„Es ist ein Roman, keine Biographie“

Ein Interview mit Rindert Kromhout über „Brüder für immer“ und „Anders als wir“

Foto von Rindert Kromhout am Verlagsstand von Mixtvision
Rindert Kromhout

Ich habe hier im Blog sehr begeistert die Jugendbücher von Rindert Kromhout zur Bloomsbury Group besprochen (hier geht’s zur Rezension). Umso mehr habe ich mich gefreut, dass ich auf der Buchmesse die Möglichkeit hatte, persönlich mit Rindert zu sprechen. – Es geht wie immer um den Umgang mit Fakt und Fiktion. Als ich am Mixtvision-Stand ankam, war er noch im Gespräch mit der Jugendbuchjury des Jugendliteraturpreises aus Berlin, denn „Anders als wir“ hat es völlig zurecht unter die Nominierten geschafft.

Saskia: Bist du aufgeregt wegen der Verleihung des Jugendliteraturpreises später?

Rindert: Naja, für mich ist eigentlich das Wichtigste, dass junge Leserinnen und Leser, wie die Jugendjury, mit der ich gerade gesprochen habe, mir sagen, dass sie das Buch mögen. Dass sie so verzaubert sind von der Bloomsbury Group sind wie ich selbst und nun vielleicht auch Lust haben, zum Beispiel die Bücher von Virginia Woolf zu lesen.

Man merkt den Büchern ja an, wie begeistert du von der Welt der Bloomsbury Group bist. Im Nachwort erzählst du auch ein bisschen, wie du auf das Thema gekommen bist. Wie lange hat die Recherche insgesamt gedauert?

Lang! Zuerst habe ich natürlich die Häuser besichtigt: Charleston Farmhouse, das ist das Haus von Vanessa Bell, Monk’s House, Sissinghurst Castle. Und im ersten Band, „Brüder für immer“, erzähle ich von einer kleinen Kirche. Da war ich auch. Ich musste all diese Orte besuchen, um darüber überzeugend schreiben zu können. Und dann habe ich natürlich viele Biographien und Bücher über die Bloomsbury Group gelesen. Das war wichtig. Aber wichtiger war es für mich, die Egodokumente der Personen zu lesen – die Tagebücher von Virginia Woolf, Briefe, Autobiographien. Das waren die Menschen selbst, die da reden. So habe ich die Stimmen und Charaktere der Bloomsburys kennengelernt. Das war für mich das wichtigste. Dafür brauchte ich ungefähr ein halbes Jahr und dann habe ich eine erste Version des Buches geschrieben, dafür brauche ich so sieben bis acht Monate. Dann geht es an den Verlag und meine Lektorin und ich wünsche mir ein kritisches Feedback. Ich bin nach so vielen Monaten betriebsblind. Da brauche ich eine gute, kritische Leserin, die mir sagt, wo die Schwächen sind.

Cover "Anders als wir"
c Mixtvision

Jetzt ist es ja ein Roman über Dinge, die wirklich passiert sind. Wie hast du dir die Grenze gesetzt: Was durftest du selbst erfinden, und was musste so passiert sein?

Ja, das ist ein bisschen kompliziert. Ich habe Bücher über die Bloomsbury Group und jetzt – noch nicht übersetzt – über Klaus Mann, den Sohn von Thomas Mann, geschrieben. Und bei Bloomsbury hat es so angefangen: Ich wollte einen Roman schreiben, der den Geist der Bloomsbury Group fasst, eine Hommage an ihren Lebensstil. Aber während ich arbeitete, kam die historische Wahrheit immer näher und näher, es wurde immer mehr eine Geschichte nicht nur im Geiste der Bloomsbury Group, sondern über die Gruppe. Historisch habe ich zum Beispiel die Geburtsjahre von Quentin und Julian verändert, denn ich brauchte Jungen und nicht junge Erwachsene. Aber ich habe auch im Nachwort erklärt: Es ist ein Roman, keine Biographie. Was passiert, ist auch wirklich passiert, nur wann es passiert, habe ich teilweise ein bisschen verändert. Jetzt gerade arbeite ich an einem Buch über Klaus Mann, da ist es so, dass das Jahr 1933 auch wirklich das Jahr 1933 ist.

Bei Quentin, dem Erzähler der Romane, ist ja sehr auffällig, dass er sehr oft darüber nachdenkt, was ein guter Schriftsteller ist. Wie viel von dir ist da drin? Ist das auch deine Perspektive darauf, was gutes Schreiben ist?

