Gebrauchsanweisung aus der Geschichte

Timothy Snyder/Nora Krug: Über Tyrannei

Cover Über Tyrannei
c CH Beck

“Wir sollen aus der Geschichte lernen” ist so eine plumpe Geschichtsdidaktische Weisheit, die wohl Geschichtsdidaktiker*innen wie Schüler*innen gleichermaßen aus den Ohren hängt. Dass es aber manchmal doch irgendwie geschickt funktionieren kann, zeigt Timothy Sniders “Über Tyannei. 20 Lektionen für den Widerstand”, kongenial illustriert aufbereitet von Nora Krug.

Nora Krugs “Heimat” habe ich hier auch schon besprochen und war sehr begeistert. “Über Tyrannei” funktioniert anders, ist weniger eine Spurensuche als klare Antwort. Die zwanzig Lektionen beginnen jeweils mit einer klaren Aufforderung und werden dann mit weiterem Inhalt gefüllt. Snyder argumentiert dabei aus der Geschichte heraus, aus der Machtübernahme der Nationalsozialist*innen, aber auch aus der Entstehung des Sozialisitischen Regimes in der Sowjetunion. So macht er deutlich, wie wichtig freie Presse, das Gewaltmonopol des Staates, intakte rechtsstaatliche Institutionen sind, um nur eineige Beispiele zu nennen. Natürlich wird deutlich, wie sehr der 2017 entstandene Text sich gegen Trump richtet.

Nora Krugs Illustrationen lockern den Text nicht nur auf, sie machen die Lektionen noch greifbarer und eingängiger. Vor allem macht das Buch deutlich: Die beschriebenen Mechanismen betreffen eben nicht nur Amerika, sondern uns alle. Die Aushöhlung des demokratischen Prinzips ist eine tagtäglich abzuwehrende Gefahr. “Über Tyrannei” sensibelt dafür, es macht außerdem den Nutzen von historischem Wissen deutlich und ist mit klaren Nachweisen zu Quellen- und Bildmaterial versehen. Klar, an manchen Stellen finden auch hier Vereinfachungen statt, die in der Regel dann aber in nachfolgenden Kapiteln noch einmal aufgegriffen und ausdifferenziert werden. Einzig gestört hat mich der Verweis auf das Milgram-Experiment ohne kritische Reflexion, dass dieses heute massiv methodisch kritisiert und als wenig aussagekräftig bekannt ist (siehe dazu z.B. “Im Grunde gut” von Rutger Bregman).

Langer Rede kurzer Sinn: Ich war sehr, sehr angetan von dem Buch. Wir sollten es alle lesen. Und nicht nur das: Wir sollten mehr Widerstand in unseren Alltag einbringen. Oder auch einfach – mehr Rückgrat.

Timothy Snyder/Nora Krug: Über Tyrannei. Zwanzig Lektionen für den Widerstand. Aus dem Amerikanischen von Andreas Wirthensohn. C.H.Beck 2021. ISBN: 978-3-406-77760-8. €20.

Vom Überleben der Shoa

„Zwei von jedem“ von Rose und Rebecka Lagercrantz

Cover "Zwei von jedem"
c Moritz Verlag

Wie die Geschichte des Holocaust für Kinder erzählen? Rose Lagercrantz wählt einen sehr persönlichen Weg und einen, der auf Zukunft ausgerichtet ist, denn das Überleben erzählt sie gleich mit. “Zwei von jedem” – Die Geschichte von Eli und Luli ist an ihre eigene Familiengeschichte angelehnt und berichtet von jüdischem Leben im 20. Jahrhundert für Menschen ab 9 Jahren.

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Ein Comic über Widerstand in Auschwitz

„Rapport W. Freiwillig als Häftling in Auschwitz“

c Splitter Verlag

Witold Pilecki lässt sich im September 1940 unter dem Tarnnamen Thomasz Serafínski in Auschwitz einschleusen. Über ein nach und nach aufgebautes Netzwerk gelingt es ihm, Nachrichten über das Lager nach außen zu schmuggeln und den polnischen Widerstand im Konzentrationslager aufzubauen. 2000 wurde sein Rapport in Polen veröffentlich, später in vielen anderen Ländern, darunter auch Deutschland und Frankreich. Gaétan Nocq setzte den Rapport W nun als Comic um. Er erfuhr über Isabelle Davion von den Aufzeichnungen. Die Historikerin hat die Entstehung des Comics wissenschaftlich begleitet und zudem ein ausführliches Nachwort verfasst.

