Knorrige Altlasten und Bonner Republik

Hannah Brinkmanns “Gegen mein Gewissen”

Cover "Gegen mein Gewissen"
c Hannah Brinkmann

Vor ein paar Wochen habe ich hier im Blog “Heimat” vorgestellt – eine Suche nach der eigenen Familiengeschichte. Die Graphic Novel “Gegen mein Gewissen” von Hannah Brinkmann verfolgt einen ähnlich persönlichen Ansatz, gleichwohl ist die Geschichte stringenter erzählt: Es geht um den jungen Hermann Brinkmann, der 1973 zur Bundeswehr eingezogen wird und sich in der Folge das Leben nimmt. Einzig im Rahmen macht Hannah Brinkmann deutlich, dass sie von ihrer eigenen Familie erzählt, als sie im Vorwort beschreibt, wie sie zum ersten Mal von ihrem Onkel hört, und im Nachwort die Recherche und die Haltung der Familie dazu rekapituliert.

Brinkmanns Comic ist beeindruckend, weil sie über die Bildsprache die hippieeske Stimmung der 1970er, den latenten Widerspruchsgeist der jugendlichen Brinkmann-Geschwister genauso einzufangen weiß wie Hermanns depressive Tendenzen. Die Widergabe von beklemmenden Traumsequenzen gelingt ihr genauso gut wie der gekonnte Einsatz von Originaldokumenten wie Zeitungsartikeln oder Hermanns Todesanzeige.

Gut gemacht ist auch die Erzählung der Vorgeschichte und die Wiedergabe politischer Positionen zur Wiedereinführung der Wehrpflicht. Schade bleibt allerdings, dass es keine Tipps zur weiterführenden Recherche gibt.

Dennoch: “Gegen mein Gewissen” ist ein tolles Debut, ein rundum gelungener Comic, der die Gestaltungsmöglichkeiten des Mediums perfekt ausschöpft. Die Stimmung der 1970er Jahre wird hier in Bild wie Sprache greifbar, das Trauma einer Familie wird einfühlsam und doch ehrlich erzählt, große Politik direkt auf individuelles Erleben heruntergebrochen. Absolut lesenswert!

Gestaltung 5/5
Sprache 5/5
weiterführende Tipps 0/5

Hannah Brinkmann: Gegen mein Gewissen, avant Verlag 2020. ISBN 978-3-96445-040-1, €30.

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