Favilli/Cavallo: Good Night Stories for Rebel Girls

Es ist ein wilder Ritt durch die Menschheitsgeschichte bis hin zur unmittelbaren Gegenwart, den Elena Favilli und Francesca Cavallo mit ihren Leser*innen in “Good Night Stories for Rebell Girls” unternehmen. Dabei stehen ihnen zahlreiche internationale Illustratorinnen zur Seite, die jedes Textportrait einer außergewöhnlichen Frau mit einem gezeichneten Portrait verbinden. Von bekannten Figuren wie Kleopatra bis zu einem jungen kanadischen Mädchen, Ann Makosinski, das eine über Körperwärme betreibbare Taschenlampe erfand, ist hier eine bunte Mischung von Kreativität, Macht, Witz und Kraft vereint, die beeindruckt und inspiriert.

Dazu tragen auch und gerade die im Stil so extrem unterschiedlichen Illustrationen bei, die zudem die kulturelle Vielfalt, die die portraitierten Frauen mitbringen, eine entsprechende Vielfalt der gestalterischen Wege und Möglichkeiten gegenüberstellt.

Heldinnenhunger sorgt für Crowdfunding-Rekorde

Good Night Stories for Rebel Girls“ ist ein Projekt, das zunächst über Crowdfunding finanziert wurde – mit dem Ziel, jungen Mädchen ein Buch an die Hand zu geben, das ihnen Vorbilder und Möglichkeiten offenbart. Mittlerweile ist das Projekt so erfolgreich, dass schon längst ein Nachfolgeband auf dem Markt ist. Der den Rekord für Corwdfunding-Erfolge hielt, bis das dritte Projekt der beiden in Kalifornien lebenden Italienerinnen an den Start ging: „I am a Rebel Girl. A Journal to Start Revolutions“. Hier soll es nun nicht mehr darum gehen, die Geschichten anderer zu erzählen, sondern vielmehr zu schauen: Was macht uns selbst zu Rebel Girls. Die Aufgaben sind dabei unheimlich vielfältig – von Aktivitäten, die klischeehaft eher Jungen zugeschrieben werden bis hin zur einfachen Idee, darüber nachzudenken, was wir an uns selbst schön finden.

Wir wollen die Welt verändern“, so zitierte die ZEIT kürzlich Favilli und Cavallo und es stimmt schon: Sicherlich schafft es „Good Night Stories for Rebel Girls“ eine erstaunliche Anzahl wunderbarer Powerfrauen vorzustellen, die ihren Weg gingen oder noch immer gehen und so ein Vorbild dafür sein können, wie in einer Welt, die nach wie vor eher männlich geprägt ist, auch Frauen ihren Platz einnehmen können. Indem sie beispielsweise einfach weiter Fahrradrennen fahren, auch wenn die Gesellschaft noch nicht so weit ist. Cavallo war in diesem Jahr auch auf der Frankfurter Buchmesse und ich hatte die Gelegenheit, bei einem Interview am Stand der Frankfurter Rundschau zuzuhören (einen allgemeineren Nachklapp zur Buchmesse findet ihr hier). Es ist schwer, sich dem Enthusiasmus dieser Macherin, die sich selbst als Feministin bezeichnet, zu entziehen. Der Stolz darüber, dass ihr Bücher weltweit verlegt werden, sie weltweite Rückmeldungen bekommen, von Leserinnen, die sich fest vornehmen, auch Rebel Girls zu werden, ist ihr anzumerken.

Auch Jungs sind willkommen – klar!

Auch wenn der Titel spezifisch auf Mädchen ausgerichtet ist, sind natürlich Jungen genauso zur Lektüre eingeladen, nur verstehen sich die Autorinnen nicht als Missionarinnen, oder um Cavallo zu zitieren: „Wir wollen sie nicht erleuchten. Wenn sie Lust haben, unser Buch zu lesen und von selbst erleuchtet werden, ist das natürlich super.“ Und dann berichtet sie von einer kleinen Szene bei einer Lesung in einem italienischen Buchladen. Bevor es überhaupt losging, schlug ein Junge in der ersten Reihe sein persönliches Exemplar des Buches auf einer ganz bestimmten Seite auf, drehte sich zu allen anderen Kindern um und erklärte voller Stolz: „Das Bild hat meine Mama gemalt!“ – Cavallo lacht. Das würde ja schon genügen: „Das ist möglich. Ein kleiner Junge, der voller Stolz auf die Arbeit seiner Mutter ist.“ Cavallo ist anzumerken, wie viel Energie sie aus Momenten wie diesen zieht und wie sehr sie davon überzeugt ist, dass es gerade diese kleinen Dinge sind, die letztlich die Welt verändern und bewegen. Bewusstseinswandel muss eben irgendwo anfangen.

Eine Seite bleibt eine Seite, oder: Was fehlt?

