Manfred Mai: Deutsche Geschichte

Cover Manfred Mai: Deutsche GeschichteManfred Mais „Deutsche Geschichte“, die 1999 zum ersten Mal erschien und von der Presse hochgelobt wurde, ist ein durch und durch ambitioniertes Projekt. Der Autor fasst auf gut 200 Seiten kombiniert mit sehr vereinzelten Illustrationen die Geschichte Deutschlands seit den Germanen zusammen. Das entstandene Werk wird vom Verlag für Jugendliche ab 12 Jahren empfohlen.

In der Tat ist dem allgemeinen Presselob zuzustimmen, dass diese Geschichte absolut gut erklärt und angenehm zu lesen ist. Das mag auch an der ausgeprägten Meinungsfreude Mais liegen, der selbst Geschichte und Deutsch an Realschulen unterrichtete. Mitunter stark wertend stellt er historische Persönlichkeiten vor, geht aber auch immer wieder auf gesellschaftliche Strukturen ein und bleibt so fern von einer reinen Ereignisgeschichte. Der Kürze des Textes angesichts der langen behandelten Zeitspanne ist es natürlich geschuldet, dass dabei nicht ganz so detailliert in die Tiefe gegangen werden kann, wie es vielleicht wünschenswert gewesen wäre. So werden die Edelweißpiraten als politische Widerstandsgruppe vorgestellt (S.136), dabei sind diese eher als unpolitische Subkultur zu verstehen, auch wenn damit natürlich keineswegs ihr widerständiges Verhalten geschmälert werden soll – aber die Frage stellt sich schon: Wäre eine realistischere Darstellung der Edelweißpiraten für Jugendliche nicht ungleich interessanter? Wo fängt Politik an, wo hört sie auf? Sind das nicht genau Fragen, die auch die eigene Lebenswelt betreffen könnten? (Siehe dazu auch meine Rezension zu Herwigs “Bis die Sterne zittern” hier)

Ein weiteres Beispiel für eine solche Ungenauigkeit ist die Wiedergabe des Mythos der Kriegsbegeisterung zu Beginn des Ersten Weltkriegs (S. 107) – hier hat die Forschung nachgewiesen, dass die Kriegsbegeisterung zwar bestimmte soziale Gruppen tatsächlich ergriff, weite Teile der Gesellschaft jedoch nicht. Diese fallen bei Mai völlig unter den Tisch, um eine glatte Geschichte erzählen zu können.

Dennoch gelingt es Mai an einigen Stellen durchaus auch begriffliche Reflexionen einzubringen, etwa wenn es um das „finstere Mittelalter“ geht oder Redewendungen, die uns noch heute geläufig sind.

Buch als RitterGleichwohl sind diese Elemente auch problematisch, denn an vielen Stellen scheint es, als seien die Dinge, die Mai als Brücke in unser Jetzt baut, sehr wackelig. Am augenscheinlichsten ist das der Fall, wenn es um die Minne geht. Schade ist hier einerseits, dass nicht über unterschiedliche Liebeskonzepte reflektiert wird (ein Thema, dass für Jugendliche sicherlich einen recht hohen Stellenwert hätte), andererseits wirkt es doch recht befremdlich, wenn das Gedicht „Dû bist mîn, ich bin dîn […]“ zitiert wird mit der Behauptung, es rühre uns noch heute (S. 37-38). Das mag für manche von uns sicherlich zutreffen, für andere aber nicht und die Frage ist, wer an solchen Stellen verloren geht.

Insgesamt wirft die Lektüre des Textes daher leider mehrfach die Frage auf, ob er nicht möglicherweise ein wenig zu elitär gedacht ist: Wer nicht gerne liest, wird mit dieser Deutschen Geschichte jedenfalls vermutlich nicht damit anfangen. Hier tragen leider auch die Illustrationen nicht zu tieferem Verständnis bei, da oftmals unklar ist: Stellen sie nun reale Szenen dar oder sind sie frei erfunden? Das ist nur an einigen Stellen besser gelöst, etwa bei einer Darstellung Karls des Großen (S. 19), bei der die Bildunterschrift erklärt, dass eigentlich keine realistische Darstellung Karls des Großen vorliegt und die Inspiration daher von einem Denkmal stammt. Warum werden solche Reflexionen über die Bilder nicht häufiger vorgenommen? Fraglich ist auch, warum nicht mehr visuelle Elemente genutzt werden, um das Buch ein wenig lesefreundlicher zu gestalten. Wie wäre es mit einem Schaubild zum Ständemodell oder etwa Marginalien? Und warum tauchen die kleinen historischen Karten erst ganz am Schluss auf einer Doppelseite des Buches auf und werden nicht jeweils an den passenden Stellen in den Text eingefügt?

Fazit: Trotz der genannten Kritikpunkte ist Manfred Mais „Deutsche Geschichte“ eine lesenswerte Gesamtschau, die knapp zentrale Momente der deutschen Geschichte verständlich zusammenfasst und zudem durch die klar erkennbare Haltung des Autors die Leser*innen souverän durch die Ereignisse steuert. Dass dabei Ungenauigkeiten entstehen, ist sicherlich unvermeidlich. Schade ist allerdings, dass das Buch insgesamt eher auf ein ohnehin leseaffines jugendliches Publikum ausgerichtet ist.

Manfred Mai: Deutsche Geschichte. Mit Bildern von Julian Jusim. Gulliver 2010 (1999). ISBN 978-3-407-75524-7 . € 8,95. (Aktueller Preis als eBook € 6,99).

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