Comics und Holocaust aus historischer Perspektive

Der Sammelband „Beyond Maus“

Cover "Beyond Maus"
c Böhlau

In diesem Blog tauchen ja immer mal wieder auch Rezensionen zu Comics auf, die sich mit der Shoa befassen, zum Beispiel die Adaption von Anne Franks Tagebuch als Graphic Novel. Als ich daher den frisch erschienenen Sammelband und von Ole Frahm, Hans-Joachim Hahn und Markus Streb herausgegebenen Sammelband zur Darstellung des Holocaust in Comics, „Beyond Maus„, entdeckte, war ich sofort sehr gespannt. Der Sammelband ist auf Englisch erschienen, die Lektüre lohnt sich aber!

Die 18 im Band versammelten Texte beleuchten ihr Thema aus unterschiedlichsten Perspektiven. Es gibt Aufsätze, die das Gesamtthema erst einmal historisch verorten und beispielsweise auf Bilderserien wie „Mickey au Camp du Gurs“ von Horst Rosenthal, das schon 1942 entstand, verweisen. Immer wieder werden Verbindungen zwischen unterschiedlichen Kunstwerken deutlich. Andere Aufsätze konzentrieren sich stärker auf die dargestellten Figuren. Gibt es bestimmte Charaktere, die immer wieder auftauchen? Dabei betonen die Herausgeber schon im Vorwort, dass der klassische Superheld abwesend ist.

Medium Comic – Wissensvermittlung und Erinnerungskultur

Immer wieder dreht es sich aber auch um die Frage von Wissensvermittlung und Darstellungsformen. Dank zahlreicher Abbildungen lassen sich die Argumentationen der einzelnen Autor*innen auch dann nachvollziehen, wenn der jeweilige Comic nicht bekannt ist. Für mich war besonders interessant, erinnerungskulturelle Mechanismen in Israel (Susanne Korbel) oder Polen (Kalina Kupczińska) nachzuvollziehen. Gerade für den Blog hier dürfte auch ein Artikel von Georg Marschnig spannend sein, der sich mit dem Einsatz von Comics im österreichischen Geschichtsunterricht beschäftigt und dabei zu dem Schluss kommt, dass es natürlich eine sehr große Spannweite der Einsatzmöglichkeiten gibt, die stark von der jeweiligen Motivation der Lehrenden abhängt. Dennis Bock macht beispielsweise deutlich, wie sehr aktuelle Forschungen und neue Erkenntnisse auch auf die Darstellung im Comic einwirken – war zu Beginn das Wissen um Konzentrationslager eher ein allgemeines, gibt es nun immer mehr Mikro- und Alltagsstudien, was sich auch auf die Darstellung in Comics auswirkt.

Mit diesem Überblick sind nicht einmal ansatzweise alle Themen angerissen – so habe ich zum Beispiel hier erst gelernt, dass in den Tim&Struppi-Comics, die ich immer aus dem Augenwinkel als eher kultig wahrgenommen habe, viele antisemitische Vorurteile stecken (Hans-Joachim Hahn). Wer sich für Comics interessiert, hat hier auf jeden Fall eine wahre Fundgrube an Informationen, historischer Einordnung und Analysehilfe für die tiefere Beschreibung und Analyse der jeweiligen Darstellungstechniken und -formen. Absolut lesenswert.

Ole Frahm / Hans-Joachim Hahn / Markus Streb (Hrsg.): Beyond Maus. The Legacy of Holocaust Comics. Böhlau 2021 (Schriften des Centrums für Jüdische Studien 34). ISBN: 978-3-205-21065-8, ab €44,99.

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