„Der papierne Freund“

Ein Interview mit Herausgeber Wolf Kaiser über die Bedeutung von Tagebüchern für die Erinnerungskultur zum Holocaust

Cover "Der papierene Freund"
c metropol

Tagebücher spielen auf meinem Blog immer wieder eine Rolle, mal sind sie fiktiv, mal tatsächliche Quellen und ediert herausgegeben. Mit „Der papierene Freund. Holocaust-Tagebücher jüdischer Kinder und Jugendlicher“ erschien im Mai 2022 im Metropol Verlag ein Sammelband, der Auszüge unterschiedlicher Tagebücher von Kindern und Jugendlichen, die den Holocaust erlebt haben, vereint.

Wolf Kaiser hat hier sehr umsichtig eine umfassende Auswahl getroffen, die den Blick über die deutschen Grenzen hinaus richtet und so die Perspektive auf die Shoa über den Standardkanon hinaus erweitert. Die Beiträge sind sensibel ediert und ausgewählt und liefern durch das unterschiedliche Alter sowie verschiedene Hintergründe der Autor*innen genauso unterschiedliche Möglichkeiten der Rezeption – manche Beiträge brauchen viel Vorwissen, andere sind sofort verständlich. Wolf Kaiser hat jedem Tagebuchauszug eine kleine Einführung vorangestellt. Insofern ist dieser Quellenband für Geschichtslehrer*innen sicherlich eine reichhaltige Fundgrube. Weil ich das Thema besonders wichtig und spannend fand, habe ich Wolf Kaiser um ein Interview gebeten. Wir haben über die Arbeit an dem Projekt gesprochen, aber auch über die Bedeutung von Tagebüchern für die Erinnerungsarbeit generell.

Portrait Wolf Kaiser
c privat

Sie schreiben ja selbst im Vorwort, dass Sie natürlich für diesen Sammelband eine Auswahl aus Tagebüchern treffen mussten. Was genau waren da Ihre Kriterien?

Mir war wichtig, dass die Tagebücher nicht schon zuvor auf Deutsch zugänglich waren. Es gibt nur eine Ausnahme, ein Buch, das bereits in einem kleinen Privatverlag publiziert, aber einer breiteren Öffentlichkeit nicht zugänglich war. Zum Zweiten war es mir ein Anliegen, möglichst viele Regionen Europas unter der nationalsozialistischen Herrschaft zu zeigen, um so auch unterschiedliche Holocaust-Erfahrungen abzubilden. In diesem Rahmen habe ich darauf geachtet, dass zwar einerseits die Holocaust-Erfahrung der jeweiligen Region geschildert wird, aber eben auch das persönliche Erleben, beides sollte bei den ausgewählten Texten Hand in Hand gehen. Zusätzlich habe ich mich auf solche Tagebücher beschränkt, die nach dem Krieg nicht mehr bearbeitet wurden.

Woran genau haben Sie das denn feststellen können?

Naja, ich gebe zu, dass es da in der Auswahl vielleicht Streitfälle geben kann. Am einfachsten ist es natürlich, nachträgliche Bearbeitung zu überprüfen, wenn Sie ein handschriftliches Original einsehen können. Manchmal ist dieses aus unterschiedlichsten Gründen nicht erhalten, dann muss man auf Ungereimtheiten achten. Einem Historiker fällt ja schnell auf, wenn da Dinge nicht korrekt wiedergegeben sind. Eine bloße Beteuerung der Autorin oder des Autors ist da jedenfalls nicht ausreichend.

Nun drucken Sie ja nicht jeweils das ganze Tagebuch ab, sondern wählen Ausschnitte aus. Wie sind Sie dabei vorgegangen?

Mein Ziel war, dass der Weg der jeweiligen Person für die Leserinnen und Leser gut nachvollziehbar ist. Gleichzeitig sollte das jeweils Charakteristische für die Schreib- und Denkart der jeweiligen Autorin beziehungsweise des Autors sichtbar werden.

Tagebücher sind ja in der Regel eine sehr intime Angelegenheit – was ist Ihr Eindruck: Haben die Autor*innen in diesem Fall schon für die Veröffentlichung geschrieben? Wollten sie Zeug*innen sein? Oder hatten Sie manchmal das Gefühl, hier in sehr private Räume vorzudringen?

