Die Welt als Warenstrom: Peter Frankopans „Die Seidenstraßen. Eine Weltgeschichte für Kinder“

Cover Frankopan und Packer: Die Seidenstraßen

Der Elfenbeinturm der Historiker*innen, oft ist er schmal und hoch und einsam. Und dann gibt es doch immer wieder ein paar mutige, die sich irgendwie hinaus und hinunter schwingen, um mit anderen über das zu reden, was sie da tun. Peter Frankopan, Professor für Globalgeschichte an der Oxford University, ist das spätestens seit 2015 gut gelungen, als sein Buch „Silk Roads“ vom Daily Telegraph zum Geschichtsbuch des Jahres ernannt wurde. Auch die deutschen Feuilletons feierten die deutsche Übersetzung „Licht aus dem Osten“ (hier ein Link zur ZEIT). Noch ungewöhnlicher ist dann jedoch, dass Frankopan sich nicht zu schade ist, diese Weltgeschichte auch noch einmal für Kinder zu erzählen – und sich das Cover gleichsam am “Erwachsenenbuch” anlehnt. Es ist ein wundersames Buch zum Staunen geworden, nicht zuletzt dank der Illustrationen von Neil Packer. Vom Rowohlt Verlag wird „Die Seidenstraßen“ ab 10 Jahren empfohlen.

Die großen staunenden Augen Peter Frankopans selbst sind es, die uns auf den Weg schicken. In seiner Einleitung erzählt er uns, wie er als Kind auf Weltkarten schaute und mehr wissen wollte über diese geheimnisvollen Regionen im Osten. Und nicht nur die Geschichte der britischen Herrscher*innen auswendig lernen. Einerseits ist das eine tolle Einladung, mit auf die immer wieder von Neil Packer angebotenen, hoch stilisierten Weltkarten zu schauen, andererseits lässt es uns ein bisschen ratlos zurück: Wissen über die britischen Herrscher*innen? So etwas lernen wir klassischerweise nur am Rande im deutschen Geschichtsunterricht. Ein kurzer Infokasten zu Frankopan irgendwo im Buch, ein Hinweis darauf, wo er herkommt, wäre daher toll gewesen, schon alleine um seine Perspektive besser zu verstehen.

Doch sei es drum, denn England, ja, Europa, kommen zumindest zu Beginn ohnehin kaum vor, fast ist es irritierend, was hier passiert: Weltgeschichte eben wirklich als Weltgeschichte, Europa irgendwie völlig unwichtig und uninteressant über mehrere tausend Jahre und so einige Doppelseiten. Stattdessen zum Beispiel Mesopotamien, China als Erfinder des Passsystems vor 2000 Jahren; fasziniert lesen wir, dass Globalisierung eigentlich ein alter Hut, die heutige Weltlage keineswegs so dramatisch ist (und fragen uns an der Stelle, ob das nicht eine sehr privilegierte Position ist).

Frankopan erzählt versiert, bleibt mit dem Blick auf den großen Strukturen, erklärt gelegentlich Allgemeines, wie etwa, dass Religionen immer auch etwas mit Macht zu tun haben. Gleichzeitig huscht er nur so durch die Jahrhunderte, nennt oft keine konkreten Namen oder Jahreszahlen. Ihm kommt es auf die Zusammenhänge an, auf das Ändern der Perspektive, auf die Erkenntnis: Die Welt war auf ihre ganz eigene Weise schon immer ein Dorf. Es gelingt ihm spielerisch und nonchalant, die Bedeutung von Geschichte für das Jetzt deutlich zu machen, indem er die Weltgeschichte als etwas erzählt, das sich verändert und zugleich konstant bleibt: Am Ende stehen wir alle immer irgendwie in Bezug zueinander, spielen nationale und regionale Grenzen zwar eine Rolle, sind jedoch nicht das Maß aller Dinge.

Neben der politikgeschichtlichen Dimension ist es vor allem eine Wirtschaftsgeschichte, die Frankopan uns hier anbietet, ganz so, wie der Titel es schon vermuten lässt. Handel ist es hier, der die verschiedensten Menschengruppen, Städte, Dörfer, Regionen, Staaten miteinander verbindet, sie miteinander konkurrieren lässt und gelegentlich trennt. Erst mit der Entdeckung Amerikas taucht dann Europa so richtig wieder auf und im Zweiten Weltkrieg, mit Großbritannien als letztem einsamen Widerständler gegen Hitler, wird doch auch Frankopans eigener Wohnort wieder ein bisschen deutlicher. Und zugleich ist es ein gutes Beispiel dafür, wie er erzählt: Die Anekdote, Roger I. von Sizilien habe auf den Aufruf zum Kreuzzug durch Papst Urban II. nur den Hintern gehoben und gefurzt, hat hier mehr Platz als so manche historische Beobachtung. Die großen staunenden Augen, das Abenteuer, die Faszination sind hier wichtiger als das historische Klein-Klein.

In diesem Sinne sind auch Neil Packers Illustrationen zu verstehen, die an alte mittelalterliche Karten erinnern, aber auch an ägyptische Steinreliefs. Sie erzeugen eine Fremdheitserfahrung und tragen doch zum Textverständnis bei. Schade ist nur, dass die Inspirationsquellen für die Bilder, die wie das Portrait Elisabeth I. auf Seite 85 bekannten Darstellungen entlehnt sind, nicht offen gelegt werden. Auch Frankopan gibt keine weiteren Lesetipps und so bleibt die Leseempfehlung des Verlags denn auch etwas rätselhaft. Diese 120 Seiten, von denen viele mit ein- oder doppelseitigen, wunderschönen Illustrationen Packers gefüllt sind, sind ein kleines Kunstwerk, eine Augenweide und als solche auch schon zum Vorlesen prima geeignet. Diese Geschichte sollte schon Jüngeren angeboten werden, denn sie ist so abenteuerreich und fesselnd erzählt, dass sie ganz sicher auch Siebenjährige in ihren Bann zieht. Obgleich klar wissenschaftlich untermauert, bleibt alles ein wenig auf dieser Ebene stecken, eine Meistererzählung, die wir glauben müssen und können, die darauf setzt, dass sie aus sich heraus so viel Faszination aufbaut, dass wir schon selbst auf die Suche nach weitere Informationen gehen werden. Es bleibt zu hoffen, dass es vielen so geht nach dieser Lektüre. „Die Seidenstraßen“ wäre dann nur der Auftakt der Fremdheitserfahrung, der Beginn des Staunens und Fragenstellens.

Peter Frankopan: Die Seidenstraßen. Eine Weltgeschichte für Kinder. Mit zahlreichen vierfarbigen Illustrationen von Neil Packer. Aus dem Englischen von Norbert Juraschitz. Ab 10 Jahre. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 2018. ISBN: 978-3-499-21827-9 . € 20.

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