Entdecker entdecken: Silke Vrys und Verena Herbsts „Durch den Dschungel zu den Maya“

Cover "Durch den Dschungel zu den Maya"

Die abenteuerliche Expedition von Stephens und Catherwood“ geht es im Untertitel weiter. Und die Überschriften versprechen nicht zu viel. Vry und Herbst stellen uns in ihrem Entdeckerbuch ab 8 Jahren kompakt John Lloyd Stephens und Frederick Catherwood und ihre Expeditionen (denn es waren eigentlich mehrere) vor. Zwischen den Erzählteilen werden immer wieder grün abgehobene Doppelseiten eingestreut, auf denen Informationen über die Kultur der Maya genauso wie über die Arbeitsweise der beiden Forscher in kleinen Häppchen geboten werden.

Eine Wissensgeschichte über vergangene Hochkulturen

Stephens und Catherwoods Leben wird jeweils nur kurz angerissen, eigentlich nur das erzählt, was wirklich relevant für die Expeditionen erscheint. Das ist zum Beispiel ihr jeweiliger beruflicher Hintergrund. Während Stephens eigentlich Rechtsanwalt war, brachte ihm der Erfolg seiner Reiseberichte über Europa so viel Geld ein, dass der gebürtige New Yorker sich entschied, in diese Richtung weiter zu arbeiten. Stephens hingegen war der erfolgreichste Landschaftsmaler seiner Zeit, was auch daran lag, dass er eine „Camera Lucida“ nutzte, die im Buch auch mit einer technischen Zeichnung genau erklärt wird. – Nur eines der Beispiele dafür, wie Vrys Text und Herbsts Bilder gelungen ineinander greifen und tiefgehende Informationen liefern.

Stephens und Catherwood machten ihre Expeditionen in den 1840er Jahren. Zentral für Stephens war die Motivation zu beweisen, dass es auch in Südamerika eine Hochkultur gegeben habe. Zusammen mit seinem Freund Catherwood wollte er den Gerüchten über alte Gebäude in den Tiefen des Dschungels nachgehen. Selbstverständlich waren die Expeditionen mit zahlreichen Hindernissen und Beschwerlichkeiten verbunden, allen voran machte die Malaria den beiden zu schaffen.

Kolonialismus als blinder Fleck

Doch da sind wir auch schon ein wenig beim Problem des Buches angekommen: So toll es ist, mehr über die Expeditionen zu erfahren und so sehr Vry und Herbst Wissen über die indigene Bevölkerung Südamerikas verbreiten wollen, so sehr bleibt das Buch doch gelegentlich in der Perspektive der beiden weißen Forscher stecken. Wie nahmen diejenigen sie wahr, die für sie kochten? Wurden ihre Bücher auch in Südamerika selbst rezipiert? Zerstörten sie mit ihrer Arbeit möglicherweise archäologische Fundstätten? Hier fehlt es insgesamt ein wenig an kritischer Perspektive bezüglich des Kolonialismus, auch was die Ausstellung von „Funden“ in Museen angeht. Dieser Hinweis, wo Leser*innen selbst wichtige Maya-Kulturgüter sehen können, ist zwar einerseits toll, gerade angesichts der immer stärker aufkeimenden Diskussion über die Rechtmäßigkeit solcher geraubten Ausstellungsstücke, hätte dieser Aspekt aber durchaus problematisiert werden können.

An einigen Stellen ist außerdem zu fragen, ob nicht ein zwei Worte mehr noch etwas Präzision gebracht hätten. So wird zwar benannt, dass bereits ein Wirkstoff gegen Malaria bekannt war, welcher das war, bleibt jedoch im Dunkeln (gemeint ist vermutlich Chinin). Auch ist zwar schön, dass der Begriff „Indianer“ problematisiert wird, iritierend dann allerdings, dass er weiter im Text verwendet wird. Und die Frage, warum die „Indianer“ spanisch sprechen, verliert einerseits ein wenig den Zeithorizont aus dem Auge und vergisst andererseits, dass für die meisten Leser*innen die indigene Bevölkerung Amerikas wohl eher englisch spricht, hier also eine stärkere Kontextualisierung erfolgen müsste.

Fazit: Faszination Entdecker

Das ist nun sehr viel Kritik, die die postiven Aspekte jedoch nicht schmälern sollte: Vry und Herbst ist ein tolles Werk gelungen, dass nicht auf Exotik abzielt, sondern eher einen wissensgeschichtlichen Ansatz verfolgt und zeigt, dass bestimmte ideelle Intentionen Forscher extrem motivieren können und dann eben noch ein bisschen Glück und Abenteurertum dazugehört. Für junge Leser*innen, die selbst das Entdecken lieben, dürfte dieses Buch eine echte Bereicherung sein. Durch die Infografiken, Museumstipps und ein Glossar am Ende des Buches wird tieferes Verständnis und weitere Recherche ermöglicht, auch wenn ein paar Lesetipps zusätzlich zum musealen Aspekt sicher perfekt gewesen wären.

Gestaltung 4/5
Sprache 4/5
Didaktik 4/5
weiterführende Tipps 3/5
Handlung 4/5

Silke Vry (Text) / Verena Herbst (Illustration): Durch den Dschungel zu den Maya. Die abenteuerliche Expedition von Stephens und Catherwood. Leipzig: E.A. Seemanns Bilderbande 2019. ISBN 978-3-86502-415-2. € 16. Ab 8 Jahren.

Für Freund*innen von Entdeckerbüchern möchte ich an dieser Stelle auch noch einmal wärmstens die Biographie von Alexander von Humboldt empfehlen, die ich hier rezensiert habe: https://lies-geschichte.de/alexander-von-humboldt/ Hier wird unter anderem auch Humboldts Einstellung zur indigenen Bevölkerung thematisiert.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.