Die Mauer als Brücke. Aline Sax legt mit „Grenzgänger“ eine Familiensaga zum geteilten Berlin vor

Coverbild "Grenzgänger" von Aline Sax

Dass die Mauer als Brücke fungiert, stimmt natürlich nur auf Ebene des Plots. Das Bollwerk zwischen Ost- und Westberlin spaltet scharf die Leben der Familie Niemöller, wirkt wie eine offene Wunde in den Biographien der Protagonist*innen und ist der rote Faden, der die Geschichten in „Grenzgänger“ miteinander verknüpft, denn Aline Sax erzählt auf mehreren Zeitebenen für Jugendliche ab 14 Jahren vom Leben im Unrechtssystem der DDR.

Dabei ist dem Band deutlich anzumerken, dass Sax Historikerin ist. In ihrem Nachwort gibt sie dann auch Einblick in ihre akribische Recherche und den Anfangspunkt ihrer Überlegungen, einen Roman über das geteilte Berlin zu schreiben: Ein eigener Studienaufenthalt in Berlin Anfang der 2000er Jahre. Dieses Nachwort erscheint daher auch auf der erzählerischen Ebene wichtig, führt es den Plot doch insofern weiter, dass deutlich wird, wie viel Austausch uns die offenen Grenzen ermöglichen. Wie einfach und selbstverständlich es plötzlich ist, sich mit der Geschichte anderer Länder auseinanderzusetzen, diese zu bereisen und mehr über ihre Kultur zu erfahren. Wie tiefgehend Sax dies gelungen ist, belegt „Grenzgänger“ eindrucksvoll.

Auf drei zeitlichen Ebenen, die chronologisch aneinander gereiht werden, begleiten wir einzelne Mitglieder der Familie Niemöller. Los geht es 1961 mit Julian. Er ist der einzige quellensprachliche „Grenzgänger“, denn so wurden diejenigen Ostberliner bezeichnet, die im Westen arbeiteten und täglich zwischen den Sektoren hin und her pendelten. Tatsächlich ist Julians gesamtes Sozialleben auf Westberlin ausgerichtet. Das gilt ganz besonders, seit er sich in Heike verliebt hat. Doch dann kommt die Mauer. Von einem Tag auf den anderen ist Julian von seiner Arbeit abgeschnitten. Darf Heike zunächst noch die Grenze passieren, ist auch diese Beziehung letztlich zum Scheitern verurteilt. Bis Julian beschließt, zu fliehen, und mit dieser Entscheidung das Leben seiner gesamten Familie verändert.

Die zweite Geschichte berichtet von Julians Nichte, Marthe, die im Jahr 1977 gerade ihr Studium begonnen hat. Gemeinsam mit ihrem Bruder Florian folgt sie dem Beispiel der Weißen Rose. Zwar glauben die beiden durchaus an den Sozialismus, doch sie wollen Reformen. Und darum verteilen sie Flugblätter. Doch die Stasi lauert überall, auch in der eigenen Familie und die beiden werden verhaftet.

In der dritten Geschichte begegnen wir Sibylle, einer jüngeren Cousine Marthes. Sie ist Verkäuferin in einem Supermarkt und politisch wenig interessiert. Bei den Großeltern aufgewachsen kümmert sie sich um diese und hat den Kopf kaum für andere Dinge frei. Bis ihre Oma krank wird. Sibylle hofft, durch Julian vielleicht die Oma in den Westen bringen und sie dort operieren lassen zu können. Dann taucht auch noch Marthe auf und der hübsche Kollege Marco zieht Sibylle immer weiter in die Kreise des friedlichen Widerstands. Sibylle kämpft gegen die vielen Verstrickungen der ihr vorangegangenen Generationen. Ihr Leben ist das eingeschnürteste, eingesperrteste der dargestellten und somit der kompositorische Höhepunkt der Geschichte, die mit der Öffnung der Mauer aber keineswegs mit der Lösung aller Familienkonflikte endet.

Aline Sax ist hier ein Jugendbuch gelungen, dass den Alltag in der DDR auf verschiedenen Zeitebenen gelungen einfängt. Vom Leben in der Haft bis zum Studium oder der Arbeit als Verkäuferin schafft sie eine unheimlich dichte Atmosphäre, vor allem aber macht das Buch das beklemmende Gefühl des Misstrauens greifbar. Mit wem kann ich sprechen? Ab wann verrate ich jemanden? Welcher Schritt ist mir erlaubt und welcher nicht? Ab wann mache ich mich mitschuldig? Gerade durch die Bezüge zwischen den Figuren wird auch immer wieder deutlich, wie eng verknüpft einzelne Schicksale sind, wie schwer ein Familiengeheimnis wiegen kann und wie sehr sich auch die Lebensverhältnisse in der DDR von den 1960er bis zu den 1980er Jahren veränderten. Damit geht die Erzählung einerseits über einen einfachen historischen Abenteuerroman hinaus, andererseits ist sie ein bedrückendes Portrait des Unrechtsstaats DDR.

Zwar fehlen am Ende Hinweise für die eigene weitere Recherche, dennoch sei die Lektüre dieses Romans ans Herz gelegt, gerade weil er die deutsche Geschichte in vielen Facetten reflektiert und somit zahlreiche Denk- und Diskussionsimpulse liefert.

Sprache 5/5
weiterführende Tipps 0/5
Handlung 4/5

Aline Sax: Grenzgänger. Aus dem Flämischen von Eva Schweikart. Stuttgart: Urachhaus 2019. Ab 14 Jahren. ISBN 978-3-8251-5179-9. € 19,00.

Hier sei übrigens auch noch einmal das Buch “Das Mädchen und der Soldat” von Aline Sax empfohlen! Zur vollen Rezension geht es hier.

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