Brodersen/Stern: Eine Erdbeere für Hitler

Cover eine Erdbeere für HitlerKinder- und Jugendliteratur über den Nationalsozialismus gibt es reichlich – mal mit mehr, mal mit weniger moralisch erhobenem Zeigefinger. „Eine Erdbeere für Hitler“ (ab 10 Jahre) wird daher sicherlich nicht das letzte Buch zu diesem Thema sein, dass ich hier rezensieren werde. Die Herangehensweisen bei der Darstellung des Nationalsozialismus und des Holocaust sind dabei vollkommen unterschiedlich. Eines der bekanntesten fiktiven Werke der letzten Jahre dürfte von „The Boy in the Striped Pyjamas“ von John Boyne sein, das ja auch verfilmt wurde. Hier wird in der Fiktion bewusst eine vollkommen naiv-kindliche Perspektive gewählt, die die Schrecken der Konzentrationslager durch die Kontrastierung von zwei Jungenleben dies- und jenseits der Grenze des Stacheldrahts umso grausamer erfahrbar werden lässt.

„Eine Erdbeere für Hitler“ wählt einen insgesamt ganz anderen Ansatz. Der Band, herausgegeben von Ingke Brodersen und Carola Stern, versammelt unterschiedliche Texte zum Nationalsozialismus, die ein umfassendes Bild der Gesellschaft der damaligen Zeit zeichnen. Dass den Herausgeberinnen daran gelegen ist, vor allem die Durchdringung des Alltags durch und die Begeisterung vieler für das Hitler-Regime zu betonen, zeigt schon die Titelwahl, die sich auf ein Schreiben an die Reichskanzlei vom 1. August 1933 bezieht, in dem ein Gärtnereibesitzer um Erlaubnis bittet, eine neu gezüchtete Erdbeersorte nach Hitler benennen zu dürfen.

Bevor es jedoch zur Beschreibung gesellschaftlicher Sphären über die Beleuchtung von Einzelschicksalen geht, eröffnet Hans Mommsen den Band mit einem Aufsatz über die Entstehung des nationalsozialistischen Regimes. Der Text liefert den nötigen makrohistorischen Kontext, um die folgenden eher mikrogeschichtlich angelegten Kapitel verstehen zu können. Schon hier werden jedoch drei Schwachpunkte deutlich, die sich durch den gesamten Band ziehen: 1) Er ist sprachlich ausgesprochen anspruchsvoll. Auch wenn Mommsen sein Niveau dem jugendlichen Lesepublikum (das Buch wird ab 10 Jahren empfohlen) angepasst hat, sind hier klar erfahrene LeserInnen addressiert. 2) Zwar ergänzen Brodersen und Stern den Text durch Infokästen zu zentralen Schlagwörtern und Personen, um so das Verständnis zu erleichtern, jedoch stören diese Infokästen nicht nur den Lesefluss, oftmals werfen sie mehr Fragen auf, als dass sie sie beantworten. So endet der Infokasten zu Gregor Strasser auf Seite 35, der zudem nicht mit dem Namen der Person, sondern reißerisch mit dem Schlagwort „Ermordet“ gekennzeichnet ist, lapidar mit dem Satz „Am 30. Juni 1934 wurde ermordet.“ Tatsächlich wäre aber genau diese Ermordung, deren genaue Befehlshintergründe bis heute umstritten sind, ein gutes Beispiel für historische Debatten gewesen und hätte daher zu differenzierterer Darstellung einladen können. 3) Zwar ist auch der Mommsen-Text bebildert, die Bilder bleiben jedoch nur illustrierendes Beiwerk, ohne das etwa ein nationalsozialistisches Bildprogramm im Sinne einer für diesen Band ja durchaus passenden kulturgeschichtlichen Analyse betrachtet würde.

Das größte Problem allerdings tut sich erst in den Folgetexten auf. Zwar sind diese thematisch schön gewählt und ermöglichen den LeserInnen einen Einblick in die unterschiedlichsten Lebenswelten. So wird in Hilke Lorenz‘ „Mit dem Führer auf Fahrt“ deutlich, wie Kinder gegen ihre Eltern indoktriniert wurden und sich plötzlich Linien des Misstrauens durch ganze Familien ziehen konnten. Mirjam Pressler beschreibt in „Himmel und Hölle“ die Odyssee der jungen Jüdin Hannelore, die erst nach Dänemark fliehen kann, von dort aber nach Theresienstadt deportiert wird. Natürlich fehlt auch ein Kapitel über den Widerstand nicht. Problematisch bei all diesen und den weiteren Texten des Bandes bleibt jedoch, dass unklar ist, wie genau hier mit Quellen gearbeitet wird, ob es sich überhaupt um historische oder fiktive Figuren handelt, die die jeweiligen Kapitel tragen, wird gar nicht deutlich. Ein historisches Lernen, dass die kritische Reflexion der dargebotenen Inhalte fördert und forschendes Lernen ermöglicht, sieht anders aus. Spätestens hier ist dem Band also anzumerken, dass er ursprünglich aus dem Jahr 2005 stammt. Dass Carola Stern in einem Nachwort zudem noch stark moralisierend argumentiert und einerseits von ihren eigenen Schuldgefühlen als junge Mitläuferin berichtet, andererseits aber auch schreibt, vom Holocaust habe sie nichts gewusst, nur um gleich einzuschränken: vielleicht auch nichts wissen wollen, rundet den Band zwar einerseits im Sinne der Herausgeberinnen ab, betont aber andererseits die vorangehenden Schwächen. Denn hier wird endlich die stark subjektive Perspektive deutlich gemacht, Deutungsmuster tun sich auf, die hinterfragt werden können. Ähnliches hätte dem Gesamtband gut getan.

Fazit: „Eine Erdbeere für Hitler“ ist einerseits eine spannende und detailreiche Darstellung der nationalsozialistischen Gesellschaft, andererseits ist der Band wirklich nur erfahrenen Leser*innen zu empfehlen. Für den Geschichtsunterricht wäre er nur dann geeignet, wenn die ausgewählten Passagen entsprechend intensiv kontextualisiert würden, eigenständiges forschendes Lernen bleibt hier jedenfalls schwierig.

Ingke Brodersen/Carola Stern (Hg.). Eine Erdbeere für Hitler. Deutschland unterm Hakenkreuz, Fischer Verlage 2005. ISBN 978-3-596-16765-4 . Ab 10 Jahren. €12,95.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.