„Forschung ist nie zu Ende“

Ein Interview mit Birge Tetzner

Portrait der Autorin Birge Tetzner, c Barbara Schmidt
Birge Tetzer, c Barbara Schmidt

Vor ein paar Wochen habe ich ja sehr begeistert von „Fred bei den Wikingern“ berichtet. Besonders spannend fand ich, dass das Buch zunächst als Hörbuch existierte. Darum bin ich sehr froh, dass Birge Tetzner von ultramar media, die die Geschichten rund um Fred schreibt, bereit war, mit mir über ihre Arbeitsweise zu sprechen.

Die „Fred…“-Reihe ist ja eigentlich ein Hörbuch-Konzept. Dabei gerät Fred regelmäßig als Zeitreisender in andere Epochen und lernt das Alltagsleben der damaligen Menschen kennen. Für „Fred bei den Wikingern“ haben Sie sich nun entschieden vom Audiobuch auch ins gedruckte Buch zu gehen. – Wie kam es zu dieser Entscheidung?

Ein Buch zu machen habe ich mir schon lange gewünscht. Es ist die ideale Ergänzung zum Hörspiel. Beim Hörspiel fand ich es immer ein bisschen schade, dass ich außer in einem kurzen Booklettext nirgendwo erklären konnte, wo die Information herkommt, das ganze Fachwissen, das in die Geschichte gewoben ist. Durch die Infoblöcke, die im Buch Freds Abenteuergeschichte zur Seite gestellt sind, erfahren die Leser*innen jetzt, wie die Archäolog*innen ihre Erkenntnisse gewinnen und welche Forschungsergebnisse in die Geschichte geflossen sind. Themen, die in der Geschichte nur gestreift werden oder einfach da sind, weil sie für die Wikinger*innen zu ihrem Leben gehörten, kann ich in den Infoblöcken nochmal vertiefen. Aber die ganze Wahrheit ist: so richtig angeschoben wurde die Entscheidung, ein Buch zu machen, von den Fred-Hörspiel-Fans, die beharrlich immer wieder gefragt haben: gibt’s die Abenteuer auch als Buch…?

„Fred bei den Wikingern“ hat mich vor allen Dingen so begeistert, weil Sie neben der eigentlichen Geschichte unheimlich viele Zusatzinformationen liefern, hier aber so mutig sind, auch Zweifel anzumelden und offen zu sagen, dass manches in der Forschung noch umstritten ist. Was ist Ihre Erfahrung, wie reagieren die Leser*innen auf diese Ungewissheiten oder Ambivalenzen?

Forschung ist nie zu Ende, sie ist ein stetiger Prozess. Die Wissenschaftler*innen sammeln Informationen und natürlich kristallisieren sich innerhalb dieses Prozesses Ergebnisse heraus, die verlässlich sind. Dadurch, dass es aber immer neue Funde gibt, können diese Ergebnisse auch ins Wanken kommen, z. B. Datierungen. Genau so versuche ich das zu vermitteln. Die Kinder, die ich bei Lesungen kennenlerne, finden das sehr spannend und reagieren mit Neugier und Interesse.

Ihr Buch ist reich gespickt mit Details aus dem Alltagsleben der Menschen, denen Fred begegnet. Können Sie einmal Ihren Rechercheweg für die Geschichten rund um Fred beschreiben? Wie sieht Ihr Arbeitsablauf aus?

Die Fred-Abenteuer gibt es ja bis jetzt immer zuerst als Hörspiel. Sobald ich weiß, wohin Fred das nächste Mal reisen wird, fange ich an zu recherchieren. Ich lese so gut wie alles zum Thema, was ich in die Finger bekomme (praktischerweise wohne ich direkt neben einer Bibliothek), Fachbücher für Erwachsene genauso wie Kinderbücher; ich sehe mir Dokumentationen an, besuche Museen und Ausstellungen, und manchmal schreibe ich auch Wissenschaftler*innen direkt an, wenn ich eine Frage habe und in der Literatur keine zufriedenstellende Erklärung finde. Dabei sammle ich für mich schon, was ich in die Geschichte einbringen will, Sachverhalte, die ich besonders spannend finde oder, die mich faszinieren. Manchmal schreibe ich schon während der Recherchephase einzelne Szenen auf, manchmal fange ich erst danach an zu schreiben, das ist unterschiedlich. Im besten Fall bleibt das Manuskript dann erst mal eine Weile liegen, damit ich es nach etwas Abstand wieder frisch lesen und überarbeiten kann. Oft habe ich schon während des Schreibens bestimmte Sprecher*innen für Rollen im Ohr. Die Produktion mache ich zusammen mit meinem Partner Rupert Schellenberger. Er ist der Komponist und Sounddesigner der Hörspiele, macht die Aufnahmen und das ganze Arrangement.

