Anderssein, Glücklichwerden: Familienleben im England des frühen 20. Jahrhunderts

Cover Rindert Kromhout Brüder für Immer Mixtvision
Cover: Brüder für immer c Mixtvision

„Adel verpflichtet“ heißt es so schön. Aber Kreativität nicht auch? Überhaupt: Familie? Wie ob und warum wir uns aus den Schatten unserer Verwandten befreien können oder wollen, darum geht es in diesen beiden großartigen Romanen von Rindert Kromhout. Der Niederländer setzt sich mit der Bloomsbury Groop, zu deren bekanntesten Mitgliedern wohl Virginia Woolf zählt, auseinander und zwar aus Perspektive der Kinder dieser berühmten, kreativen, freien Menschen. Dabei stellt er einerseits ganz zentrale Fragen, etwa danach, was Liebe oder Freiheit für jeden Einzelnen von uns bedeuten. Nebenher schildert er das Leben im frühen 20. Jahrhundert. Die zeitgeschichtlichen Verwerfungen, den Krieg.

Aufkommender Faschismus

In „Brüder für immer“ berichtet uns Quentin vom Leben seines großen Bruders Julian. Gleich am Anfang erfahren wir, dass Julian im Spanischen Bürgerkrieg auf Seiten der Kommunist*innen aktiv war und starb. Dieses Wissen liegt wie ein Schleier über dem gesamten Text und gibt ihm eine melancholische Note. Dennoch tritt das Chaotische, Besondere, Spontane, Faszinierende, all das Wunderbare, das Quentin in seinem Leben sieht, klar zu Tage. Er erkennt früh, dass er Schriftsteller werden wird und beobachtet seine Familie. Julian ist sein bester Freund und sein großes Vorbild. Ob es um die richtige Art, ein Baumhaus zu bauen oder später um Mädchenfragen geht – Julian weiß, die Dinge richtig anzugehen. Doch irgendwann geht Julian zur Schule und die beiden Brüder entfernen sich immer mehr voneinander, vor allem nachdem Julian die Politik für sich entdeckt. Der aufkommende Faschismus, die Grabenkämpfe zwischen links und rechts werden uns Leser*innen so durch die Gespräche zwischen Julian und dem Rest der Familie vorgeführt. Besonders interessant daran ist, dass natürlich alle Mitglieder der Bloomsbury Group antifaschistisch eingestellt sind. Doch Julian ist der einzige, der dafür auch kämpfen würde. In Zeiten wie unseren ist die Diskussion, für was wir uns einsetzen und wann wir uns darauf zurückziehen können, einfach unser Leben zu leben, durchaus eine Interessante, die sich nachzuvollziehen lohnt – zumal Julians Tod zeigt, dass Krieg wohl kaum die Antwort sein kann.

Künstlerleben im Zweiten Weltkrieg

Cover Rindert Kromhout Anders als wir Mixtvision
Cover Anders als wir c Mixtvision

Anders als wir“ ist das zweite Buch Kromhouts zur Bloomsbury Group. Es ist nicht direkt als Spin-Off von „Brüder für immer“ zu verstehen, beide Texte funktionieren auch losgelöst voneinander. Dennoch ergänzen sie sich geradezu perfekt, da „Anders als wir“ zwar wieder von Quentin erzählt wird. Dieses Mal jedoch schreibt er die Geschichte seiner kleinen Schwester Angelica aus deren Perspektive auf. Dazu kommt es, als Virginia Woolf verschwunden ist. Die jungen Erwachsenen wollen ihre Sorge um die geliebte Tante kanalisieren und lernen einander dabei auf völlig neue Weise kennen. An diesem Kniff ist toll, dass er deutlich macht, wie unterschiedlich die Wahrnehmung der Dinge sein kann. Auch ohne den Abgleich mit „Brüder für immer“ wird das deutlich, da auch Vanessa, Angelicas Mutter und Virginias Schwester, zum Schluss zu Wort kommt. Zunächst aber begegnen wir einem jungen Mädchen, das sich nichts sehnlicher wünscht, als normal zu sein und geliebt zu werden. Regeln, Fürsorge, all das vermisst sie in ihrem Leben mit den Künstler*innen um sie herum, in dem sie tun und lassen kann, was sie möchte. Die viele Freiheit und Kreativität sind Angelica zu viel. Sie sucht nach ihrer Rolle im Leben, nach ihrem Platz, nach Aufmerksamkeit. Im Hintergrund des Konfliktes beginnt der Zweite Weltkrieg und wir erleben mit, wie er immer tiefer in das Alltagsleben der Familie eindringt. Geschichte wird hier erleb- und erfahrbar, bleibt aber dennoch Hintergrund. Am Ende der Romane lässt Kromhout uns in einem kleinen Nachwort wissen, wie er selbst durch England reiste und durch Besichtigung von Virginia Woolfs Haus Monk’s House zur Idee für die Texte kam. Insofern gibt es kleinere Hinweise, wo es mehr über die Bloomsbury Group zu erfahren gibt und welche der Stätten, die in den Romanen auftauchen, zu besichtigen sind. Eine Zeitleiste oder ähnliche historische Zusatzmaterialien bleiben jedoch aus. – Angesichts des stark selbstreflexiven literarischen Charakters der Texte hätte das vermutlich auch nicht besonders gut gepasst. Auch wenn die Romane eben Romane und keine Biographien sind, liefern sie unheimlich viel Wissen über die Bloomsbury Group und ihre Lebensumstände. Sie lassen das Leben der Boheme vor die inneren Augen treten – und machen auf angenehme Art und Weise deutlich, dass es mehr als ein Familien- oder Lebensmodell gibt. Neben der inhaltlichen Dichte überzeugt die schön von Birgit Erdmann übersetzte Sprache und die emotionale Tiefe der Figuren. Gerade die Geschichte von Virginia Woolf ist tragisch, auch sonst wird nie ganz klar, ob die Protagonist*innen wirklich glücklich sind. Doch spannend sind sie und mitreißend und nie werden sie bewertet. Lesenswert!

Gestaltung 5/5
Sprache 5/5
weiterführende Tipps 2/5
Handlung 5/5

Rindert Kromhout: Anders als wir. Aus dem Niederländischen von Birgit Erdmann. München: Mixtvision 2018. Ab 12 Jahren. ISBN 978-3-95854-122-1. € 14,90.

Rindert Kromhout: Brüder für immer. Aus dem Niederländischen von Birgit Erdmann. München: Mixtvision 2018. Ab 12 Jahren. ISBN 978-3-95854-128-3. € 9,90.

Ein Gedanke zu „Anderssein, Glücklichwerden: Familienleben im England des frühen 20. Jahrhunderts“

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