Familiäre Vergangenheitsbewältigung

„Der Duft der Kiefern“ von Bianca Schaalburg

Cover "Der Duft der Kiefern"

Spurensuchen in der eigenen Familie liegen im Trend. Wie war meine Familie involviert? Was wussten meine Großeltern über den Holocaust? Ich habe vor einiger Zeit begeistert das Buch „Heimat“ besprochen. Nun legt Bianca Schaalburg ihre erste Graphic Novel vor. „Der Duft der Kiefern“ ist eine Familiengeschichte, die über die Nazizeit hinaus geht und auch nach erinnerungskulturellen Entwicklungen der BRD der Nachkriegszeit erzählt.

Schaalburg erzählt transparent davon, wie sie recherchiert. Wie Erinnerungen ihres Onkels und ihrer Mutter gegeneinander stehen. Wie schwierig es ist, Akten über die nationalsozialistische Vergangenheit des Großvaters zu finden. Wissenslücken versucht sie über Phantasie zu schließen und macht dies transparent. Sie zeigt auf, an welchen Verbrechen der Großvater beteiligt gewesen sein könnte. Als sie erfährt, dass in ihrem Kindheitszuhause Jüd*innen vertrieben wurden, versucht sie, mehr über ihre Leben zu erfahren und gibt ihnen wenigstens eine fiktive Stimme.

Fakt und Fiktion als Brücke in die Vergangenheit

Es ist gerade dieser souveräne Umgang mit konkret recherchierter Vergangenheit und erdachter Geschichte, die den Comic besonders lesenswert machen. Gelegentlich fehlt ein wenig die Einordnung – was bedeutete es beispielsweise, dass der Großvater schon 1926 NSDAP-Mitglied war? Auch dass beispielsweise das N-Wort ohne weiteren Kommentar auftaucht – durchaus realistisch als zeitgenössischer Begriff – irritiert. Dafür ist aber der Anhang besonders zu loben. Hier werden sowohl wichtige Personen als auch beispielsweise die Siedlung „Onkel Toms Hütte“ noch einmal genauer vorgestellt. Dazu gehören auch detaillierte Lesetipps für die weitere Recherche.

Erinnerungskulturell bleibt es dabei: Die weitere emotionale Entfernung von den eigenen Verwandten, die zur Zeit des Zweiten Weltkriegs lebten, macht die Recherche dazu einfacher. Gleichzeitig bleibt die Sorge um schwindende Zeitgenoss*innen und der Versuch, weiter persönliche Betroffenheit klar zu benennen und erzeugen. „Der Duft der Kiefern“ schafft genau das und macht Lust, auch eigene Recherchen anzugehen und über die jeweilige Familienvergangenheit nachzudenken. Im Vergleich zu “Heimat” bleibt der Blick allerdings deutlich fokussierter auf die bundesdeutsche Erinnerungskultur.

Sprache 5/5
weiterführende Tipps 5/5
Didaktik 5/5
Gestaltung 5/5

Bianca Schaalburg: Der Duft der Kiefern. Meine Familie und ihre Geheimnisse. avant-verlag 2021. ISBN: 978-3-96445-058-6, €26.

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