Ungerechtigkeit und Tod konkret erzählt

„Der Traum von Olympia“ von Reinhard Kleist

Cover "Der Traum von Olympia"
c Reinhard Kleist/Carlsen

Zugegeben, „Der Traum von Olympia“ wurde schon aller Orten besprochen. Dennoch hatte ich Reinhard Kleists Nacherzählung des Lebens der Sportlerin Samia Yusuf Omar in Comic-Form bisher nicht gelesen. Es wurde also höchste Zeit und angesichts der aktuellen Entwicklungen in Moria, wurde mir immer klarer, dass ich das Buch unbedingt im Blog besprechen will, auch wenn das Thema – sagen wir mal – sehr zeitgeschichtlich ist.

Samia Yusuf Omar lebt eigentlich in Mogadischu. Laufen ist ihr Leben, vor allem seit ihr Vater von selbsternannten Moralwächtern getötet wurde. Trotz der andauernden Instabilität in Somalia gelingt es ihr, bei den olympischen Spielen in Peking 2008 teilzunehmen. Unverschleiert, als Frau – all das wird ihr bei ihrer Rückkehr zum Verhängnis. Sie will eigentlich nur trainieren, doch die Islamist*innen machen ihr das Trainieren unmöglich. Samias großer Traum, die Teilnahme bei den olympischen Spielen in London, scheint in unerreichbare Ferne zu rücken. Schweren Herzens beschließt Samia also das zu tun, was so viele vor ihr schon getan haben: Sie will fliehen. Nach Europa. Um trainieren zu können und Geld zu verdienen und so ihrer Mutter und den Kindern ihrer Schwester, die bereits nach Finnland geflohen ist, einen Ausweg zu ermöglichen aus einem zunehmend von Fundamentalist*innen und Terror geprägten Alltag.

Rekonstruktion einer Flucht

Reinhard Kleist erzählt einfühlsam den harten Weg, den Samia auf sich nimmt. Die zahlreichen Rückschläge, die sie auf sich nehmen muss. Im Vorwort erklärt er genau, wie er ihre Geschichte rekonstruiert hat. Es wird deutlich, dass manches nur Vermutung bleiben kann. Das Ende ist so drastisch, wie es nur sein kann: Samia stirbt. Sie ertrinkt im Mittelmeer wie so viele, die für uns nur Zahlen bleiben, vor und nach ihr. London 2012 findet ohne sie statt. Dass Reinhard Kleist ihr mit dieser Graphic Novel Tribut zollt, ist so ehrenwert wie wichtig. Samia Yusuf Omars Geschichte macht das Schicksal Geflüchteter weniger abstrakt. Die Verzweiflung, die Menschen über das Meer treibt, wird hier unmittelbar greifbar, genau wie die Not, Wut und Angst, die sie begleiten. Carlsen bietet zum Comic auch pädagogisches Begleitmaterial an. – Möge dieses Werk in möglichst vielen Klassensätzen gelesen werden, auch wenn andere Themen die andauernden Menschenrechtsverletzungen im Mittelmeer wieder in den Schatten der medialen Aufmerksamkeit drängen.

Gestaltung 5/5
Sprache 5/5
Didaktik 5/5
weiterführende Tipps 0/5

Reinhard Kleist: Der Traum von Olympia. Die Geschichte der Samia Yusuf Omar. Carlsen 2017. Ab 14 Jahren. ISBN 978-3-551-71386-5, €10,99.

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