Der ewige, ätzende Antisemitismus

Mirjam Presslers „Dunkles Gold“ erzählt vom Jüdisch-Sein in Deutschland

Cover "Dunkles Gold"
c Beltz&Gelberg

Eigentlich hasst Laura die Geschichte um den Erfurter Schatz, den ein jüdischer Bankier namens Kalman von Wiehe 1349 in seinem Haus versteckte. Zu begeistert ist ihre Mutter, eine Kunsthistorikerin, von ihrer Arbeit mit dem Schatz, zu sehr will Laura sich von eben dieser Mutter abgrenzen. Aber dann lernt Laura Alexej kennen und auf einmal wird alles anders – auf zwei Ebenen erzählt Mirjam Pressler in „Dunkles Gold“ von jüdischem Leben in Deutschland und gibt damit den Blick frei auf dauerhafte Ausgrenzung genauso wie Nicht-Wissen.

Dass Presslers Roman so nahe geht, liegt genau an diesem Erzählen auf zwei auf zwei Ebenen. Abwechselnd berichten Laura und Rachel von ihren Leben und Erlebnissen. Laura, die sich in den Juden Alexej verliebt und über ihn und seine Familie mehr und mehr lernt, was es heißt, mit dauerhafter Ausgrenzung leben zu müssen und sich tagtäglich neu zu fragen, ob und wo das eigene Judentum thematisiert werden kann, hat die Idee, eine Graphic Novel über Kalman von Wiehe und vor allem seine Tochter Rachel zu erzählen. Deren Geschichte öffnet den Blick auf die Kontinuitäten des Antisemitismus und der Judenverfolgung (nicht nur) in Deutschland. Rachel flieht gemeinsam mit ihrem Vater und ihrem Bruder Joschua vor dem großen Pestpogrom aus Erfurt. Ihre Flucht ist entbehrungsreich, sie muss ihr Judentum verstecken und sich immer wieder neu fragen und erinnern, wer sie eigentlich ist.

Es sind diese Fragen nach Identität und Zugehörigkeit, die Mirjam Pressler eindringlich in den Vordergrund ihrer Geschichte rückt. Zugleich gelingt es ihr auf vorbildliche Weise, die Kontinuitäten des Antisemitismus geradezu schmerzhaft sichtbar zu machen. In den Nachbemerkungen füllt sie die Jahre zwischen dem Ende von Rachels Geschichte im Roman hin zu unserer, Lauras, Zeit und macht deutlich: Wohin Rachel auch gegangen wäre, sie und ihre Nachkommen wären nie sicher vor Verfolgung gewesen. Dabei legt sie über die Figur Lauras auch offen, wie wenig die meisten Menschen eigentlich über das Judentum, über das jüdische Leben auch und gerade in Deutschland wissen. Immer wieder trifft Laura auf neue „Fettnäpfchen“. Nur die Offenheit aller Figuren, ihre gemeinsamen Gespräche, schaffen immer wieder eine Basis für gegenseitiges Verständnis. Nur eins macht stutzig an diesen Gesprächen: Fast das ganze Buch über bleiben „Deutsche“ und „Juden“ dabei getrennte Gruppen, erst auf den letzten Seiten macht Alexej deutlich: Auch wir sind Deutsche! – Vielleicht ist das der wichtigste Lernprozess, den dieses Buch anregt und begleitet. Absolut lesenswert und ein weiterer Beweis dafür, wie sehr Mirjam Presslers erzählerische Stimme der Welt der Kinder- und Jugendliteratur fehlt.

Gestaltung 5/5
Sprache 5/5
Didaktik 5/5
weiterführende Tipps 2/5
Handlung 5/5

Mirjam Pressler: Dunkles Gold. Ab 14 Jahren. Weinheim: Beltz 2019. ISBN: 978-3-407-81238-4. € 17,95.

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