Leben für Andere und die Medizin

Kuwana Haulseys „Der Engel von Harlem“

Cover "Der Engel von Harlem"
c Urachhaus

May Edward Chinn war die erste Schwarze Ärztin New Yorks. Kuwana Hulsey widmet ihr mit „Der Engel von Harlem“ ein Portrait, das aus Sicht der Ärztin selbst berichtet, zunächst verschlungen wie alle Erinnerungen und dann immer klarer und an Fahrt aufnehmend, je deutlicher sie selbst ihr Ziel erkennt.

Auch wenn bei Urachhaus nicht im Jugendsegment erschienen, ist dieser beeindruckende Roman ganz sicher einer, der Jugendliche ab 14 Jahren ansprechen dürfte. Denn es geht an vielen Stellen um die großen Fragen. Wer bin ich? Wer will ich sein? Was bin ich bereit dafür aufzugeben?

Alltagsrassismus und rassistische Strukturen

Für May, die uns die Geschichte aus ihrer Sicht erzählt, ist die Medizin zunächst keine Berufung. Eigentlich will sie Pianistin werden, doch ein rassistischer Dozent will sie nicht durch die Prüfung kommen lassen. So rutscht sie in die naturwissenschaftliche Schiene, wird schließlich Ärztin und spezialisiert sich zunehmend auf Krebsdiagnosen. Immer wieder kämpft sie gegen gesellschaftliche Missstände an. – Indem sie weiter den Menschen hilft, zwischen denen sie aufgewachsen ist. Damit riskiert sie durchaus ihr Leben, sind Raubüberfälle oder Vergewaltigungen doch an der Tagesordnung. Gleichzeitig kämpft sie gegen rassistische Strukturen. Sie bewirbt sich immer wieder bei den Krankenhäusern der Stadt, wohl wissen, dass dort keine Schwarzen Ärzt*innen akzeptiert werden.

Kuwana Haulsey hat ein liebevolles, bewunderndes Bild von May Chinn geschaffen, das nicht zuletzt auch die Frau würdigt, auf deren harter Arbeit Chinns Erfolg ebenso basiert: ihrer Mutter. Ohne ihre Selbstaufopferung hätte Chinn nämlich niemals die Ausbildung bezahlen können. Ein tolles Buch, das einerseits von Mut und Hingabe erzählt und andererseits rassistische Vorurteile und Barrieren sichtbar werden lässt. Besonders toll ist, dass Haulsey im Nachwort noch einige Lektürehinweise gibt und so ihren eigenen Rechercheweg deutlich macht. Gerade bei dieser sehr literarischen Lebensadaption scheint ein solches Gegengewicht zentral.

Sprache 5/5
weiterführende Tipps 5/5

Kuwana Haulsey: Der Engel von Harlem. Die Lebensgeschichte der ersten farbigen Ärztin in New York. Aus dem Amerikanischen von Dieter Fuchs. Urachhaus 2021. ISBN: 978-3-8251-5276-5, €20.

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