Ich habe mir überlegt, dass Quentin der Erzähler sein muss, weil er der einzige ist, der auch mal über die anderen spricht und nicht nur über sich. Er ist sozusagen neutral. Er ist nicht wie ich bin, aber für mich ist er schon der, der mir am nächsten ist. Die anderen, ja, die Bloomsburys sind faszinierend. Aber ich bin mir nicht sicher, wenn ich die Bloomsburys im wirklichen Leben treffen würde, ob ich mich dann mit ihnen befreunden würde. Bei Quentin denke ich schon, dass das ginge. Ich hatte auch als ich jung war berühmte Schriftsteller aus den Niederlanden, die mich angeleitet haben, zum Beispiel Tonke Dragt. Als ich 19 Jahre alt war, bin ich zu ihr gegangen und sie hat mir Tipps gegeben, so wie Virginia es für Quentin macht.

Für mich als deutsche Leserin sind die Bücher auch gerade deshalb so spannend, weil es um eine Zeit geht, in der sich politische Überzeugungen radikalisieren und in der die Frage, ob und wie eine politische Position bezogen werden sollte, wichtig ist. Gerade in Deutschland angesichts von Populismus fand ich das sehr spannend…

Auch in Holland!

Hattest du das im Hinterkopf, während du die Bücher geschrieben hast?

Das hat keine Rolle gespielt. Aber ich habe das natürlich auch gesehen. Das kann man jetzt wieder sagen: Lauft nie hinter den Marktschreiern, den Populisten, her! Glaubt nicht einfach das, was euch irgendwer erzählt. Denkt lieber erst einmal selbst nach! Das ist das, was man jetzt wieder sagen muss. In Holland haben wir auch die Rechtspopulisten, hier in Deutschland die Alternative für Deutschland, in Italien… Die Menschen lernen nicht. Aber das war für mich nicht wichtig, als ich an dem Buch gearbeitet habe.

Wie wichtig findest du das, dass ein Buch auch etwas über das Jetzt aussagt?

Das ist zufällig in diesen Büchern. Das ist schön, das ist wichtig, aber es muss nicht sein. – Ein Buch sollte spannend aufgrund seiner Geschichte, seiner Sprache sein. Eine tiefere Meinung muss sich jeder selbst bilden. Ich will nicht als Pädagoge schreiben!

Auf Deutsch sind ja zwei Bücher erschienen, eines aus Angelicas, eines aus Quentins Perspektive – hast du damit alles gesagt?

Auf Niederländisch gibt es noch ein drittes Buch, das hoffentlich noch auf Deutsch erscheinen wird. Das ist der letzte Tag von Duncan Grant in Charleston Farmhouse, an dem Quentin zu ihm geht und ihn bittet, alles zu erzählen, was bisher noch im Dunkeln geblieben ist. Quentin ist da wieder der Erzähler einer anderen Perspektive. Ich denke, dass ich damit alles, was ich über die Bloomsbury Group sagen wollte, gesagt habe. Jetzt ist Klaus Mann an der Reihe.

Cover "Brüder für immer"
c Mixtvision

Und würdest du die Texte überhaupt selbst als Jugendbuch definieren? Ich selbst finde nämlich, es sind wirklich klassische All Age-Romane.

Ich dachte bei Band eins, „Brüder für immer“ schon, dass es ein Buch für junge Leserinnen und Leser ist. Es ist auch als bestes historisches Buch für die Altersgruppe ab 12 Jahren in den Niederlanden ausgezeichnet worden. Aber die Leserinnen und Leser waren meistens Erwachsene. Und das zweite Buch, da habe ich nicht mehr so viel nachgedacht, ob es für Jüngere ist. – Ich schreibe, wie ich schreibe. Das ist genau wie die Frage, ob es Literatur ist oder nicht. Ich denke natürlich schon, dass es Texte gibt, die für Kinder noch zu schwer sind. Aber als ich fünfzehn war, habe ich auch Hesse oder Böll gelesen – wo ist da die Grenze? Allerdings muss ich schon sagen, dass die Jugend eine schwer zu erreichende Gruppe ist. Sie brauchen Lehrerinnen und Lehrer, die sie für das Lesen begeistern!

Vielen, vielen Dank für das Interview! Ich hoffe sehr, dass sowohl der dritte Band zur Bloomsbury Group als auch die Klaus Mann-Romane noch ins Deutsche übersetzt werden!

