Erwachsenwerden durch Abschiede

Karin Bruders „Zusammen allein“

Cover "Zusammen allein"
c Reihe Hanser

Rumänien Ende der 80er Jahre – das sozialistische System wird zunehmend brüchig, jedoch keineswegs weniger brutal. Immer mehr Menschen stellen Ausreiseanträge. Unter ihnen auch Agnes‘ Eltern. In „Zusammen allein“ erzählt Karin Bruder vom Alltag in der Ceaușescu-Diktatur, vor allem aber von der Frage: Was macht das Leben in ständiger Anpassung mit den Menschen?

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Die Sinnlosigkeit des Tötens

Kirsten Boies “Dunkelnacht” und die Endphasenverbrechen des Zweiten Weltkriegs

Cover "Dunkelnacht"
c Oetinger

Kirsten Boie ist dafür bekannt, dass sie alle Register des Kinder- und Jugendbuchs bedienen kann. Von locker-leicht bis schwer und tiefgründig ist alles dabei. Vor einigen Wochen hatte ich schon “Ringel, Rangel, Rosen” zu den 1950er Jahren in Hamburg vorgestellt. Hier soll es nun um das relativ frisch erschienene “Dunkelnacht” gehen, das für Menschen ab 15 Jahren von Endphasenverbrechen in einer bayerischen Kleinstadt erzählt.

Zugegeben, ich habe ein bisschen gebraucht, um die Tonalität des Buches voll anzunehmen. Eine Vielstimmigkeit unterschiedlichster Protagonist*innen wechselt hier mit einer Erzählstimme, die deutlich mehr weiß als wir und immer mal wieder Vorgriffe macht. Diese Vorgriffe sind es, die von Anfang an deutlich machen: Es geht um viel in diesem Buch. Und damit ist eben nicht nur die Liebesgeschichte zwischen Marie, Gustl und Schorsch gemeint. Es geht um Menschenleben.

Denn am 28. April 1945 kommt die Meldung über das Radio: Die Amerikaner kommen, Bayern ist frei. Und so ziehen die alten Kommunisten zum Rathaus. Der frühere Bürgermeister verlangt sein Amt zurück, kommissarisch versteht sich. Nach all den Erfahrungen der Folter, des Lebens im KZ Dachau, setzt er auf Versöhnung, auf Wiederaufbau, auf friedliche Kapitulation. Doch zu früh. Die Wehrmacht ist noch da, die Werwölfe ziehen auch durchs Dorf und so geschehen am 28. April sowie in der Nacht zum 29. April 1945 noch sechzehn Morde im kleinen Penzberg. Sechzehn Menschen werden getötet, einen Tag bevor die Amerikaner tatsächlich auch die Stadt befreien.

Boie gelingt es meisterlich, die Spannung zu halten, vor allem aber die Absurdität der Situation zu beschreiben. Immer wieder macht sie deutlich, wo für die unterschiedlichen Befehlshaber und -empfänger Wege zur Umkehr gewesen wären. Dass keiner der Täter nach dem Zweiten Weltkrieg rechtskräftig verurteilt wurde, wird durchweg als Ungerechtigkeit gebrandtmarkt. Diese Position macht Boie in einem Nachwort noch stärker. Hier liefert sie auch eine kurze Kontextualisierung sowie eine Beschreibung ihrer Recherche. Besonders stark ist zudem, dass sie die Grenzen zwischen recherchierten Fakten und von ihr hinzugefügter Fiktion klar kennzeichnet.

Ein bedrückendes Buch, das ich trotzdem in einem Rutsch durchgelesen habe. Empfehlenswert!

Kirsten Boie: Dunkelnacht. Oetinger 2021. Ab 15 Jahren. ISBN: 978-3-7512-0053-0. €13.

Ein Klassiker zur deutschen Geschichte

Klaus Kordons „Trilogie der Wendepunkte“

Cover "Die roten Matrosen"
c Gulliver

Ich habe vor einiger Zeit schon die Comic-Adaption von „Der erste Frühling“ besprochen (hier findet ihr den Text), jetzt wollte ich mich aber noch einmal der gesamten „Trilogie der Wendepunkte“ von Klaus Kordon widmen. Los geht es mit „Die roten Matrosen oder ein vergessener Winter“, dann kommt „Mit dem Rücken zur Wand“ und zuletzt eben „Der erste Frühling“. Die Trilogie erzählt letztlich die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts in Berlin am Beispiel der Arbeiterfamilie Gebhardt.

