine Homosexualität reduziert. Sie ist Teil von ihm, das erzwungene Versteckspiel eine ewige Qual. Aber das steht seiner Genialität nicht im Wege. Dass zudem am Schluss des Buches ein kleiner Übersichtstext zur Geschichte von Codes unter dem Titel „Der Krieg der Codeknacker“ von Historiker Bruno Fuligni angefügt ist, hilft bei der historischen Einordnung genauso wie die Liste der Literatur, über die sich Liberge und Delalande vor allem informiert haben – ein rundum tolles Buch also!

Sprache 5/5
weiterführende Tipps 5/5
Didaktik 5/5
Gestaltung 5/5

Éric Liberge / Arnaud Delalande: Der Fall Alan Turing. Die Geschichte und Tragödie eines außergewöhnlichen Genies. Aus dem Mathias Althaler. Bahoe Books 2021. ISBN: 978-3-903290-44-0, €18.

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