Neue Perspektive für historische Themen

Filip Kolek (Reprodukt/avant) über Geschichtliches im Comic für Kinder und Jugendliche

Zeichnung Filip Kolek. © Anne Becker
Filip Kolek bei der Arbeit. © Anne Becker

Vor einiger Zeit habe ich hier im Blog „Nieder mit Hitler!“ von Jochen Voit und Hamed Eshrat vorgestellt (hier geht’s zur Rezension). Das Buch ist im avant-Verlag erschienen und ich wollte gerne wissen, wie bei einem Verlag, der auf Comics spezialisiert ist, generell mit historischen Themen umgegangen wird. Filip Kolek ist seit 2012 für die Öffentlichkeitsarbeit von Reprodukt und avant zuständig und hat mir einen kleinen Einblick in die Verlagsarbeits- und Comic-Welt gewährt.

Cover "Nieder mit Hitler" von Voit und Eshrat

Vielleicht zum Einstieg eine kleine Meta-Frage für Laien wie mich: Wo würdest du den definitorischen Unterschied zwischen Comic und Graphic Novel machen?

Tja, das ist gewissermaßen Auslegungssache. Ich verwende den Begriff „Graphic Novel“ gerne da, wo er mir als Pressesprecher hilft, Comicthemen gegen Vorbehalte und Widerstände zu lancieren. Ich selbst spreche eigentlich lieber von Comics, sowohl im Handel als auch im Feuilleton kann der Begriff „Graphic Novel“ aber eine Brücke sein, neue Menschen zu erreichen. Gemeint ist allerdings eigentlich dasselbe: Graphic Novels sind Comics im Buchformat. Die Grenzen sind da fließend, aber als eigenständiges Format würde ich Graphic Novels von anderen Formate im Comicmedium wie das Album (z.B. „Asterix“ und „Tim und Struppi“) oder US-Comicheft/Paperback (z.B. die Superhelden aus den DC- und Marvel-Universen) unterscheiden, die in der Regel seriell angelegt und in Format und Gestaltung festgelegt sind. Bei Graphic Novels wiederum ist Format und Gestaltung von Buch zu Buch unterschiedlich, und die Inhalte sind meistens abgeschlossen. In der Szene selbst wird dieses Thema heiß diskutiert, ich gehe das eher pragmatisch an und freue mich über jede neue Person, die einen Comic in die Hand nimmt.

Oftmals gibt es ja das Vorurteil, dass viele Bilder automatisch bedeuten, dass Lesemuffel mehr Spaß am Buch haben und sich so vielleicht generell an das Lesen heranführen lassen. Wie siehst du das?

Für Leseeinsteiger*innen sind Comics schon ein tolles Medium. Der Einstieg erfolgt ja nicht nur über das Lesen der Texte, sondern übt auch sequenzielles Verstehen, denn gleichzeitig muss ja auch das Lesen der Bilder geübt werden. Das schult, auch andere narrative Medien, ob nun Bilderbuch, Roman oder Film, besser zu verstehen. Denn was der Comic von Leser*innen einfordert ist, dass er nicht nur lernt, die Geschichte von Panel zu Panel zu lesen, sondern auch den Raum zwischen den Bildern/Panels mit eigener Fantasie zu füllen und zu ergänzen.
Wir bekommen viel positives Feedback Lesefördervereinen wie der Stiftung Lesen, mit der wir zum Beispiel zusammenarbeiten, aber auch von Organisationen, die mit Geflüchteten arbeiten und Comics einsetzen, um Leseerfolge bei Kindern mit mangelnden Sprachkenntnissen zu initiieren.

Bei Reprodukt und avant-verlag erscheinen ja recht viele Comics und Graphic Novels, die sich mit historischen Themen befassen. Was würdest du sagen, unterscheidet das historische Erzählen in diesem Genre im Vergleich zum klassischen Kinder- und Jugendbuch?

Cover Berlin. Geteilte Stadt von Susanne Buddenberg und Thomas Henseler

Ich muss zugeben, dass ich mich da im Jugendbuchbereich zu wenig auskenne, um das so konkret sagen zu können. Es ist auch so, dass wir zwar viele Comics mit historischen Themen im Programm haben, aber nur einige, die sich explizit an Jugendliche richten und damit beides abdecken. Ein Paradebeispiel ist da sicherlich „Kinderland“ vom Berliner Comickünstler Mawil, aber ich würde argumentieren, ohne für den Autor sprechen zu können, dass hier das Historische eher zweitrangig ist und der Fokus auf dem Autobiografischen, dem persönlichen Erleben von Geschichte, liegt. „Nieder mit Hitler“ von Jochen Voit und Hamed Eshrat und „Berlin. Geteilte Stadt“ von Susanne Buddenberg und Thomas Henseler (beide avant-verlag) sind dann wiederum Bücher, die in Kooperation mit bestimmten Institutionen entstanden sind und explizit das Medium Comic nutzen, um Jugendliche zu erreichen und ihnen historisches Wissen zu vermitteln. Da ist der didaktische Aspekt natürlich prominenter, aber auch bei solchen Projekten ist der persönliche Zugang der Autor*innen und Zeichner*innen zu einer Geschichte entscheidend. Dabei gibt es dann natürlich bestimmte Themen, die besonders herausstechen, deutsch-deutsche Geschichte zum Beispiel, weil das auch etwas ist, das im Alltag berührt.

Nach welchen Kriterien werden Werke zu historischen Themen bei euch ausgewählt?

Cover Beste Feinde von Jean-Pierre Filiu und David B.

