Die Sinnlosigkeit des Tötens

Kirsten Boies “Dunkelnacht” und die Endphasenverbrechen des Zweiten Weltkriegs

Cover "Dunkelnacht"
c Oetinger

Kirsten Boie ist dafür bekannt, dass sie alle Register des Kinder- und Jugendbuchs bedienen kann. Von locker-leicht bis schwer und tiefgründig ist alles dabei. Vor einigen Wochen hatte ich schon “Ringel, Rangel, Rosen” zu den 1950er Jahren in Hamburg vorgestellt. Hier soll es nun um das relativ frisch erschienene “Dunkelnacht” gehen, das für Menschen ab 15 Jahren von Endphasenverbrechen in einer bayerischen Kleinstadt erzählt.

Zugegeben, ich habe ein bisschen gebraucht, um die Tonalität des Buches voll anzunehmen. Eine Vielstimmigkeit unterschiedlichster Protagonist*innen wechselt hier mit einer Erzählstimme, die deutlich mehr weiß als wir und immer mal wieder Vorgriffe macht. Diese Vorgriffe sind es, die von Anfang an deutlich machen: Es geht um viel in diesem Buch. Und damit ist eben nicht nur die Liebesgeschichte zwischen Marie, Gustl und Schorsch gemeint. Es geht um Menschenleben.

Denn am 28. April 1945 kommt die Meldung über das Radio: Die Amerikaner kommen, Bayern ist frei. Und so ziehen die alten Kommunisten zum Rathaus. Der frühere Bürgermeister verlangt sein Amt zurück, kommissarisch versteht sich. Nach all den Erfahrungen der Folter, des Lebens im KZ Dachau, setzt er auf Versöhnung, auf Wiederaufbau, auf friedliche Kapitulation. Doch zu früh. Die Wehrmacht ist noch da, die Werwölfe ziehen auch durchs Dorf und so geschehen am 28. April sowie in der Nacht zum 29. April 1945 noch sechzehn Morde im kleinen Penzberg. Sechzehn Menschen werden getötet, einen Tag bevor die Amerikaner tatsächlich auch die Stadt befreien.

Boie gelingt es meisterlich, die Spannung zu halten, vor allem aber die Absurdität der Situation zu beschreiben. Immer wieder macht sie deutlich, wo für die unterschiedlichen Befehlshaber und -empfänger Wege zur Umkehr gewesen wären. Dass keiner der Täter nach dem Zweiten Weltkrieg rechtskräftig verurteilt wurde, wird durchweg als Ungerechtigkeit gebrandtmarkt. Diese Position macht Boie in einem Nachwort noch stärker. Hier liefert sie auch eine kurze Kontextualisierung sowie eine Beschreibung ihrer Recherche. Besonders stark ist zudem, dass sie die Grenzen zwischen recherchierten Fakten und von ihr hinzugefügter Fiktion klar kennzeichnet.

Ein bedrückendes Buch, das ich trotzdem in einem Rutsch durchgelesen habe. Empfehlenswert!

Kirsten Boie: Dunkelnacht. Oetinger 2021. Ab 15 Jahren. ISBN: 978-3-7512-0053-0. €13.

Ein Klassiker zur deutschen Geschichte

Klaus Kordons „Trilogie der Wendepunkte“

Cover "Die roten Matrosen"
c Gulliver

Ich habe vor einiger Zeit schon die Comic-Adaption von „Der erste Frühling“ besprochen (hier findet ihr den Text), jetzt wollte ich mich aber noch einmal der gesamten „Trilogie der Wendepunkte“ von Klaus Kordon widmen. Los geht es mit „Die roten Matrosen oder ein vergessener Winter“, dann kommt „Mit dem Rücken zur Wand“ und zuletzt eben „Der erste Frühling“. Die Trilogie erzählt letztlich die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts in Berlin am Beispiel der Arbeiterfamilie Gebhardt.

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Die Freude am Lernen für das Morgen

Yitskhok Rudashevskis „Tagebuch aus dem Ghetto von Wilna“

Cover Tagebuch aus dem Ghetto von Wilna
c metropol Verlag

Es gibt wenige Dinge, die so unmittelbar beeindrucken wie Egodokumente. Gleichzeitig sind manche Augenzeug*innenberichte natürlich mit großer Nachträglichkeit zu Papier gebracht. Yitskhok Rudashevskis “Tagebuch aus dem Ghetto von Wilna” ist eine Mischung aus beidem – erzählt er das Jahr 1941 noch rückblickend, sind die Einträge für 1942 und 1943 zeitnah aufgeschrieben und berichten vom Schicksal der Jüdinnen und Juden im nationalsozialistisch besetzten Wilna.