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Zeitgeschichte im Comic

Love is Love

Cover "Love is Love"
c panini

Im Juni 2016 wurden 49 Menschen in einem Nachtclub für Schwule in Orlando ermordet. Schon am nächsten Tag rief Marc Andreyko in der Community dazu auf, eine gemeinsame Aktion zu starten. Ergebnis ist der vorliegende Comicband “Love is Love”.

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Ungerechtigkeit und Tod konkret erzählt

„Der Traum von Olympia“ von Reinhard Kleist

Cover "Der Traum von Olympia"
c Reinhard Kleist/Carlsen

Zugegeben, „Der Traum von Olympia“ wurde schon aller Orten besprochen. Dennoch hatte ich Reinhard Kleists Nacherzählung des Lebens der Sportlerin Samia Yusuf Omar in Comic-Form bisher nicht gelesen. Es wurde also höchste Zeit und angesichts der aktuellen Entwicklungen in Moria, wurde mir immer klarer, dass ich das Buch unbedingt im Blog besprechen will, auch wenn das Thema – sagen wir mal – sehr zeitgeschichtlich ist.

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Noch mehr Role Models, Vorbilder und Ikonen

Arabelle Sicardi stellt uns „Queer Heroes“ vor

Cover Queer Heroes
Queer Heroes c Prestel

Das Prinzip ist seit „Good Night Stories for Rebel Girls“ wohl vertraut (die Rezension dazu siehe hier). Dennoch hat mich „Queer Heroes“ ganz besonders berührt. Das mag auch am Vorwort von Arabelle Sicardi liegen, die ihren Wunsch, dieses Buch zu machen, direkt und offen erklärt. Sie selbst hätte sich oft gewünscht zu wissen, nicht allein zu sein. Zu wissen, zu einer Community zu gehören. Und so schenkt sie uns dieses Buch.

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Der Preis des Widerstands

Wilma Geldorfs „Reden ist Verrat“

Cover "Reden ist Verrat"
c Gerstenberg

Gegen die Deutschen muss vorgegangen werden, daran gibt es für Freddie keinen Zweifel. Als sie und ihre Schwester Truus gefragt werden, ob sie Teil einer niederländischen Widerstandsgruppe werden wollen, sagen sie daher zu. Doch wie weit dürfen wir für dich richtige Sache gehen? Mit dieser Frage setzt sich Wilma Geldorf in „Reden ist Verrat“ auseinander. Das Jugendbuch ist ab 14 Jahren empfohlen, aus meiner Sicht ist es aber ein absoluter All-Ager!

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Wenn Krankheit zuschlägt

Makiia Luciers „Das Fieber“ über die Spanische Grippe

Cover "Das Fieber"
c Königskinder

Ich muss zugeben: Es ist schon ein Weilchen her, dass ich dieses Buch (und zudem nur auf Englisch) gelesen habe. Aber angesichts der Corona-Aufregung musste ich in letzter Zeit häufiger daran denken, wie Makiia Lucier in „Das Fieber“ über den Ausbruch der Spanischen Grippe erzählt. Das Jugendbuch ab 14 Jahren ist tatsächlich so spannend, dass ich mich auch ein paar Jahre später noch daran erinnern kann.

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Jugend in Totalitarismus und Krieg

„Wo die Freiheit wächst“ erzählt von der Suche nach Freiheit im Nationalsozialismus

Cover Wo die Freiheit wächst
c arsEdition

Ein Briefroman. Und dann auch noch so ein dicker Wälzer. Doch diese Vorurteile zählen hier nichts. Jedes Wort, jeder Satz, jede Seite von „Wo die Freiheit wächst“ (ab 14 Jahren) ist lesenswert. Frank Maria Reifenberg schafft es in diesem Jugendbuch über die Edelweißpiraten, uns die Realität des Zweiten Weltkriegs so nahe zu bringen, dass sie weh tut.

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Ruhrpott ohne Romantik

Ralf Rothmanns „Milch und Kohle“

Cover Milch und Kohle Büchergilde
Büchergilde

Simon ist 15 und viel jünger sollten die, die seine Geschichte lesen, wohl auch nicht sein, denn „Milch und Kohle“ ist kein ausgewiesener Jugendroman. Dennoch habe ich ihn in diese Serien aufgenommen, weil die Büchergilde eine ausgesprochen wunderbar gestaltete Ausgabe des Textes von Ralf Rothmann herausgebracht hat, die durch die ausdrucksvollen Illustrationen von Jörg Hülsmann das Ruhrgebiet der 1960er Jahre greif- und erlebbar macht.

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