Reprodukt und avant-verlag haben keinen dezidiert historischen Schwerpunkt – das heißt, es sind immer wieder die einzelnen Projekte, egal ob historische Themen oder nicht, und ihre Inhalte, die uns überzeugen müssen. Bei geschichtlichen Comics ist es der eingangs erwähnte persönliche Zugang, der Bücher für uns interessant macht. Oder ein Projekt begeistert uns, weil es der Auseinandersetzung mit Geschichte neue Aspekte abgewinnt, ob grafisch oder erzählerisch. Ein Beispiel dafür ist die Trilogie „Die besten Feinde“ von Jean-Pierre Filiu und David B. Autor und Historiker Filiu erzählt ein relativ trockenen Text über die US-amerikanisch-nahöstlichen Beziehungen seit 1783, und dazu kommen dann auf der zeichnerischen Ebene die schwarzweißen Traumbilder von David B., die fast etwas scherenschnittartiges haben. Die abstrakten Bilder stehen im starken Kontrast zu dem klassisch erzählten historischen Text und verdeutlichen, dass Geschichte immer auch emotional und dadurch subjektiv erlebt wird. Das ist dann auch das, was diesen Comic herausragend macht: Er ist eher ein Essay, der zum emotionalen Hineingleiten in diese Thematik einlädt, das ist dann eine ganz andere Ebene, als etwa ein Dokumentarfilm leisten könnte.

Gibt es Themen, die scheinbar besonders interessieren, wenn du auf die Verkaufszahlen schaust? Ich würde mal vermuten, dass die deutsch-deutschen Themen da eher ziehen als die gerade genannten „Besten Feinde“?

Cover Kinderland von mawil

Ja, da kann man schon sagen, dass „Kinderland“ für uns ein veritabler Bestseller ist. Aber Comics sind ja generell ein Nischenmarkt und die Graphic Novel als Erzählform ist dann noch die Nische in der Nische. Also ist „erfolgreich“ natürlich ein relativer Begriff, vor allem im Vergleich zum klassischen Jugendbuchmarkt, der ganz andere Auflagenhöhen als Graphic-Novel-Verlage hat. Im Jugendbereich sind dann deutsch-deutsche Themen über den Schulkontext natürlich näher. Aber auch im regulären Comicmarkt abseits des Graphic-Novel-Segments gibt es erfolgreiche Geschichtscomics, man denke nur an die unzähligen Abenteuer- und Rittercomics wie „Prinz Eisenherz“.

Bietet ihr auch Unterrichtsmaterial zu euren Comics an, beziehungsweise wisst ihr, ob manche Comics im Unterricht eingesetzt werden?

Cover Grenzfall von Henseler und Buddenberg

Nicht gezielt, aber es gibt einzelne Projekte, bei denen es das Angebot gab. Da geht aber die Initiative durchwegs von den Autor*innen, zum Beispiel bei „Grenzfall“ und „Berlin. Geteilte Stadt“ von Susanne Buddenberg und Thomas Henseler, die zusammen mit Pädagog*innen Konzepte für den Unterricht erarbeitet haben

Wie läuft das Lektorat im Comic zu den historischen Themen? Guckt ihr ausschließlich auf den Plot oder werden Ereignisse und Fakten noch einmal nachgeprüft?

Cover "Auf in den Heldentod" von Shigeru Mizuki"

Das ist bei jedem Buch ein bisschen unterschiedlich. Bei „Irmina“, wo es um die 1930er Jahre geht, hat die Autorin Barbara Yelin eng mit einem Geschichtsprofessor aus München zusammengearbeitet. Dieses Frühjahr erscheinen bei Reprodukt zwei Titel aus Japan, die in den 1970er Jahren entstanden sind. Der eine, „Auf in den Heldentod“ ist die persönliche Geschichte des Autors Shigeru Mizuki, wie er im Krieg gekämpft hat, die andere, „Hitler“ ein biographischer Versuch, Hitler zu erklären. Da haben wir auch mehrere Historiker*innen als Expert*innen hinzugezogen. Gleichzeitig ist es natürlich so, dass die Comics eben einfach aus den 1970er Jahren sind und damit nicht auf dem neuesten Stand der Forschung und zugleich Lizenzeinkäufe, das heißt, wir können nur noch bedingt Einfluss nehmen. Das ist ja bei Titeln, die wir zusammen mit deutschen Autor*innen entwickeln, anders.

Zu den absoluten Klassikern unter der Darstellung historischer Themen im Comic zählen ja nach wie vor die „Maus“-Comics von Art Spiegelman. Gibt es Comics, die du im Bereich Geschichte oder Historisches unbedingt empfehlen würdest?

Cover "Hitler" von Shigeru Mizuki

Ja, unbedingt die beiden gerade genannten japanischen Comics. Eben einerseits wegen des sehr subjektiven Zugangs über die eigene Lebensgeschichte und den Pazifikkrieg und dann den Versuch, das Phänomen „Hitler“ zu begreifen. Das sind schon extrem frühe Versuche, sich mit diesem Thema auseinander zu setzen, lange, bevor es „Maus“ oder überhaupt solche Erzählformen gab. Und dann ist da noch der Reiz, dass da deutsche Geschichte mit dem Blick von außen erzählt wird.

Und wo siehst du im Gegensatz dazu noch Lücken im Erzählten, wo müssten noch Comics gemacht werden im Bereich des historischen Erzählens?

Cover "Unerschrocken" Band 1

In den letzten zwei, drei Jahren gibt es ja diesen Trend, sich gezielt mit Frauen in der Geschichte zu beschäftigen. Bei Reprodukt gibt es da zum Beispiel diese Reihe „Unerschrocken“. Das würde ich mir schon wünschen, dass es noch viel mehr Geschichten über Menschen gibt, die bisher in der Geschichtsschreibung übergangen wurden.

Vielen Dank für das Gespräch!

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