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Übersichtsartikel: Nationalsozialismus

Mit leichtem Schrecken habe ich festgestellt, dass sich in einigen Kategorien schon unheimlich viele Texte finden, vor allem natürlich im Bereich Nationalsozialismus. Darum habe ich mir überlegt, dass es gelegentlich mal einen Überblicksartikel bzw. dazu ein Update geben muss. Ich werde hier nicht alle von mir zum Thema rezensierten Bücher aufnehmen, sondern nur die, die ich ganz besonders gut fand.

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Von Gut und Böse und Tod

Els Beertens „Als gäbe es einen Himmel“

Cover "Als gäbe es einen Himmel"
c Fischer Verlage

„Wo man singt, da lass dich nieder…“ Diese einfache Weisheit kennen wir wohl alle. Sie spielt an auf das Verbindende von Musik. Doch was, wenn die gemeinsame Liebe zum Klang nicht mehr genügt? Wenn überhaupt die Liebe nicht mehr reicht? Wenn der Liebste zum Nazi wird und freiwillig für die Besatzer an der Ostfront kämpfen will? Els Beerten erzählt in „Als gäbe es keinen Himmel“ vom besetzten Belgien und der Frage, was Krieg mit Menschen macht.

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Jahresrückblick 2020

Das Logo-Buch auf einem Weihnachtsstern sitzend.
c Kira G.

Beim Scrollen durch die Texte habe ich mich gerade ein bisschen erschreckt, wie viele Bücher ich schon wieder fast vergessen hatte (obwohl ein Blick aufs Cover genügt, um sie wieder nach vorne zu holen). Aber da gibt es ein paar, die sind mir ganz besonders im Gedächtnis geblieben. Interessanterweise fast alle zur deutschen Geschichte und vor allem dem Nationalsozialismus… Hier kommt mein Best-Of für dieses Jahr:

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Woher kommt dieser Mut?

Sharon Camerons “Das Mädchen, das ein Stück Welt rettete”

Cover "Das Mädchen, das ein Stück Welt rettete"
c insel

Um es gleich vorweg zu sagen: Ich habe dieses Buch durchgesuchtet. Und hatte die ganze Zeit einen Klumpen aus Angst und Anspannung im Bauch. Sharon Cameron erzählt in “Das Mädchen, das ein Stück Welt rettete. Nach einer wahren Geschichte” von Stefania und Helena Podgórska, Max Diamant und zwölf weiteren Jüd*innen, die die nationalsozialistische Besatzung Polens auf dem Dachboden der Podgórskas überleben.

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Politischer Sport

„Abseits“ erzählt vom Anschluss der österreichischen Nationalmannschaft 1938

c Jacoby&Stuart

Um ehrlich zu sein hatte ich – trotz halbwegs vorhandenem Fußballinteresse – vor der Lektüre des Bilderbuches „Abseits“ noch nie etwas von der „Wundermannschaft“ und ihrem Kapitän Matthias Sindelar gehört. Mich hatte einfach der Buchtitel angesprochen, weil ich die politische Nutzung von Sport immer ein interessantes Thema finde und ich mich gefragt hatte, wie es für Kinder aufbereitet wird.

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Vom Suchen der eigenen Vergangenheit

Nora Krugs „Heimat“

Cover "Heimat" von Nora Krug
c Nora Krug / Penguin

Es ist ein schwerer, ein wuchtiger Band. Aber schwer und wuchtig sind auch die Fragen, mit denen Nora Krug loszieht auf eine Spurensuche. Fernab der Heimat, ausgewandert in die USA, beginnt sie sich zu fragen, was das eigentlich ist. Heimat. Und vor allem, wie sie als Deutsche sich zur deutschen Vergangenheit verhalten soll. Sie merkt, dass sie – wie so viele von uns – kaum etwas über ihre Vorfahren weiß. „Heimat“ erzählt daher die Geschichte einer akribischen Recherche. Und der großen Frage nach Schuld und Unschuld und wie wir diese weiter tragen.

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Die letzten Zeitzeug*innen

„Um 180 Grad“ von Julia C. Werner erzählt vom Erinnern an den Holocaust

Lennard (Lenny) hat Mist gebaut und wird jetzt diszipliniert: Als Lesepate im Altenheim soll er seine Schulden bei den Eltern abarbeiten und so Respekt lernen. Daran geht ihm so einiges auf den Zeiger. Das Erwischt-Worden-Sein beim Sprühen. Dass seine Kumpels mit weniger davon kommen. Dass er im Altenheim als Held gefeiert wird, obwohl er doch gar nicht frewillig da ist. – Julia C. Werner erzählt in „Um 180 Grad“ von typischen Jugendproblemen zwischen Trotz und Selbstfindung für Menschen ab 13 Jahren. Doch dann geht die Geschichte plötzlich tiefer, denn Lennys Zuhörerin entpuppt sich als ausgesprochen sympathische und lebenskluge Frau, die das KZ überlebte.

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