Das Kriegsende in der Jugendliteratur

Die Anthologie „Gestern war noch Krieg“

Cover "Gestern war noch Krieg"
c Thienemann-Esslinger

Natürlich machen sich über das Problem der fehlenden Zeitzeug*innen gerade Institutionen, die sich mit politischer Bildung beschäftigen, besonders viele Gedanken. Die Landeszentrale für politische Bildung in Hamburg hat nun mit Dr. Jürgen Hübner und Martin Verg die Anthologie „Gestern war noch Krieg“ herausgegeben. Geordnet nach Themen werden dabei Ausschnitte aus Jugendbüchern von prominenten Autor*innen wie Christine Nöstlinger, Uri Orlev oder Anke Bär rund um das Jahr 1945 wiedergegeben.

Die fünf Themenabschnitte Bombenkrieg, Widerstand, Volkssturm, Flucht/Vertreibung und Befreiung/Besatzung werden jeweils mit kurzen Sachtexten von Martin Verg eingeleitet. Dann folgen jeweils die Auszüge aus Jugendbüchern zum Thema, die in ihrer jeweiligen Dramatik und Einfühlsamkeit nach dem informativen Sachtext direkt berühren und die Fakten mit Leben füllen. Durch die breite Auswahl ist tatsächlich für jeden etwas dabei. Zugleich entsteht automatisch Multiperspektivität – mal berichten Jungen, mal Mädchen, mal sind es eher Arbeiterkinder, mal Kinder vom Land.

Im Anschluss an die fünf Abschnitte gibt es noch ein Glossar und eine Zeittafel, die das Verständnis erleichtern. Die Einführungstexte bieten zudem hilfreiche Orientierung. Dass das Kapitel Widerstand zum Beispiel da ist, dieser deswegen aber keineswegs als flächendeckendes Phänomen betrachtet werden kann, macht Verg mehrfach deutlich.

So rund die Textauswahl und Einbettung auch ist – an manchen Stellen bleibt fraglich, ob das Angebot niedrigschwellig genug ist. Zwar machen alle Abschnitte Lust auf mehr und das ein oder andere Buch ist auf meiner Leseliste gelandet, allerdings ist die Frage, ob eine kleine Einführung am Anfang jedes literarischen Auszugs, die zumindest kurz und knapp das bisher Geschehene erklärt, für einige Leser*innen nicht hilfreich gewesen wäre. – Rutschen die Kinder zum Beispiel einfach so in den Widerstand hinein in Elisabeth Zöllers „Wir tanzen nicht nach Führers Pfeife“?

Außerdem sind – um nur bei diesem Abschnitt zu bleiben – so viele Namen dabei, dass die spezifische Einführung auch hier bei der Orientierung geholfen hätte. ABER ich hoffe, dass die wirklich spannend gewählten Ausschnitte einfach dazu führen, dass der Rest der Bücher auch noch gelesen wird. Ein wenig schade finde ich außerdem, dass nicht auch auf einige Sachbücher zum Thema verwiesen wird.

Alles in allem aber ist „Gestern war noch Krieg“ eine hochwertige, eine berührende Auswahl von Texten zu 1945. Aus den verschiedensten Perspektiven können wir hier Eindrücke einer Zeit erfahren, die furchtbar weit weg erscheint. Vor allem für Lehrer*innen ist dieses Buch sicherlich eine tolle Fundgrube, um Lesematerial für den Unterricht zu finden und auszuwählen und erfüllt so ideal seinen Zweck der politischen Bildung, indem der Spagat zwischen Emotionalität und Sachlichkeit ideal geschafft wird.

Übrigens stellt die Landeszentrale für politische Bildung Hamburg auch kostenloses Lehrbegleitmaterial zum Buch zur Verfügung:

https://www.hamburg.de/politische-bildung/jugend/12704980/materialien/#anker_2

Gestaltung 5/5
Didaktik 4/5
weiterführende Tipps 3/5 (Lehrmaterialien 5/5)

Martin Verg / Dr. Jürgen Hübner (Hrsg.): Gestern war noch Krieg. Die Zeit um 1945 in Sachtexten von Gudrun Pausewang, Christine Nöstlinger u.a. In Zusammenarbeit mit der Landeszentrale für politische Bildung Hamburg. Mit Illustrationen von Irmela Schatz. Thienemann 2020. Ab 10 Jahren. ISBN 978-3-522-18552-3, €12.

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