So eine Bruderschaft der Vagabunden fehlt heute

Bea Davies im Interview über ihr Projekt „Der König der Vagabunden“ und das Zeichnen historischer Comics

Portrait Beatrice Davies
Bea Davies

Hier im Blog habe ich schon einige Autor*innen gesprochen und sie danach gefragt, wie sie mit dem Unterschied von Fakt und Fiktion umgehen. Beim Thema Comic und Zeichnen stellt sich diese Frage natürlich noch einmal auf eine ganz andere Weise. Darum habe ich mich riesig gefreut, dass Bea Davies bereit war, mir ein Interview zu ihrem aktuellen Projekt „Der König der Vagabunden“ zu geben. Das Comic erzählt die Lebensgeschichte von Gregor Gog, der die „Bruderschaft der Vagabunden“ gründete und die erste Straßenzeitung der Welt entwickelte.

Die Idee, seine Biographie als Graphic Novel umzusetzen kam von Patrick Spät, der auf Bea aufmerksam wurde, weil sie schon länger in einer Notunterkunft für Obdachlose arbeitete und ihre Erfahrungen dort beispielsweise für die Straßenzeitung „Straßenfeger“ oder das Uniprojekt 7naechte.com als Comic-Reportage umsetzte. Kein Wunder also, dass Bea gleich am Projekt interessiert war, das nun übrigens zugleich ihre Bachelor-Arbeit an der Kunsthochschule Berlin Weißensee wird.

Wie sah für dich bei diesem historischen Thema der Rechercheprozess aus?

Cover "Der König der Vagabunden" - Comic über Gregor Gog
c Bea Davies / avant Verlag

Wir haben natürlich unheimlich viel recherchiert. Patrick alleine hat schon vier Jahre an dem Thema gearbeitet, bevor er mich kontaktiert hat. Aber für Bilder kommen dann ja noch andere historische Momente ins Spiel. Schon allein die erste Seite: Da stehen zwei Polizisten im Schnee und bewachen ein Konzentrationslager – wie haben die sich in der Kälte angezogen? Oder ein Polizist leuchtet in die Dunkelheit: Wie sah damals so eine Taschenlampe aus? Einmal kommt Gregor Gog in einem Stall eines Landhauses im Schwarzwald unter. Da haben wir auch recherchiert, wie so ein Stall ausgesehen haben könnte. Besonders hilfreich war das Museum Europäischer Kulturen, das uns seine Archive geöffnet hat. Denn es ist ja zum Beispiel so: Klar, kann ich „Mode der 20er Jahre“ im Internet suchen. Dann bekomme ich wunderbare Einblicke, wie die High Society damals herumgelaufen ist. Aber wie sich Arbeiter*innen damals gekleidet haben, erfahre ich nicht.

Bilder haben ja eine besondere emotionale Strahlkraft und geben uns das Gefühl „Realität“ abzubilden. – Wie gehst du damit für dich um, wenn du historische Themen bearbeitest?

Ich würde nicht sagen, dass mein Stil hyperrealistisch ist, aber er ist schon sehr detailliert und ich bringe viele Facetten unter. Wir haben ja schon für das Storyboard unheimlich viel recherchiert, daran haben wir so von September 2018 bis Januar 2019 gearbeitet. Ab Januar habe ich dann an den Reinzeichnungen gesessen und immer wieder gemerkt: Hier fehlt noch ein Detail, das ich dann nachrecherchiert habe.

Wo ziehst du deine Linie zwischen Anlehnung an die Realität und fiktiven Elementen in diesem Bereich, beziehungsweise wo darfst du künstlerisch verfremden, um bestimmte Botschaften zu transportieren?

Das ist gar nicht so einfach. Als Patrick mit dem Projekt auf mich zukam, hatte er ja eigentlich schon ein Skript fast fertig. Aber ich habe dann schnell gemerkt: Das ist so nicht umsetzbar. Es war sehr nah an Gogs Leben und viel zu komplex. Das wären viel zu viele unterschiedliche Gesichter gewesen, die Leser*innen hätten dem nicht folgen können. Also mussten wir es vereinfachen. Das haben wir dann zusammen gemacht. Oft war es auch so, dass ich erst beim Zeichnen gemerkt habe: Das klappt so nicht. Dann habe ich wieder Patrick kontaktiert und einen Alternativvorschlag gemacht. Das ist auch ein tolles Arbeiten, immer so direkten Austausch zu haben. Patrick arbeitet ja hauptberuflich als Lektor, daher hat er auch einen guten Blick für die Storyline.

Was hat dich denn besonders an dem Thema gereizt?

Ich hatte ja schon anderthalb Jahre in einer Notunterkunft gearbeitet und darüber dann auch beim Straßenfeger, dadurch ist Patrick ja auf mich aufmerksam geworden und hat mir die Idee vorgestellt. In der Zeit habe ich so viele Menschen kennengelernt, so viele unterschiedliche Geschichten. Die Arbeit dort hat mich emotional wirklich betroffen gemacht. So viele Menschen dort sind einsam, tief einsam. Sie haben alle Kontakte verloren. Und dann ist da so eine Figur wie Gregor Gog, die sagt: Wir machen das gemeinsam. Wir schließen uns zusammen und verschaffen unserer Stimme Gehör. Und das ist so schön romantisch, oder auch utopisch, was er da sagt. Das hat mich gereizt. Mir fehlt das heute, diese Stimme, die sagt: Kommt wir tun uns zusammen. So eine Bruderschaft der Vagabunden, wie Gog sie gegründet hat, das gibt es ja gar nicht mehr.

Umso wichtiger scheint es, über ihn zu lesen! Vielen Dank für das tolle Gespräch und die spannenden Einblicke!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.