Das ist ganz unterschiedlich. Einige haben sicherlich auch dafür geschrieben, dass die Nachwelt ihre Eintragungen liest. Ich habe aber sehr darauf geachtet, dass keine Textstellen aufgenommen werden, die die Privatsphäre der Personen verletzen. Im Fall von Melania Weissenberg wird Sexualität mit einem Kind geschildert. Da habe ich mir erlaubt, das aufzunehmen, weil sie auch später öffentlich darüber gesprochen hat.

Das Buch enthält natürlich die Schilderung heftiger Szenen, Alltag und Schrecken wechseln sich ab, vermengen sich. Welche Zielgruppe hatten Sie denn bei der Arbeit vor Augen?

Zunächst einmal richtet sich das Buch an alle Interessierten. Ich glaube, dass diese Geschichte letztlich jeden und jede angeht, bin mir aber auch bewusst, dass manche Texte ohne Anleitung für junge Leserinnen und Leser schwer verständlich sein dürften. Doch sind es gerade für Jugendliche reiche Texte, bei denen ich mich durch die Einleitung jeweils um Kontextualisierung bemüht habe. Aus meiner Zeit als Leiter der Bildungsabteilung der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz weiß ich, wie wenig Wissen es über den Holocaust außerhalb von Auschwitz gibt. Über das Ghetto-Leben zum Beispiel wissen die meisten nur wenig. Dabei sind es mehr als zwei Sätze, die es da zu wissen lohnt.

War dieser didaktische Auftrag auch Ihre Motivation, das Projekt anzugehen?

Naja, das war sicherlich ein Teil meiner Motivation. Aber hinzu kommt auch, dass ich mich ja jahrelang in meiner Arbeit eher mit den Tätern befasst habe. Und wenn man dann so Tagebücher liest, dann merkt man schnell: Die Persönlichkeit der Opfer ist denen meilenweit überlegen. Und darum wollte ich mich damit gerne intensiver auseinandersetzen. Ich habe zwei Jahre an diesem Konzept gearbeitet.

In der Einleitung schreiben Sie ja, dass Tagebücher auch eine Art Denkmal seien. Wie meinen Sie das?

Der Trend geht ja schon länger dahin, eher individualisiert zu gedenken. Das bekannteste Beispiel dafür sind wohl die Stolpersteine. Aus meiner Sicht ist das aber nicht genug. Mit den Tagebüchern können wir noch einmal die Stimmen derjenigen hören, die verfolgt wurden. Am präsentesten sind da natürlich Anne Frank und Viktor Klemperer, aber das spiegelt eben nur einen sehr kleinen Ausschnitt aus dem Verfolgungsgeschehen wider, ganz Ost- und das östliche Mitteleuropa, wo der systematische Massenmord durchgeführt worden ist, bleiben da sozusagen ausgeklammert.

Jetzt geht es in meinem Blog viel um fiktive Texte und mich interessiert gerade diese Differenz zwischen Fakt und Fiktion. Wie ist ihr Blick auf historische Romane, die ja sehr oft mit der Form des Tagebuchs spielen?

Ich halte die Lektüre von historischen Romanen für legitim und würde natürlich hoffen, dass diese nicht nur gut recherchiert und spannend geschrieben sind, sondern auch die Perspektive von unten mittragen, also nicht noch mehr Herrschaftsgeschichte reproduzieren. Gleichwohl ist festzuhalten, dass diese Bücher immer die Perspektive der Gegenwart des Schreibenden mittransportieren, egal, wie gut die Person sich in die Vergangenheit hineinversetzt. Der Text wird immer seine Akzentsetzung und Fragestellungen aufweisen und das ist ja ein nicht unwesentlicher Unterschied. Aber ich weiß zum Beispiel noch, mit welch großer Begeisterung meine Tochter die Bücher von Klaus Kordon gelesen hat. Und idealerweise ist es doch so: Die Leserinnen und Leser interessiert etwas, und dann informieren sie sich weiter. Wahrscheinlich über fiktionale Lektüre genauso wie über non-fiktionale. Die Aufgabe von Geschichtsunterricht ist es dann beispielsweise, diese Differenz genau zu reflektieren und herauszuarbeiten.

Herr Kaiser, ich bedanke mich sehr für das Gespräch und die minutiöse Arbeit an Ihrem Buch, das nicht nur eine hilfreiche Quellensammlung ist, sondern auch wichtiges Wissen vermittelt!

Wolf Kaiser (Hrsg.): Der papierene Freund. Holocaust-Tagebücher jüdischer Kinder und Jugendlicher. Studien und Dokumente zur Holocaust- und Lagerliteratur 12. Metropol 2022. ISBN: 978-3-86331-640-2. €39.

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