Fußball als Hintergrundfolie der deutsch-deutschen Geschichte

Ein Interview mit Philippe Collin

Cover "Das Spiel der Brüder Werner"
c Splitter Verlag

Nach längerer Zeit gibt es endlich mal wieder ein Interview. Philippe Collins zweiter Comicband „Das Spiel der Brüder Werner“ ist gerade frisch erschienen und er hat sich die Zeit genommen, mir ein paar Fragen zu seinem Rechercheweg und seiner Arbeit zu beantworten. Vorab aber einige Worte zum Buch: Der Band setzt mit den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs ein und zeigt zwei auf sich allein gestellte Brüder. Die Waisen Konrad und Andreas landen eher zufällig in Leipzig und geraten dort – aus Not und Erpressbarkeit heraus – in den Rekrutierungsfängen der Stasi.

Stand erst ihre Geschwisterliebe, ihr Zusammenhalt über allem, werden sie nach und nach korrumpiert. Wer ist für wen da und warum? Welche Werte zählen? Die Brüder werden getrennt, als Konrad als Agent nach Westdeutschland geschickt wird. Entgegen der Versprechen ihres Vorgesetzten sehen sie sich jahrelang nicht wieder. Doch dann kommt die große Fußballbegegnung der BRD und der DDR 1974. Die Brüder sehen sich endlich wieder und der Konflikt zwischen Loyalität zum Regime oder Loyalität zum Bruder kulminiert.

Mehr will ich hier gar nicht verraten, wohl aber sagen, dass Fußballfans dank der Darstellungen aus den Kabinen (der “kommunistische” Paul Breitner, ein tumb-autoritärer Franz Beckenbauer) auf ihre Kosten kommen werden. Das Buch liefert einen tollen Beleg dafür, wie Alltags- und Kulturgeschichte einen wichtigen Beitrag zur Erzählung von Makrogeschichte sein können.

Sie haben Geschichte studiert, arbeiten aber unter anderem für das Fernsehen, um Ihr historisches Wissen zu vermitteln. Was sind Ihrer Meinung nach die Besonderheiten des Mediums Comic, um historisches Wissen weiterzugeben?

Graphic Novels sind sehr praktisch, um komplexe Themen anzugehen, weil sie ein Medium der Populärkultur sind und alle ihre Codes kennen. Gleichzeitig ist es ein Weg, mehrere Generationen und unterschiedliche soziale Klassen zu erreichen.

Wie sind Sie auf die Idee für „Die Geschichte der Brüder Werner“ gekommen?

Mein zweiter Comicband spielt in Deutschland, weil ich mich, nachdem ich mich für „Die Reise des Marcel Grob“ in eine französische Jugend eingearbeitet hatte, die vom Nationalsozialismus zerstört wird, gefragt habe, was es für ein Kind oder eine*n Jugendlichen bedeutet, mit dieser verhängnisvollen Geschichte konfrontiert zu sein – in den Ruinen von Berlin im Mai 1945. Zur Stunde Null.

Ich wollte versuchen, die Psychologie, die Ängste und Hoffnungen von zwei deutschen Waisen zum Zeitpunkt des Untergangs des „Dritten Reichs“ zu verstehen. Was bedeutet es, in einem zerstörten, isolierten und zerrissenen Land aufzuwachsen, bevor es einfach in Hälften zerteilt wird? Wie lebst du in der DDR im Jahre 1950, 15 Jahre alt und auf dich allein gestellt?

All diese Fragen beschäftigten mich. Und dann dachte ich viel über Hänsel und Gretel nach, ein deutsches Märchen, in dem Bruder und Schwester zusammenhalten und so eine Hexe besiegen. Aber was, wenn Hänsel Gretel betrogen hätte, um herauszukommen?

Das ist die Frage, die von „Die Geschichte der Brüder Werner“ gestellt wird. Was passiert, wenn zwei Brüder oder zwei Schwestern sich einer Diktatur gegenüber sehen, in diesem Falle der DDR. Können wir den anderen akzeptieren, selbst wenn er derjenige ist, der uns verrät? All diese Themen verschärfen sich im zweiten Teil des Buches, als das historische Fußballspiel zwischen der BRD und der DDR im Juni 1974 ausgetragen wird.

Zu guter Letzt war Deutschland zwei Jahrhunderte lang das Herz europäischer Geschichte. Für mich ist es fundamental wichtig, sich für seine Kultur, seine Paradoxa, seine Komplexität, seine Quellen zu interessieren, um so auch die deutsch-französische Verbindung nach dem Zweiten Weltkrieg lebendig zu halten. Nur zusammen bilden wir Europa.

Wie sah denn Ihr Rechercheprozess aus?

