Anne Frank im Comic

Das Tagebuch als Adaption und eine Biographie

Cover "Das Tagebuch der Anne Frank" von Ari Folman und David Polonsky
c Fischer Verlag

Anne Frank ist sicherlich eines der berühmtesten Opfer des Holocaust. Dank ihres Tagebuchs ist es uns möglich, zumindest eine Ahnung davon zu bekommen, was es bedeutet, verfolgt zu werden. Anne Franks Aufzeichnungen sowie das Anne Frank Haus in Amsterdam regen immer wieder zu Adaptionen ihrer Geschichte an. Das Bilderbuch „Anne Franks Baum“ habe ich hier schon einmal vorgestellt. Nun soll es um zwei Comic-Bücher gehen, die sich mit Anne Frank beschäftigen: Sid Jacobsons und Ernie Colóns „Das Leben von Anne Frank“ sowie die Adaption ihres Tagebuchs als Graphic Diary von Ari Folman und David Polonsky.

Das Tagebuch als Graphic Novel

Das Tagebuch als Graphic Novel zu lesen, ist absolut berührend. Folman und Polonsky gelingt es, Anne Franks Witz und Scharfsinn wundersam in diese Art der Darstellung zu übertragen. Da ist zum Beispiel Frau van Daan, die in ihrer aufgesetzten Damenhaftigkeit immer wieder karikiert wird. Die Adaption rafft manches, bleibt der Chronologie des Tagebuchs aber treu, so dass wir zum Beispiel erst spät die Hintergründe der Ehe ihrer Eltern aus Annes Sicht erfahren. In dieser Graphic Novel gelingt es, einerseits die Enge, das Aufeinanderhocken im Hinterhaus, das Eingesperrtsein, einzufangen. Andererseits können wir Anne Franks freiem Geist, ihrer Fantasie und ihrem Erfingungsreichtum folgen, sehen sie zum Beispiel vor uns auf dem Cover von Magazinen oder beim Flanieren als erwachsene Berühmtheit. Oder wir sehen Hitler explodieren.

Auch Annes Gedanken über die Liebe und den Körper werden wieder gegeben und an manchen Stellen habe ich mich gefragt, ob dieses Buch nicht teilweise näher dran ist am feministischen Pamphlet als so manch anderer zuletzt gelesener Text. So mutig, so stark, so reflektiert. Das Graphic Diary hat mir viele Passagen der lange vergangenen Lektüre des eigentlichen Tagebuchs wieder in Erinnerung gerufen. Besonders positiv ist hervorzuheben, dass an vielen Stellen ganze Passagen aus dem Tagebuch ungekürzt wiedergegeben werden – aus Respekt vor Anne Franks Schreiben, wie Folman im Nachwort erklärt. Gerade diese Transparenz über die Arbeit mit dem Tagebuch ist bewunderswert. Ehrlich gesagt: Vor der Lektüre habe ich mich gefragt, ob es dieses Comicbuch wirklich braucht. Ob es nicht genügt, Anne Franks Tagebuch zu lesen. Aber: Erstens werden so vielleicht Menschen erreicht, die den puren Text nie in die Hand nehmen würden. Und zweitens ist dieser Comic so respektvoll, so nah am Tagebuch, dass sich die Lektüre selbst dann lohnt, wenn das Tagebuch noch ganz präsent im Kopf ist. Am Ende bleiben Trauer und Wut über das zerstörte Leben einer so witzigen, klugen Frau.

Anne Franks Biographie

Sid Jacobson und Ernie Colón sind in ihrer Biographie natürlich etwas weiter weg von Anne Frank. Sie bauen das Buch chronologisch auf und erzählen uns zunächst etwas über Annes Eltern, wir erleben Annes behütete Kindheit und folgen ihr bis zu ihrem Tod im Konzentrationslager Bergen-Belsen. Die persönliche Geschichte wird durch „Schlaglichter“ ergänzt, die die jeweilige historische Situation erklären.

Cover "Das Leben von Anne Frank"
c Carlsen

Schade ist dabei, dass beispielsweise die Wahlerfolge der NSDAP nur über die aktuelle wirtschaftliche Krise erklärt werden. Die lange Tradition des Antisemitismus wird nicht erwähnt. Das macht die Erzählung des Holocaust traurig unvollständig und raubt ein wenig die Möglichkeit, über Kontinuitäten bis heute zu sprechen. Dennoch ist die Biographie lesenswert und stellt Anne Franks Leben facettenreich dar. Ein Ausblick schildert außerdem die Veröffentlichung ihrer Tagebücher. Dass ihr Vater dabei zunächst eingriff, wird deutlich. Die Comicform hilft der Biografie, einerseits die Enge des Raumes, andererseits später die Schrecken der Konzentrationslager plastisch darzustellen. Toll ist außerdem, dass am Ende des Buches sowohl eine kleine Zeittafel als auch Tipps zum Weiterlesen gegeben werden.

Ari Folman / David Polonsky: Das Tagebuch der Anne Frank. Graphic Diary. Übersetzt von Mrijam Pressler, Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. S. Fischer 2017. ISBN 978-3-10-397253-5. €20.

Sid Jacobson / Ernie Colón: Das Leben von Anne Frank. Eine Biografie. Mit einer Zeittafel der historischen Ereignisse. In Zusammenarbeit mit The Anne Frank House. Aus dem Englischen von Kai Wilksen. Carlsen Comics 2018. Ab 12 Jahren. ISBN 978-3-551-71387-2. €12.

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