Die Mischung macht’s: „Erik der Wikingerjunge“ zwischen Fiktion und Sachbuch

Cover Erik der Wikingerjunge Schwieger und Steimann

„Wikinger“ sind in der popkulturellen Erinnerungslandschaft gefühlt omnipräsent. Kaum ein skandinavischer Ort in Küstennähe, in dem nicht Wikingertouren aller Art gebucht werden können – gerne auch mit behorntem Helm auf dem Kopf. Genau bei solchen Vorstellungen holt uns Autor Frank Schwieger ab und lädt dazu ein, unsere bisherigen Ideen von den Wikingerinnen zu hinterfragen. Mit „Erik der Wikingerjunge“ wählen Schwieger und die Illustratorin Janna Steimann den Weg zwischen Fiktion und Sachbuch und richten sich an Kinder ab 8 Jahren.

Illustrationen nach realem Vorbild

Das Buch ist in Kooperation mit dem „Wikinger Museum Haithabu“ entstanden und das ist sichtbar: Viele der Illustrationen Steimanns wirken wie direkte Skizzen von Museumsfundstücken. An manchen Stellen wäre eine Anmerkung genau dazu toll gewesen, denn etwa das Pferdegeschirr verwirrt – warum wird hier nur ein Bruchstück gezeigt? Die Erklärung liegt eben vermutlich in dem Versuch, authentisch zu bleiben und in den Sach-Illustrationen nichts hinzuzuerfinden. Genau diese Trennung von Fiktion und Sachteil auch in der Illustration hätte jedoch noch deutlicher werden können. Gleichwohl ist die Genauigkeit der Illustrationen bewundernswert und lädt zum langen Betrachten ein. Die Bilder machen Lust darauf, tatsächlich selbst mal ins Museum zu fahren. Dass dies möglich ist, machen die Tipps am Ende deutlich, hier werden ausgewählte Bücher, eine DVD und eben mehrere Museen zum Thema empfohlen, so dass Leserinnen die Möglichkeit haben, weiter zu recherchieren und mehr zu erfahren. Vielleicht wären ein paar Internetseiten über die Homepages der Museen hinaus noch toll gewesen. So hätten die Kinder die Möglichkeit, wirklich ganz sofort loszulegen mit der weiteren Recherche.

Brudersuche mit Happy End

Das Buch auf einem Wikingerschiff

Konkret erzählt das Buch auf der fiktiven Ebene die Geschichte von Erik, der als einfacher Bauerssohn in Küstennähe wohnt. Sein großer Bruder Leif ist vor einigen Monaten zum Raubzug aufgebrochen, jedoch bisher nicht zurückgekehrt. Mit der Erlaubnis seiner Eltern macht sich Erik auf den Weg nach Haithabu, um seinen Bruder zu suchen. An dieser Stelle sei verraten, dass diese Handlungsebene ein Happy End hat. Da zugleich ja auch noch die Sachebene hineinspielt, verflacht die Spannung an manchen Stellen etwas, insgesamt trägt der Plot aber genug, um eben die Sachtexte, die auf jeder Doppelseite untergebracht sind, gelungen anknüpfen zu können.
Schwieger und Steimann bieten hier eine überzeugende Kultur- und Alltagsgeschichte der Wikinger*innen. Von ihren Essgewohnheiten über die Wohnbedingungen hin zu Beerdigungsriten und Kleidungsstil erfahren wir viele Details, Illustrationen und Sachtexte greifen gelungen ineinander.

Frauen und Leibeigene

Eigentlich gibt es neben der oben genannten Illustrationsthematik nur eine Stelle, die irritiert, nämlich wenn auf einmal im Zusammenhang mit dem Danewerk von den „Dänen“ die Rede ist, nachdem zu Beginn der Begriff „Wikinger“ etymologisch hergeleitet und problematisiert wurde. Ein wenig schade ist außerdem, dass die Frauen eine recht untergeordnete Rolle spielen. Zwar wird deutlich, dass sie eben dem Haus zugeordnet waren und hier arbeiten mussten, als Herrin des Hauses aber auch eine gewisse Machtposition innehaben konnten. Die Fragen, wann sie verheiratet wurden, ob sie eigene Geldmittel hatten etc. bleiben jedoch ungefragt und unbeantwortet.

Tolle Wissensvermittlung, die Neugierde weckt

Auch wenn mit Erik ein Protagonist gewählt wird, der sozusagen das einfache Leben spiegelt, wird auch kurz das Leben der Leibeigenen, die von Raubzügen mitgebracht wurden, angerissen. Hier wie bei den Frauen wären noch mehr Informationen schön gewesen, andererseits ist das natürlich sowohl eine Frage des Forschungsstandes als auch der Pragmatik gegenüber dem Interesse auf dem deutschen Buchmarkt. Insofern ist „Erik der Wikingerjunge“ ganz sicher als gelungener Einstieg in die Thematik für alle zu betrachten, die sich für das vergangene Leben im Norden interessieren. Illustrationen und Texte sind toll miteinander verknüpft. Die aus dem Nachwort hervorgehende Nähe zum Museum in Haithabu ist schon zuvor auf jeder Doppelseite zu spüren, so dass hier Wissensvermittlung wirklich auf vorbildliche Weise gelingt!

Gestaltung 5/5
Sprache 4/5
Didaktik 5/5
weiterführende Tipps 4/5
Handlung 4/5

Frank Schwieger: Erik der Wikingerjunge. Illustriert von Janna Steimann. Hildesheim: Gerstenberg Verlag 2018. ISBN 978-3-8369-5885-1. € 15,00. Ab 8 Jahren.

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