Der Erste Weltkrieg als Ende des Bürgertums: Herbert Günthers „Zeit der großen Worte“

Cover "Zeit der großen Worte" von Herbert Günther

Ein wenig braucht es, bis „Zeit der großen Worte“ einen packt. Zu sperrig die Kriegsbegeisterung im Kopf, zu salbadernd die Worte, bis klar wird: Paul teilt die Ansichten nicht, doch so richtig weiß er noch nicht, wie damit umzugehen ist, wie er den Sprachungetümen der Propaganda eine eigene Stimme entgegensetzen soll. Wie der Kriegsbegeisterung des Bruders begegnen, wie der Heldensehnsucht des Vaters, die sich beide direkt als Freiwillige melden, um im Ersten Weltkrieg zu dienen? Herbert Günther gelingt es, Pauls Erwachsenwerden in Zeiten des Krieges, die Propaganda der (Vor-)Kriegszeit, Alltag und große Politik miteinander zu verschmelzen. Und ihm nach und nach eine eigene Stimme zu schenken. Der Erste Weltkrieg wird zum Epochenumbruch – in Pauls Leben genauso wie in der europäischen Geschichte.

Paul wohnt mit seiner Familie in der Stadt. Der Vater ist zwar eigentlich Bauer, hat jedoch den Hof nicht geerbt und so hat er mit seiner Frau den Kolonialwarenladen der Schwiegereltern übernommen. Tatsächlich ist jedoch Pauls Mutter diejenige, die alles im Griff hat. Pauls Vater fühlt sich eingeschränkt und nutzt den Krieg zum Ausbruch. Sowohl er als auch sein ältester Sohn Max glauben an die Helden- und Ehrengeschichten über Soldaten und deutsche Kultur, vor allen Dingen Max lässt sich mitreißen. Paul weiß nicht so recht, was er von alledem halten soll. Vor allen Dingen vermisst er Max und seinen Vater, unterstützt die Mutter so gut er kann und hilft Louise, der Tochter des Oberstudienrates, einen Streit mit Max wieder aus der Welt zu räumen. Über Louise erhält Paul plötzlich Zugang zu einer völlig neuen Welt: Er besucht sie im Buchladen, wo sie arbeitet und lernt dort Helene kennen. Die ältere ledige Dame nimmt Paul unter ihre Fittiche und führt ihn an das Lesen heran, ermuntert ihn, als er überlegt, eine Buchhändlerlehre zu machen.

Illustration Buch Erster Weltkrieg

Doch der Krieg durchkreuzt Pauls Pläne. Der Vater fällt, der Kolonialwarenladen geht pleite, die Familie muss zurück zu Onkel und Tante aufs Land, wird zu Bittstellern. Zu allem Überfluss ist nun auch Ida, die als Mädchen bei ihnen gearbeitet hatte, mit von der Partie. Paul und sie sind verliebt und nicht bereit, ihre Beziehung aufzugeben, auch wenn im Dorf getratscht wird und der Onkel Ida lieber vor die Tür setzen würde. In diesen Wirren kommt Max schwer verletzt aus dem Krieg und der Oberstudienrat löst hinter Louises Rücken die Verlobung. – Herbert Günther zeichnet hier ein dichtes Portrait des Kriegsalltags zwischen Hunger, Tod und Verzweiflung und den eben doch auch vorhandenen kleinen Freuden des Kinobesuchs oder der Freundschaft. Vor allen Dingen zeichnet er ein gelungenes Portrait gesellschaftlicher Stimmungen von Klassengrenzen über die Vorstellung von Geschlechterrollen. Es wird eindrücklich deutlich, dass es letztlich auch der Erste Weltkrieg ist, der Paul, Ida und die Familie gewissermaßen aus den bisher vorgegebenen Pfaden reißt, neue Wege und Möglichkeiten eröffnet. Der Erste Weltkrieg gilt als Beginn des „kurzen 20. Jahrhunderts“, vor allem aber beendete er das 19. Jahrhundert als Jahrhundert des Bürgertums. „Zeit der großen Worte“ macht verständlich, warum.

Im Anschluss an die wirklich spannend, gut und angenehm unpädagogisch geschriebene Handlung folgt ein Anhang, der aus einem schwierigen, fünfseitigen Essay besteht. Dieses springt leider chronologisch stark und ist ausgesprochen voraussetzungsreich, außerdem leicht ins Pädagogisierende abgleitend, was dem Buch eigentlich nicht gerecht wird. Gut allerdings ist die sich anschließende ausführliche Zeittafel, die schon 1848 beginnt und so große Zusammenhänge erkennbar werden lässt, aber auch „Nebensächlichkeiten“ wie einen Film von Charlie Chaplin einbindet, so dass erneut ein sehr weiter Blick auf die kulturellen Beziehungen der Zeit geworfen wird. Ergänzt wird außerdem ein ausführliches Glossar, das Verständnislücken schließen kann.

Der kulturgeschichtliche Fokus wird auch in den anschließenden Lesetipps deutlich. Zwei Sachbuchtitel werden hier genannt (diese sind nicht die allerneuesten), vor allen Dingen aber literarische Portraits der Zeit von Heinrich Mann über Bertha von Suttner.

Insgesamt ist „Zeit der großen Worte“ eine wirklich gelungene Geschichte, ein spannendes Zeitportrait, das Themen wie Erwachsenwerden, die eigene Berufung finden und erste Liebe kunstvoll mit den Verwerfungen der Epoche verknüpft und den Ersten Weltkrieg in all seinen Facetten der Zerstörung thematisiert.

Gestaltung 4/5
Sprache 5/5
Didaktik 3/5
weiterführende Tipps 4/5
Handlung 5/5

Herbert Günther: Zeit der großen Worte. München: cbt 2018. ISBN 978-3-570-31207-0. € . Ab 13 Jahren. [Originalverlag Gerstenberg]

An dieser Stelle sei für jüngere Leser*innen noch einmal auf “Mein Großvater, sein Holzbein und der große Krieg” verwiesen, Rezension hier.
Außerdem ist nach wie vor sehr das bpb-Dossier zum Thema zu empfehlen: http://www.bpb.de/geschichte/deutsche-geschichte/ersterweltkrieg/

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