Ein Baum als Mittler. Gottesfelds und McCartys „Anne Frank und der Baum“

Cover Anne Frank und der Baum

Bäume können faszinierende Gefährten sein, machen wir uns einmal bewusst, wie lange sie uns überdauern und was sie in ihrem Leben alles beobachten. Um genau diese Beobachtungen geht es im Kinderbuch „Anne Frank und der Baum“. Über die Geschichte des Baumes erzählen Jeff Gottesfeld und Peter McCarthy zugleich die Geschichte Anne Franks und ihrer Familie und machen ihr Schicksal schon für jüngere Kinder zugänglich, empfiehlt der Verlag das Kinderbuch doch schon ab 6 Jahren.

Der Baum ist eine alterwürdige Kastanie im Hinterhof eines Fabrikgebäudes. Er beobachtet, wie der Krieg in die Niederlande kommt. Wie eine neue Familie die Fabrik führt, sich aber nach dem Einmarsch der Nationalsozialisten auf einmal verstecken muss. Wie Annes Welt auf ein winziges Versteck schrumpft, der Blick auf eine Kastanie im Hinterhof gewissermaßen ihr Kontakt zur Umwelt im Sinne von Natur wird. Und der Baum sieht auch, wie die Familie verhaftet und deportiert wird, wie nur der Vater zurückkehrt und trauert. Wie das Gedenken um Anne, angeregt durch ihr Tagebuch, das auch ihn berühmt gemacht hat, immer mehr Besucher*innen ins Haus lockt.

Das alles wird recht kurz und knapp erzählt, wenn die lesenden Kinder nicht viel Vorwissen haben, brauchen sie hier auf jeden Fall helfende Kommentare, auch und gerade, weil die Illustrationen Peter McCartys eben auch nur Ausschnitte zeigen und ohne Vorwissen gewissermaßen ein intaktes Familienleben abbilden könnten. Wenn da zwei auf einen Baum blicken – naja, machen wir das nicht auch gelegentlich? Die Enge, das Eingepfertchsein, die Angst um das eigene Leben, all das wird hier sehr abgeschwächt, auch wenn Anne Franks Tod natürlich dokumentiert wird.

Vor allem erzählen McCarty und Gottesfeld aber die Geschichte eines Baumes, der Jahre nach Anne Franks Tod durch einen Blitzeinschlag starb, dessen Setzlinge jedoch rund um die Welt verteilt gepflanzt wurden. Dadurch bekommt die Geschichte einen hoffnungsvollen Dreh, der in diesem Zusammenhang fast ein wenig merkwürdig erscheint. Autor und Illustrator legen den Fokus auf das gemeinsame Erinnern, den Kampf gegen das Vergessen und wählen einen Baum als Mahnmal.

Viel Kontext erhalten die Leser*innen durch das Nachwort von Mirjam Pressler, die Anne Franks Leben noch einmal kurz und knapp zeitgeschichtlich einordnet und zudem einen stärkeren Bezug zu Deutschland herstellt, indem sie Orte nennt, an denen Setzlinge der Kastanie aus Anne Franks Hinterhof stehen. Daher auch die Punkte für weiterführende Tipps – denn diese gibt es zwar nicht, aber eben die Orte, wo die Bäume besichtigt werden können, wo Anne Frank und ihren vielen Schicksalsgenoss*innen gedacht werden kann.

„Anne Frank und der Baum“ ist damit ein Bilderbuch, das gerade deshalb für Kinder geeignet erscheint, weil es die Gräuel des Holocaust zwar nicht verschweigt, sie aber abfedert durch einen erinnerungskulturellen Dreh, der die Möglichkeit des Gedenkens und Erinnerns in den Fokus rückt. Das Buch ist zugleich ein Wandern auf schmalem Grat, scheint die Gefahr, hier in eine rein popkulturelle Erinnerungskultur abzudriften, doch gegeben. Angesichts der aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen kann andererseits nicht früh genug begonnen werden, Gedenken und Erinnern zu diskutieren und thematisieren. „Anne Frank und der Baum“ könnte dafür ein gutes Hilfsmittel sein.

Gestaltung 5/5
Sprache 5/5
weiterführende Tipps 3/5
Handlung 3/5

Jeff Gottesfeld (Text), Peter McCarty (Illustration), Mirjam Pressler (Übersetzung und Nachwort): Anne Frank und der Baum. Der Blick durch Annes Fenster. Ab 6 Jahren. Frankfurt a.M.: Fischer Sauerländer 2018. ISBN: 978-3-7373-5509-4. € 16,99.

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