„Ich denke mir ja nicht ein Raumschiff aus, das irgendwo landet.“

Autorin Dorit Linke im Interview

Gedenktafel Grenzübergang Berlin "Hier waren Deutschland und Europa bis zum 10. November 1989 um 0:32 Uhr geteilt."
c Dorit Linke

Zum Jubiläumsjahr der friedlichen Revolution darf das Thema auch in der Kinder- und Jugendliteratur natürlich nicht fehlen. Zwei Romane zum Thema habe ich hier schon mit besonderer Begeisterung besprochen – „Jenseits der blauen Grenze“ und „Wir sehen uns im Westen“ von Dorit Linke. Umso mehr habe ich mich gefreut, dass sie Zeit und Lust hatte, mir ein Interview zu geben. In dem Gespräch geht es wie so oft hier im Blog um die Grenzen von Fiktion und „Realität“, aber auch um das Verhältnis von Jugendlichen heute zur DDR.

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Perspektive, Fiktionalisierung und Erzählformen

Ein Interview mit Dr. Monika Rox-Helmer zu Geschichtsdidaktik und Kinder- und Jugendliteratur

Portrait Dr. Monika Rox-Helmer
Dr. Monika Rox-Helmer

In diesem Blog geht es ja viel darum zu reflektieren, ob und wie Kinder- und Jugendliteratur historisches Wissen vermitteln kann. Was liegt daher näher, als mit einer Geschichtsdidaktikerin über das Thema zu sprechen? Dr. Monika Rox-Helmer ist Studienrätin an der Uni Gießen. Historische Jugendbücher und deren Lektüre im Geschichtsunterricht gehören zu ihren Forschungsschwerpunkten.

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“Ein wissenschaftlicher Text ist viel einfacher zu schreiben.”

Aline Sax über die Unterschiede ihrer Arbeit als Historikerin und als Autorin.

Portrait Aline Sax (c Koen Broos)
Aline Sax © Koen Broos

Die belgische Autorin Aline Sax ist Historikerin und schreibt in ihren Kinder- und Jugendbüchern über historische Themen. Zwei ihrer Texte habe ich hier schon besprochen: Das Mädchen und der Soldat und ihr neuestes Buch auf deutsch, Grenzgänger. Beide Texte haben mich sehr berührt. Umso mehr habe ich mich gefreut, dass Aline bereit war, mir ein Interview zu geben, in dem es viel darum geht, wie sich wissenschaftliches und fiktionales Schreiben unterscheiden und warum wir so von Geschichte und Geschichten fasziniert sind.

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Neue Perspektive für historische Themen

Filip Kolek (Reprodukt/avant) über Geschichtliches im Comic für Kinder und Jugendliche

Zeichnung Filip Kolek. © Anne Becker
Filip Kolek bei der Arbeit. © Anne Becker

Vor einiger Zeit habe ich hier im Blog „Nieder mit Hitler!“ von Jochen Voit und Hamed Eshrat vorgestellt (hier geht’s zur Rezension). Das Buch ist im avant-Verlag erschienen und ich wollte gerne wissen, wie bei einem Verlag, der auf Comics spezialisiert ist, generell mit historischen Themen umgegangen wird. Filip Kolek ist seit 2012 für die Öffentlichkeitsarbeit von Reprodukt und avant zuständig und hat mir einen kleinen Einblick in die Verlagsarbeits- und Comic-Welt gewährt.

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„Wir fanden das absolut zumutbar“ – Lektorin Katharina Ebinger im Interview

Die Anglistin Katharina Ebinger ist seit 2014 Programmleiterin für die Verlage Thienemann, Gabriel und Aladin.

Vor einiger Zeit habe ich hier im Blog „Verloren in Eis und Schnee“ von Davide Morosinotto (Thienemann) vorgestellt. Ich fand das Buch auch deshalb außergewöhnlich für den Kinder- und Jugendbuchmarkt, weil es den Zweiten Weltkrieg aus Sicht sowjetischer Kinder aus Leningrad darstellt und nicht aus deutscher Perspektive. Grund genug, beim Thienemann-Verlag nachzufragen, wie dort mit historischen Themen umgegangen wird. Von Verlagsentscheidungen, Lektoratserfahrungen und historischen Themen auf dem deutschen Kinder- und Jugendbuchmarkt erzählt Katharina Ebinger im Interview.

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“Am Anfang steht die Recherche”. Johannes Herwig im Interview über “Bis die Sterne zittern”

Portrait Johannes Herwig

Ich habe “Bis die Sterne zittern” ja schon sehr begeistert in diesem Blog gesprochen (zur Rezension geht es hier). Umso mehr habe ich mich gefreut, dass der Autor Johannes Herwig bereit war, mir ein Interview zu geben. Speziell wollte ich mehr darüber erfahren, wie er mit dem historischen Stoff umgegangen ist und wie er die Reaktionen seiner Leser*innen erlebt.

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