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Familiäre Vergangenheitsbewältigung

„Der Duft der Kiefern“ von Bianca Schaalburg

Cover "Der Duft der Kiefern"

Spurensuchen in der eigenen Familie liegen im Trend. Wie war meine Familie involviert? Was wussten meine Großeltern über den Holocaust? Ich habe vor einiger Zeit begeistert das Buch „Heimat“ besprochen. Nun legt Bianca Schaalburg ihre erste Graphic Novel vor. „Der Duft der Kiefern“ ist eine Familiengeschichte, die über die Nazizeit hinaus geht und auch nach erinnerungskulturellen Entwicklungen der BRD der Nachkriegszeit erzählt.

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Die Verfolgung der Sinti und Roma im Nationalsozialismus

Iris Lemanczyks “Brennnessel-Haut”

Cover Brennnessel-Haut
c Horlemann

Eins meiner Themen in der mündlichen Masterprüfung war die Verfolgung der Sinti und Roma im Nationalsozialismus und ich weiß noch, dass ich bei der Recherche immer wieder dachte: Warum wusste ich das nicht? Warum haben wir da in der Schule nicht drüber gesprochen? Iris Lemanczyks Jugendbuch “Brennnessel-Haut. Eine wahre Geschichte” liefert einen guten Anlass, das Thema aufzugreifen.

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Engagiertes Leben gegen Nazis

Der Comic zu Beate und Serge Klarsfeld

Cover Beate und Serge Klarsfeld
c Carlsen

Der biographische Comic „Beate & Serge Klarsfeld. Die Nazijäger“ setzt bei der wohl bekanntesten Aktion ein, nämlich dem Moment, als Beate Klarsfeld am 7. November 1968 Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger ohrfeigt. Von hier aus spannen Pascal Bresson und Sylvain Dorange die Geschichte der Beziehung sowie der Arbeit der Klarsfelds aus, die maßgeblich vom gemeinsamen Kampf gegen Alt-Nazis geprägt ist, die bisher der juristischen Verfolgung entgangen waren.

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Die Sinnlosigkeit des Tötens

Kirsten Boies “Dunkelnacht” und die Endphasenverbrechen des Zweiten Weltkriegs

Cover "Dunkelnacht"
c Oetinger

Kirsten Boie ist dafür bekannt, dass sie alle Register des Kinder- und Jugendbuchs bedienen kann. Von locker-leicht bis schwer und tiefgründig ist alles dabei. Vor einigen Wochen hatte ich schon “Ringel, Rangel, Rosen” zu den 1950er Jahren in Hamburg vorgestellt. Hier soll es nun um das relativ frisch erschienene “Dunkelnacht” gehen, das für Menschen ab 15 Jahren von Endphasenverbrechen in einer bayerischen Kleinstadt erzählt.

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Ein Klassiker zur deutschen Geschichte

Klaus Kordons „Trilogie der Wendepunkte“

Cover "Die roten Matrosen"
c Gulliver

Ich habe vor einiger Zeit schon die Comic-Adaption von „Der erste Frühling“ besprochen (hier findet ihr den Text), jetzt wollte ich mich aber noch einmal der gesamten „Trilogie der Wendepunkte“ von Klaus Kordon widmen. Los geht es mit „Die roten Matrosen oder ein vergessener Winter“, dann kommt „Mit dem Rücken zur Wand“ und zuletzt eben „Der erste Frühling“. Die Trilogie erzählt letztlich die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts in Berlin am Beispiel der Arbeiterfamilie Gebhardt.

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Die Freude am Lernen für das Morgen

Yitskhok Rudashevskis „Tagebuch aus dem Ghetto von Wilna“

Cover Tagebuch aus dem Ghetto von Wilna
c metropol Verlag

Es gibt wenige Dinge, die so unmittelbar beeindrucken wie Egodokumente. Gleichzeitig sind manche Augenzeug*innenberichte natürlich mit großer Nachträglichkeit zu Papier gebracht. Yitskhok Rudashevskis “Tagebuch aus dem Ghetto von Wilna” ist eine Mischung aus beidem – erzählt er das Jahr 1941 noch rückblickend, sind die Einträge für 1942 und 1943 zeitnah aufgeschrieben und berichten vom Schicksal der Jüdinnen und Juden im nationalsozialistisch besetzten Wilna.

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Übersichtsartikel: Nationalsozialismus

Mit leichtem Schrecken habe ich festgestellt, dass sich in einigen Kategorien schon unheimlich viele Texte finden, vor allem natürlich im Bereich Nationalsozialismus. Darum habe ich mir überlegt, dass es gelegentlich mal einen Überblicksartikel bzw. dazu ein Update geben muss. Ich werde hier nicht alle von mir zum Thema rezensierten Bücher aufnehmen, sondern nur die, die ich ganz besonders gut fand.

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