Schade allerdings ist, dass bei aller Euphorie für die weiblichen Errungenschaften, für die Kreativität und Durchsetzungsfähigkeit ein wenig der Sinn für Differenzierungen oder Komplexität verloren geht. Natürlich ist es schwierig, auf einer einzigen Seite ein Portrait zu zeichnen, das alle Aspekte aufgreift. Dennoch erstaunt es ein wenig, dass beispielsweise im Text über Anna Politkowskaja, die russische Journalistin, die wegen ihrer kritischen Berichterstattung unter anderem über Tschetschenien umgebracht wurde, der Eindruck entsteht, der 2006 begangene Mord sei in der noch bestehenden Sowjetunion geschehen, einfach weil die historischen Entwicklungen im Hintergrund der Biographie keinen Platz mehr hatten.

Ein ähnliches Beispiel für Komplexitätsreduktionen: Amelia Earhart wird als Flugpionierin vorgestellt, das Thema der Finanzierung ihrer Abenteuer wird jedoch komplett ausgespart. Wir wissen aber nicht erst seit Virginia Woolfs „A Room of One‘s Own“, dass zu einer solchen Eigenständigkeit eben auch die nötigen finanziellen Mittel gehören. – Umso dankbarer können wir im Kreisschluss wieder für das System Crowdfunding und die offensichtlich extrem guten Marketing-Skills von Favilli und Cavallo sein.

Für Katharina die Große werden nicht einmal die zur Verfügung stehenden Zeichenzahlen voll ausgenutzt. Immerhin wird erwähnt, dass sie „zahlreiche Aufstände“ niederschlug, warum diese stattfanden, wird jedoch genauso wenig erwähnt, wie das wichtige Stichwort des aufgeklärten Absolutismus. Stattdessen erfahren wir, mit wie vielen Diamanten ihre Krone besetzt war – ob das nun wirklich das gewünschte Abrücken von Geschlechterklischees ist? Erstaunlich auch, dass Katharinas umstrittene Rolle beim Tod ihres Gatten genauso unter den Tisch fällt wie ihre zahlreichen Liebhaber. Dabei wäre das doch auch mal eine emanzipative Geschichte, die es wert wäre, erzählt zu werden?

Rebel Girl werden, weiterlesen

Trotzdem soll diese Rezension nicht davon abhalten, „Good Night Stories for Rebel Girls“ toll zu finden. Wie wichtig das Projekt an sich ist, zeigt nämlich das anschließende Schlendern über die Buchmesse. Cavallo hatte im Gespräch am Stand der Frankfurter Rundschau noch betont, dass es eben nicht darum ginge, Heiligengeschichten zu erzählen, sondern vielmehr einfach aufzuzeigen, wie viele Frauen es gegeben, habe, die Dinge bewegt hätten. Und dass wir endlich anfangen müssen, darüber zu sprechen. Nur wer Vorbilder kennt, kann von ihnen inspiriert werden. „Wir könnten noch tausende solcher Geschichten erzählen“, meinte Cavallo scherzhaft. Viele Leserinnen und Leser senden nämlich auch Ideen für neue Geschichten. Der Erfolg jedoch zieht auch Trittbrettfahrer an. Und allen Ernstes gibt es ein Buch, das uns nun noch mehr Geschichten über tolle Männer erzählt und ähnlich gestaltet ist, um auf der Erfolgswelle mitzufahren „Stories for Boys who Dare to be Different“ – das ist so traurig, weil es so sehr am Grundgedanken des Ursprungstitels vorbei geht, dass „Good Night Stories for Rebel Girls“ gleich noch wichtiger erscheint als je zuvor.

Klar, die Kritik bleibt – aber jedes Mädchen, das hier ein Vorbild für sich entdeckt, wird weiter recherchieren wollen und in der tieferen Recherche auch die notwendigen, differenzierteren Details erfahren. Das steht zumindest zu hoffen. Cavallo und Favilli legen ihre Geschichten bewusst wie Märchenerzählungen an, damit der Spaß am Lesen bleibt. Das ist angesichts der extrem kurzen Sequenzen und der sehr großen Vielfältigkeit der Charaktere, Tätigkeiten, Kulturen sicherlich gelungen. Es dürfte wirklich für jeden und jede eine historische Figur zu finden sein, die fasziniert. – Und hoffentlich zum Weiterlesen, Weiterdenken und Weitermachen anregt.

Elena Favilli und Francesca Cavallo: Good Night Stories for Rebel Girls. 100 außergewöhnliche Frauen. Hanser 2017. ISBN 978-3-446-25690-3 . 24,00 €.

Elena Favilli und Francesca Cavallo: Good Night Stories for Rebel Girls 2. Mehr außergewöhnliche Frauen. Hanser 2018. ISBN 978-3-446-26106-8 . 24,00 €. (erscheint am 5.11.2018)

4 Gedanken zu „Favilli/Cavallo: Good Night Stories for Rebel Girls“

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