Kriegswirren, Gewissen und Grautöne

Die Anthologie „Sterben für die Freiheit“ erzählt im Comic vom Widerstand

Cover "Sterben für die Freiheit" c panini
c Panini Comics

Die Anthologie „Sterben für die Freiheit“ erschien im französischen Original in vier separaten Comic-Bänden, wird aber durch eine Rahmenhandlung zusammengehalten. In vier Episoden setzt sich Claire, die 2012 ein schwarzes Notizbuch erbt, mit diesem Vermächtnis ihrer Tante auseinander und taucht dabei tief in Ereignisse der 1940er Jahre ein. Nacheinander beschäftigt sie sich mit Amy Johnson, Sophie Scholl, Berty Albrecht und Mila Racine, die jeweils auf ihre Art dem nationalsozialistischen Deutschland Widerstand leisteten.

Auch wenn die Graphic Novel sich also mit vier Frauen beschäftigt, bilden die einzelnen Episoden dennoch eine beeindruckende gesellschaftliche Vielfalt ab. Da ist Amy Johnson, die schon vor dem Krieg gegen ihre Rolle als Frau aufbegehrte. Gleiches gilt für Berty Albrecht, die dieses Aufbegehren jedoch viel stärker politisierte. Sophie Scholl dagegen, die von ihrem Glauben geprägt ist und dann Mila Racine, die in ihrem Versuch, jüdische Kinder zu retten, einen Altruismus lebt, den sie auch schon vor dem Krieg als Sozialarbeiterin ernst nahm. Dass sie zudem Jüdin ist, lässt das Comicbuch über die klassische Opfererzählung hinauswachsen.

Alle vier Episoden verbinden Fakt und Fiktion. Die Orte sind in der Regel sehr gut recherchiert und detailreich dargestellt, die Figuren eher stilisiert. Zudem ist das Bindeglied zwischen den einzelnen Geschichten, die deutsche Mitarbeiterin der Abwehr Anna, erfunden. Sie nähert sich den jeweiligen Frauen, um mehr über ihre Arbeit herauszufinden und ist diejenige, die die Notizen machte, in die Claire sich vertieft. Dabei werden über Anna wichtige Lücken gefüllt, etwa die Frage, warum Amy Johnson mit ihrem Flugzeug abstürzte. Im Anschluss an die einzelne Geschichte jedoch folgt ein kleiner Essay, der genau diese Ergänzungen sichtbar macht und zudem mit Fotos ergänzt, um auch die Bildebene transparenter zu machen.

Über die Spionin Anna, die im Kontrast zu den vier mutigen Widerstandskämpferinnen steht, wird außerdem die Spannbreite zwischen Widerstand und Mitläufertum sehr deutlich. Die Beispiele zeigen, dass Teile der deutschen Behörden schon darauf achteten, wie sie nach dem Krieg wahrgenommen werden würden und sich keinen Sieg mehr für Deutschland ausrechneten. In der Figur Anna selbst wird auch der Widerspruch zwischen Linientreue und eigenem Gewissen reflektiert – auch wenn ihre Geschichte des Sinneswandels vielleicht etwas zu optimistisch erzählt wird.

Neben der Vielfalt der dargestellten Geschichten ist gerade dieser Essay-Teil als Reflexionsebene besonders zu loben. Im Unterricht ließen sich daraus wichtige Diskussionen erarbeiten. Toll ist außerdem, dass wir Claire bei ihrer Recherche begleiten. Das macht einerseits deutlich, wie die Suche nach Fakten über Ereignisse in der Vergangenheit überhaupt funktionieren kann, andererseits stellt es Museen und Gedenkorte vor, an die wir auch selbst fahren könnten. Alles in allem also ein runder, empfehlenswerter Band, der allerdings dank teilweise drastischer Darstellungen etwa von Folter frühestens ab 13 Jahren gelesen werden sollte.

Gestaltung 5/5
Sprache 5/5
Didaktik 4/5
weiterführende Tipps 3/5
Handlung 5/5

Régis Hautière, Francis Laboutique, Emmanuelle Polack (Text) / Mark Veber, Pierre Wachs, Ullcer, Olivier Frasier (Bilder): Sterben für die Freiheit. Sophie Scholl und Frauen des Widerstands. Panini Comics 2016. ISBN 978-3-95798-558-3, €24,99.

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