Günter Grass als Kinderbuch: Elżbieta Pałasz (Text), Joanna Czaplewska, Katja Widelska (Illustration): Bucheckern, Bernstein, Brausepulver

Buchcover "Bucheckern, Bernstein, Brausepulver" über Günter Grass

Günter Grass hat viele Elemente seiner Danziger Kindheit in seinen literarischen Werken verarbeitet. Insofern mag es nicht überraschen, dass es Reiseführer zu Gdańsk gibt, die auf den Spuren Grass‘ wandern. Aber ein Bilderbuch darüber für Kinder ab 9 Jahren? Kann die Kindheit eines Literaturnobelpreisträgers auch Jüngere interessieren? Elżbieta Pałasz, Joanna Czaplewska und Katja Widelska haben gemeinsam versucht, in “Bucheckern, Bernstein, Brausepulver” Günter Grass‘ Kindheitsjahre zu erzählen.

Eingeteilt ist das Buch in drei Geschichten aus der Kindheit des späteren Schriftstellers, die sich alle eng um kindlichen Alltag, Sorgen und Nöte drehen. So erfahren wir, wie in Danzig Menschen zusammenlebten, die Kaschubisch, Polnisch und Deutsch sprachen, welche Spiele die Kinder spielten, wie sehr sich Günter Grass einen Hund wünschte. Mit den polnischen Autorinnen wird damit umso deutlicher, wie multikulturelles Leben, gemeinsame europäische Kultur sinnvoll und angenehm vielfältig abgebildet werden kann.

Der Nationalsozialismus als Bruch des Miteinanders

Wir erleben aber auch, wie das nationalsozialistische Regime in diesen eigentlich behüteten Alltag hineinbricht. Die Stärke ist hier, dass Elżbieta Pałasz in ihrem Text weder beschönigt, noch verurteilt. Antisemitische Pogrome, das Wettern gegen die Kaschuben und die Lehre von der deutschen Rassenreinheit, alles taucht auf und es wird klar, dass Grass in einem Umfeld lebte, das sich nicht gegen die nationalsozialistische Ideologie auflehnte. Der Vater war schon 1936 NSDAP-Mitglied geworden und lediglich die Tatsache, dass seine Familie mütterlicherseits kaschubisch war, führt zu kleineren Reflexionen des jungen Günter Grass.

Wie nah und beängstigend die Kriegshandlungen teilweise waren, wird geschickt über die Sorge und Angst des Hundes Kastor repräsentiert, der eines Tages aus Angst wegläuft und erst durch einen Nachbarn Tage später wieder nachhause gebracht wird. Alltag im Krieg – hier wird er erlebbar.

Das alles unterstreichen auch die großflächigen Illustrationen von Joanna Czaplewska und Katja Widelska. Die beiden arbeiten mit einer Collagetechnik, die realistische Elemente wie etwa das Portrait Hitlers in die selbst gestaltete Umwelt einbaut und damit im Medium Bild genau die Mischform aus historischem Tatsachenbericht und gleichsamer Interpretation für Kinder trifft, die auch der Text versucht.

Hintergrundwissen nötig

Insgesamt ist das Bilderbuch wirklich gut gelungen, allerdings ist Begleitung durch Leser*innen mit mehr Hintergrundwissen ganz sicher erforderlich, da der Nationalsozialismus hier mehr als Kulisse auftaucht und es vielleicht hilfreich zu wissen wäre, dass eben das nationalsozialistische Deutschland den Zweiten Weltkrieg begann, dass die Pogrome gegen Juden systematisch waren und nicht nur ein Zufallsentdeckung kleiner Jungen beim Gang durch die Stadt. Diese historische Einbettung ist gerade bei einem Zielpublikum ab 9 Jahren bestimmt noch nötig und wünschenswert. Dafür bietet das Buch aber viele Gesprächsanreize. Ansonsten ist es ein Text, der viel über historisches Alltagsleben verrät und darüber, dass unsere Träume – zum Beispiel der, Schriftsteller*in zu werden – in Erfüllung gehen können. Ob nun die Figur des Günter Grass dabei so wichtig ist für die kindlichen Leser*innen, sei dahingestellt. Vermutlich ist sie eher der Kaufanreiz für erwachsene Fans.

Alltagsgeschichte und Prominenz

Gerade deshalb aber kann das Buch gelungene gemeinsame Lektüre sein, die anschließend das Gespräch für eine Zeit eröffnet, über die eigentlich nicht genug geredet werden kann. Dabei auch über Charaktere wie Grass in all ihrer Ambivalenz zu sprechen, erscheint da umso wünschenswerter. „Bucheckern, Bernstein, Brausepulver“ ist zudem ein Beispiel für gelungene, gemeinsame europäische Erinnerung, ist es doch ein polnisches Künstlerinnenteam, das uns die Kindheit des Literaturnobelpreisträgers näher bringt. Der Blick der drei auf Danzig als Stadt, aber auch auf ein deutsches Leben in dieser Zeit macht die Verwobenheit europäischer Geschichte sichtbar. Dem Rieder Verlag ist entsprechend zu gratulieren, dass er das Buch ins Deutsche übersetzen ließ und in sein Programm aufgenommen hat.

Bewertung

Gestaltung 5/5
Sprache 4/5
weiterführende Tipps 4/5
Handlung 4/5

Elżbieta Pałasz (Text), Joanna Czaplewska, Katja Widelska (Illustration): Bucheckern, Bernstein, Brausepulver – Die Danziger Kindheit von Günter Grass. Aus dem Polnischen von Thomas Weiler. Ab 9 Jahren. München: Rieder 2018. ISBN 978-3-946100-60-7. 18€.

Hier noch weiterführende Links zu Günter Grass:

https://grass-haus.de/
https://www.hdg.de/lemo/biografie/guenter-grass/

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.