Religion und Herrschaft

Kristina Gehrmanns Graphic Novel über Mary Tudor

Cover Bloody Mary
c Carlsen

Eine Bloody Mary ist vielen von uns im Alltag wohl eher als Drink geläufig (und auch da eher aus alten Flugzeug-Filmen) denn als die Herrscherin Mary I oder Mary Tudor, die von 1553 bis 1558 über England und Irland herrschte. Kristina Gehrmann widmet dem Leben der ambivalenten Königin nun mit “Bloody Mary. Die Geschichte der Mary Tudor” ein Comic, das nicht nur etwas für Fans des britischen Königshauses sein dürfte.

Mary ist die Tochter Katharina von Aragons und Henrys VIII. Dieser lässt die Ehe zu Katharina für nichtig erklären, nachdem diese ihm keinen Sohn gebiert. – Aus Marys Perspektive werden die weiteren amourösen, politischen und religiösen Eskapaden des Vaters geschildert. Ihrer Rolle als gut erzogener Tochter gemäß verurteilt sie den Vater nicht, beugt sich jedoch ebensowenig dessen Anspruch, die Aufhebung der Ehe mit ihrer Mutter anzuerkennen.

Mary bleibt katholisch und hat damit auf den europäischen Festland viele Verbündete. Nicht zuletzt dadurch wird sie vom Vater als dauerhafte Bedrohung für seine Nachfolge wahrgenommen. Erst als Mary fast wegen Verrats hingerichtet werden soll, beugt sie sich dem Wunsch des Vaters und erkennt dessen neues Nachfolgegesetz an, bleibt ihrem Glauben jedoch treu. Dieser ist es, der nach dem frühen Tod des Halbbruders, Edward IV, ihre Herrschaft über England prägt. Mary versucht, den katholischen Glauben wieder auf der Insel einzuführen und geht dabei mindestens genauso grausam vor wie ihr Vater und seine Verwalter, die zuvor die Klöster hatten schleifen lassen.

Religiöser Fanatismus als politischer Kompass

Kristina Gehrmann gelingt es in ihrem Comic großartig, deutlich werden zu lassen, wie Religion letztlich die einzige Konstante in Marys Leben war und ihr Glauben zugleich ihre Lebensversicherung. Ständig bedroht durch Intrigen und neue Ränkespiele ist der Glaube Marys einzige Zuflucht und so wird auch verständlich, mit welcher Vehemenz, Rücksichtslosigkeit und Grausamkeit sie sich für die Wiedereinführung des Katholizismus in England einsetzte.

Eine starke Erzählung, opulent und detailreich dargestellt. Superspannend ist, dass Gehrmann am Ende auf zwei Doppelseiten auch Einblick in ihr Arbeiten gibt – was sind die einzelnen Herstellungsschritte, wie wird recherchiert. Umso trauriger ist allerdings, dass es zwar eine „Was wurde eigentlich aus“-Seite gibt für die Figuren, deren Geschichte im Comic nicht zu Ende erzählt wird; eine Zeitleiste, ein Glossar und vor allen Dingen weiterführende Tipps fehlen jedoch. Gerade weil Gehrmann explizit auf Biographien hinweist, die sie zur Recherche gelesen hat, hätte sie diese gerne auch namentlich nennen können.

Wer aber auf der Suche nach einem exzellent erzählten Comic zur englischen Geschichte ist (oder zum Thema Religion und/oder weiblicher Herrschaft), ist hier an der genau richtigen Adresse, ich jedenfalls werde den schon angekündigten Nachfolgeband zu Marys jüngerer Halbschwester, Elizabeth I, mit großer Sicherheit lesen!

Sprache 5/5
weiterführende Tipps 2/5
Gestaltung 5/5

Kristina Gehrmann: Bloody Mary. Die Geschichte der Mary Tudor. Carlsen 2021. Ab 14 Jahren. ISBN: 978-3-551-79349-2, €28.

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