Die Verfolgung der Sinti und Roma im Nationalsozialismus

Iris Lemanczyks “Brennnessel-Haut”

Cover Brennnessel-Haut
c Horlemann

Eins meiner Themen in der mündlichen Masterprüfung war die Verfolgung der Sinti und Roma im Nationalsozialismus und ich weiß noch, dass ich bei der Recherche immer wieder dachte: Warum wusste ich das nicht? Warum haben wir da in der Schule nicht drüber gesprochen? Iris Lemanczyks Jugendbuch “Brennnessel-Haut. Eine wahre Geschichte” liefert einen guten Anlass, das Thema aufzugreifen.

Im Zentrum der Geschichte steht die Sinti-Familie Reinhardt und vor allem der jüngste Sohn Kajetan. An seinem Beispiel beobachten wir über Jahre, wie das nationalsozialistische Regime nach und nach sein Leben zerstört: Von immer lauter werdenden Hänseleien in der Schule, über das Wegschicken in die letzte Stuhlreihe trotz guter Noten, bis hin zum Umzug seines besten Freundes Heiner, da der regimekritische Vater strafversetzt wurde. Doch wirklich schlimm wird es, als die Sinti und Roma in einem Lager zusammengepfercht und schließlich sogar zum Teil in Konzentrationslager gebracht und dort ermordet werden.

Lemanczyk schildert die Lebensumstände der Sinti und Roma realistisch und bewegend. Sie macht deutlich, wie kleinteilig und perfide die Verfolgungsstrategien der Nationalsozialist*innen waren und zeigt gleichzeitig, wie manche Menschen sich im Kleinen gegen die Ungerechtigkeiten auflehnten und daran scheiterten. Besonders spannend ist, dass die Geschichte sich an wahren Begebenheiten orientiert und auf Gesprächen basiert, die Lemanczyk mit Überlebenden geführt hat. Kajetans bester Freund war übrigens Heiner Geißler, auch mit ihm sprach die Autorin. Angesichts der Tatsache, dass ihre drei wichtigsten Zeug*innen mittlerweile gestorben sind, ist Lemanczyks Buch umso wichtiger. Es gibt denen eine Stimme, die schon zu Lebzeiten zu wenig gehört wurden und die nun in Vergessenheit zu geraten drohen. Die Perspektive Kajetans ist gut gewählt, bietet Identifikationspotenzial und Reflexionsräume, da seine Irritation über das Geschehen auch uns immer wieder in unserer Fassungslosigkeit abholt.

Dennoch habe ich auch etwas zu meckern. Ich glaube, dem Buch hätte erstens eine größere sprachliche Distanz zum Z-Wort gut getan. Klar, im Jargon der NSDAP war der Begriff in Gebrauch und Lemanczyk macht in einer Vornotiz deutlich, dass sie den Begriff daher verwendet, um authentisch zu erzählen. Dass allerdings die Sinti und Roma selbst den Begriff auch immer wieder benutzen und nur an einer einzigen Stelle und recht spät im Buch ein Dialog dazu aufkommt, dass sie damit die Propaganda des NS-Regimes übernehmen, trägt dazu bei, dass hier die Grenzen verschwimmen und die Kritik und Brisanz nicht so deutlich werden. Toll hätte ich außerdem klarere Buch- und Recherchetipps gefunden, auch wenn das Nachwort schon viele Hinweise liefert und vor allen Dingen Lemaczyks Rechercheweg gut beschreibt.

Sprache 3/5 (wegen des oben genannten Kritikpunkts, sonst 5/5)
Handlung 5/5
weiterführende Tipps 3/5

Iris Lemanczyk: Brennnessel-Haut. Eine wahre Geschichte. Horlemann 2020. [Ab 11 Jahren]. ISBN: 978-3-89502-405-4, €12.

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