Die Freude am Lernen für das Morgen

Yitskhok Rudashevskis „Tagebuch aus dem Ghetto von Wilna“

Cover Tagebuch aus dem Ghetto von Wilna
c metropol Verlag

Es gibt wenige Dinge, die so unmittelbar beeindrucken wie Egodokumente. Gleichzeitig sind manche Augenzeug*innenberichte natürlich mit großer Nachträglichkeit zu Papier gebracht. Yitskhok Rudashevskis “Tagebuch aus dem Ghetto von Wilna” ist eine Mischung aus beidem – erzählt er das Jahr 1941 noch rückblickend, sind die Einträge für 1942 und 1943 zeitnah aufgeschrieben und berichten vom Schicksal der Jüdinnen und Juden im nationalsozialistisch besetzten Wilna.

Die Offenheit und Schonungslosigkeit des 14-jährigen sind beeindruckend. Er erzählt, wie die Familie die Großmutter zurücklassen musste – wohl wissend, dass dies ihren Tod bedeuten würde – und hadert mit seinem Gewissen. Er berichtet von der Widersprüchlichkeit des Alltags, vom ständigen Kampf zwischen Anpassung an das verbrecherische Nazi-Regime und die Hoffnung, damit das eigene Leben zu retten, und dem Wunsch nach Widerstand. Als Schüler ist er mehrfach an Aufführungen beteiligt, die an Beispielen der jüdischen Geschichte, wie etwa Herodes, in Prozessen genau diesem Konflikt nachgehen. Immer wieder reflektiert Yitskhok seinen eigenen Lebensweg, berichtet von seinen Lernerfolgen, davon, wie Gewalt und Tod in seinen Alltag eindringen und wie er doch auch kleine Freuden des Alltags erlebt. Vor allem teilt er immer wieder seine Liebe zum Lernen, zu neuem Wissen mit und es berührt besonders, dass er sich für den weiteren Besuch der Schule entscheidet, statt in eine provisorische Ausbildung zu gehen, da er lieber für das Morgen leben will als für das Jetzt, wo die Ausbildung möglicherweise kurzfristig mehr Chancen auf das Überleben bietet. Yitskhok wird 1943 umgebracht, den Erhalt seiner Aufzeichnungen verdanken wir seiner Cousine.

Dieses Tagebuch ist nicht nur beeindruckende Lektüre, es ist zudem so geschickt editiert, dass es sicherlich auch für Jugendliche gut lesbar ist. Fußnoten ordnen Daten und Andeutungen genauso wie Namen und Protagonist*innen ein. Ein umfangreiches Vorwort und eine editorische Notiz schaffen Transparenz, wie das Tagebuch in unsere Hände gelangt ist und wie mit dem Text umgegangen wurde. Zahlreiche Fotos und Karten helfen zudem, das Gelesene tiefer zu verstehen und einzuordnen. Dieses Buch ist wichtig, gerade weil es eigentlich vermutlich nicht zur Veröffentlichung gedacht war. Es zeigt uns einen klugen jungen Mann, einen, der nach Zukunft lechzte. Und dem sie gestohlen wurde.

Sprache 5/5
weiterführende Tipps 5/5
Gestaltung 5/5

Yitskhok Rudashevski: Tagebuch aus dem Ghetto von Wilna. Juni 1941 – April 1943. Aus dem Englischen übersetzt und herausgegeben von Wolf Kaiser. Metropol 2020 (Studien und Dokumente zur Holocaust- und Lagerliteratur 9). ISBN: 978-3-86331-534-4, €16.

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