Volker Mehnert / Claudia Lieb: Alexander von Humboldt oder Die Sehnsucht nach der Ferne

Cover Alexander von Humboldt

Biographien sind immer eine Gratwanderung zwischen Heldenverehrung und kritischer Hinterfragung. Sie können sich stark auf das Private oder aber auf das rein Öffentliche beziehen, in aller Regel jedenfalls bilden sie nur einen Bruchteil der Persönlichkeit ab, über die sie berichten. Auf eine ganz bestimmte Art trifft das auch auf die Biographie Alexander von Humboldts zu, die 2018 bei Gerstenberg erschien. Trotzdem ist dieses Buch ab 10 Jahren lesenswert. Und wie!

Volker Mehnert fokussiert in seiner Erzählung über von Humboldt klar die eigentlichen Entdeckerjahre. Die Reise nach Südamerika steht im Mittelpunkt dieses Buches, die Kindheit spielt insofern eine Rolle, als dass Mehnert hier die Neugier von Humboldts beschreibt und klassisch die ersten Vorzeichen für die spätere Forscherkarriere sehen lässt. Insofern ist der für das Buch gewählte Untertitel „oder Die Sehnsucht nach der Ferne“ als absolut programmatisch zu verstehen. Von Humboldts Forschungsreise nach Sibirien wird auch ausführlich erzählt, die Pariser und Berliner Jahre jedoch eher summarisch besprochen. Hier geht es vor allen Dingen darum zu erklären, wie von Humboldts Forschungsergebnisse in die Welt kamen und wie es ihm gelang, ein (natur-)wissenschaftliches Netzwerk zu entwickeln, das ihn weiter auf dem Stand der neuesten Entdeckungen hielt.

Ein wunderbar gestaltetes Abenteuer

Wirkt der Untertitel dieser Biographie bereits leicht poetisch, so wird dieser Eindruck durch die raumgreifenden Illustrationen Claudia Liebs noch bestärkt. Ihre ausdrucksstarken Bilder füllen teilweise ganze Doppelseiten. Zwar gibt es einige für Sachbücher typische Darstellungen etwa von Humboldts Messgeräten, die besondere Stärke liegt jedoch in den wahrhaft stimmungsvollen Reisebildern, die zum Teil durch Direktzitate von Humboldts ergänzt werden, wie auf Seite 27, wo wir das weite Meer, den Sternenhimmel, das bewusst hervorgehobene Sternbild „Kreuz des Südens“ und eine kurze Erklärung dazu sowie den Satz „In der Einsamkeit der Meere grüßt man einen Stern wie einen Freund.“ finden.

Es sind Seiten und Elemente wie diese, die das Buch zu einem Liebhaberstück nicht nur für Kinder machen. Wissensdurst und Wunsch nach Ästhetik werden hier gleichermaßen erfüllt. Ein wenig schade bleibt allerdings, dass Zitate wie das oben genannte nicht klar einer bestimmten Quelle zugeordnet werden. Zwar gibt es im Anhang einige Literaturhinweise, bei denen leicht irritiert, dass Daniel Kehlmanns – zugegebenermaßen großartiges – „Die Vermessung der Welt“ genannt wird, ohne dass hier auf die Fiktionalität des Textes verwiesen wird. Getrennt werden dann auch noch zwei Literaturempfehlungen für junge Leser*innen und zudem Tipps für Museumsbesuche oder Internetauftritte gegeben. All das zeigt, dass sich das Buch bewusst an ein breiteres Lesepublikum richtet, vielleicht ist auch so die Gestaltung zu erklären, die sehr weit weg ist vom klassischen Geschichtssachbuch.

Die private Seite von Humboldts lässt Mehnert aus seiner Darstellung fast völlig aus, dafür aber benennt er einige politische Ansichten Humboldts, schafft etwa mit der Kritik an der Ausbeutung der Natur aktuelle Bezüge und erzählt mehrfach, dass von Humboldt der Sklaverei ausgesprochen kritisch gegenüberstand und sich als Weltbürger betrachtete. Diese gesellschaftskritischen Aspekte bleiben jedoch im Hintergrund der allgemeinen Abenteuererzählung zu von Humboldts Reisen.

Insgesamt ist diese ausgesprochen schön gestaltete Biographie damit vor allen Dingen zweierlei: Eine mutmachende Abenteuergeschichte, die die Sehnsucht nach der Ferne auch in den Betrachter*innen weckt, und zudem ein möglicher Auftaktpunkt zu weiteren Recherchen über Alexander von Humboldt. Hier können dann die weiteren Tipps aus dem Anhang genutzt werden. Dass diese nicht schon stärker in den Hauptteil eingeflochten sind und so direktes Vernetzen von Wissen und konkretes Weiterlesen zu einzelnen Aspekten erschwert wird, ist das einzige Manko dieses nicht nur für angehende Entdeckungsreisende lesenswerten Buches!

Volker Mehnert / Claudia Lieb: Alexander von Humboldt oderDie Sehnsucht nach der Ferne. Gerstenberg 2018. Ab 10 Jahren. ISBN978-3-8369-5999-5, €25.

Für Fans von Biographien sei an dieser Stelle auch auf meine Rezension zur Bio von Karl Marx verwiesen: https://lies-geschichte.de/karl-marx/

Ein Gedanke zu „Volker Mehnert / Claudia Lieb: Alexander von Humboldt oder Die Sehnsucht nach der Ferne“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.