Die Entscheidung, dass wir aus dem Wikinger-Hörspiel ein Buch machen, fiel gut zwei Jahre, nachdem das Hörspiel erschienen war. Das heißt, ich habe nochmal neu recherchiert. Es gab zum Teil neue Forschungsergebnisse, die ich einarbeiten wollte. Freds Abenteuergeschichte ist zwar die gleiche, auch wenn ich fürs Buch die ein oder andere Szene noch ausgearbeitet oder hinzugefügt habe. Aber das Schreiben für Hörspiel oder Buch ist ziemlich verschieden. Das Hörspiel ist in der Regel dialoglastiger. Dann Satzbau und Formulierungen: vieles lässt sich gut sagen, aber fürs Lesen geschrieben wirkt es plötzlich sperrig. Im Hörspiel gibt es eine Klangkulisse, Geräusche machen eine Szene lebendig, haben aber auch eine beschreibende Funktion – starker Wind, Schritte im Schnee, Krähen statt Vogelgezwitscher machen klar: es ist Winter. Im Buch muss ich das beschreiben. Bei der Musik wird das noch deutlicher: Ob die Stimmung unbeschwert ist oder angespannt, bedrohlich oder heimelig – bei einer guten Hörspielmusik braucht es dafür nicht viele Worte, im Buch schon. Ich habe also die Geschichte im Grunde noch einmal geschrieben.
Die Info-Blöcke habe ich immer dorthin gesetzt, wo ich noch tiefer ins Detail gehen wollte. Oder wo ich deutlich machen wollte, dass das, was Fred in der Geschichte gerade erlebt, auf archäologischen Funden beruht (die Beerdigungszeremonie des Jarls zum Beispiel).
Und dann gibt es im Buch schließlich als dritte Ebene noch die wunderschönen Illustrationen von Karl Uhlenbrock. Auch darin steckt jede Menge Information, und zwar sowohl emotional als auch sachlich.

Dadurch, dass Fred durch die Zeit reist, ist ja schon eine starke Markierung gesetzt, dass es sich bei Ihrer eigentlichen Geschichte um Fiktion handelt. Wie gehen Sie insgesamt mit der Grenze zwischen recherchierten Fakten und Notwendigkeiten für Ihre fiktive Erzählung um?

Diese Grenze ist tatsächlich nicht immer leicht zu ziehen. Die Geschichte soll spannend sein, sie soll sich aber auch so zugetragen haben können. Bei Freds Abenteuer bei den Wikingern hatte ich keine Probleme das Abenteuer in historische Fakten einzubetten, und auch bei den anderen Fred-Abenteuern habe ich mir ziemlich genau überlegt, was passieren kann und was zu weit wegführen würde. Ich kann mir aber vorstellen, dass es sinnvoll sein könnte, historische Ereignisse zu bündeln oder zeitlich enger zusammenzurücken, um sie in eine Geschichte zu packen, wenn es hilft größere Zusammenhänge greifbarer zu machen. Allerdings würde ich die Leser*innen oder Hörer*innen darauf hinweisen. Ich gehöre selbst zu den Menschen, die immer genau wissen müssen, was an einer historischen Geschichte stimmt und was Fiktion ist. Aber im Grunde finde ich, dass ein Gefühl für die Zeit rüberkommen muss. Die Leser*innen müssen sich vorstellen können, wie es gewesen sein könnte. Unsere Hörspiele haben immer ein Booklet mit Zusatzinformation, und auch im Buch ist ein Anhang, der die Zeit der Wikinger*innen noch einmal zusammenfasst.

Die Wikinger*innen sind ja nun ein Thema, das aus verschiedenen Gründen immer zu faszinieren scheint. Nach welchen Kriterien suchen Sie aus, in welche Zeit Fred als nächstes reisen wird? Und was ist in Zukunft mit der Reihe geplant?

Wohin Fred reist, ist eine subjektive Entscheidung. Da die Hörspiele und Bücher in unserem eigenen Verlag erscheinen, haben wir alle Freiheiten, und darüber sind wir sehr glücklich. Es sind Themen, die mich persönlich interessieren. Manchmal kommt es vor, dass Museumskurator*innen an uns herantreten, die gerade eine Ausstellung planen, und fragen, ob wir dazu ein Fred-Hörspiel produzieren möchten. Das ist z. B. bei „Fred in der Eiszeit“ und bei „Fred am Tell Halaf“ so passiert. Für mich ist das schön, weil ich dann einen kurzen Weg zu den aktuellen Forschungsergebnissen habe. Grundsätzlich müssen uns die Themen aber einfach gefallen und sie müssen ins Programm passen. Das nächste Abenteuer wird Fred übrigens im alten Rom erleben – auf nachdrücklichen Wunsch vieler Fans 🙂

Vielen Dank für das Gespräch! Ich freue mich auf jeden Fall auf den Band!

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