Beispielseite "Das Spiel der Brüder Werner"
c Splitter Verlag

Für meinen ersten Comicband, „Die Reise des Marcel Grob“, habe ich zunächst allein gearbeitet. Ich habe eine riesige Menge an Material gesammelt. Ich hatte Zugang zu den Archiven, habe massenweise gelesen, und bin auf seinen Spuren gereist, Marcel Grobs komplettem Weg von Alsace nach Stralsund gefolgt, wo er in die Waffen-SS eintrat, dann nach Bologna, wo er stationiert war, dann nach Marzabotto, wo ein Massaker an italienischen Zivilist*innen durchgeführt wurde, und zuletzt zum Gardasee, wo er schwer verletzt von britischen Truppen festgenommen wurde. Bevor ich überhaupt anfing zu schreiben, verbrachte ich zwei Jahre mit dem Sammeln von Quellenmaterial.

Bei den Brüdern Werner war es ein bisschen anders. Dafür habe ich auch viel gelesen, habe viel über die verschiedenen Aspekte der Geschichte recherchiert. Zum Beispiel haben mich die Arbeiten des deutschen Historikers Christopher Spatz sehr angeregt, der viel zu „Wolfskindern“ [unbegleitete minderjährige Geflüchtete und Kriegswaisen aus den ostpreußischen Gebieten, Anm. lies-geschichte.de] gearbeitet hat. Aber bei diesem zweiten Band stand Sébastien und mir auch eine Leipziger Bibliothekarin zur Seite, was für uns sehr hilfreich war. Ich wollte von Beginn an eine deutsche Person im Team haben. Klara Fröhlich war sehr akribisch in ihrer Bilddokumentation und so konnte Sébastien sehr selbstbewusst an die Zeichnungen gehen, indem er sich als Künstler natürlich die Realität auf seine Art zu eigen gemacht hat, aber eben auf der Basis sehr solider Informationen.

Forschung zu populärkulturellen Themen wie Fußball ist nach wie vor eher ein Randthema historischer Arbeiten. Was würden Sie sagen: Was kann Ihre Geschichte den Leser*innen über die allgemeinere Geschichte erzählen?

Fußball, oder generell Sport, werden als kulturelles Phänomen an europäischen Universitäten ausgeklammert und das ist wirklich schade, denn Fußball ist ein großartiges Vehikel, um die Geschichte des 20. Jahrhunderts zu erzählen. Allerdings ist Fußball in unserem Buch nur der Hintergrund. Was mich mehr interessiert hat, waren die ideologischen Konflikte und der Streit zwischen den beiden Brüdern. Es interessiert mich, Geschichte auf diesem Mikrolevel „einfacher” Frauen und Männer zu erzählen. Speziell bei den Wolfskindern: Wie kann ein Land, das von den Nazis zerstört wurde, damit umgehen, dass zwei Millionen Waisen dort leben? Ich stelle mir das als tiefe Wunde in der deutschen Gesellschaft vor. Noch so eine Frage, die mich gewissermaßen verfolgt.

Für mich war es eine Überraschung, dass sich ein französisches Team mit diesem Stück deutscher Geschichte auseinandersetzt. Denken Sie, dass Sie eine andere, spezifische Perspektive auf diese Themen haben, als deutsche Journalist*innen oder Autor*innen? Und worin könnte der Unterschied liegen?

Es ist doch für uns alle ein interessantes Thema. Wir fanden die Geschichte sofort spannend, auch wenn wir nicht aus der BRD oder der DDR kommen. Auch wenn wir Franzosen sind, haben wir versucht, die Geschichte fair zu erzählen und vielleicht konnten wir das Thema sogar entspannter angehen als deutsche Journalist*innen oder Historiker*innen.

Ich hoffe, dass unsere Arbeit neu und spannend für Deutsche ist. Es war uns sehr wichtig, so nah wie möglich an der Realität zu bleiben, als wir an dieser ganzen Geschichte gearbeitet haben. Für mich wäre es sehr interessant, wenn dasselbe für Frankreich passieren würde. Wenn deutsche Journalist*innen über den Unabhängigkeitskrieg zwischen Frankreich und Algerien schreiben würden, ein komplexes Thema hier in Frankreich. Ich würde gerne sehen, welche Aspekte diese Historiker*innen betonen würden und bin sicher, dass das hilfreich wäre.

“Das Spiel der Brüder Werner” ist Ende August in Frankreich erschienen und es läuft wirklich gut. Ich bin überrascht und erfreut vom Interesse des französischen Publikums für diese Periode der Geschichte. Wir sind alle mit der BRD und der DDR aufgewachsen, aber jetzt scheint die Zeit gekommen, um diese beiden Deutschland zu nutzen, zu verstehen, wer wir sind und wo wir herkommen. Marc Bloch, ein bekannter französischer Historiker, der 1944 von der Gestapo ermordet wurde, hat einmal gesagt, dass das Geschichtsstudium der Versuch ist, den Menschen besser zu verstehen und sich der Unterschiede und der Gemeinsamkeiten zwischen den Menschen gewahr zu werden. Ich möchte daran glauben, dass wir für diesen Versuch bereit sind.

Vielen Dank für das Gespräch!

Philippe Collin (Szenario) / Sébastien Goethals (Zeichnung): Das Spiel der Brüder Werner. Übersetzt aus dem Französischen von Harald Sachse. Splitter Verlag 2020. ISBN 978-3-96219-544-1. €25.

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