Widerstand mal anders – Johannes Herwig: Bis die Sterne zittern

Cover Bis die Sterne zittern

Irgendwann dämpfen wir diese Fragen in uns, haben vielleicht Narrative gefunden, die sie möglicherweise beantworten: Wer bin ich? Wie soll mein Leben aussehen? Zu wem will ich gehören? Aber in der Jugend sind diese Fragen sehr präsent. Johannes Herwig nutzt für seinen Debütroman einen historischen Stoff, um sich ihnen zu nähern: In „Bis die Sterne zittern“ portraitiert er die Leipziger Meuten, Jugendgruppen, die sich in den 1930er Jahren dem Beitritt in die Hitlerjugend erwehrten. Das Jugendbuch, das vom Verlag ab 14 Jahren empfohlen wird, war 2018 für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert.

Mittelpunkt der Geschichte ist Harro. Seine Eltern unterrichten an der Schule und sind so im besonderen Fokus der nationalsozialistischen Gesellschaft. Der Vater steht als alter Sozialdemokrat besonders unter Druck. Seit Hitler an der Macht ist, haben sie sich ins innere Exil zurückgezogen, zuhause wird kaum noch gesprochen. Harro ist auf der Suche – nach Sinn, nach Beschäftigung. Und läuft mehr zufällig in seinen Nachbarn Heinrich und ein paar seiner Freunde hinein. Mit ihnen findet er etwas, das ihm lange gefehlt hat: Ein wenig Freiheit, ein wenig Rebellion.

Widerstand als Subkultur

Herwig gelingt es, mit Harro als Hauptfigur, das Milieu der Jugendgruppen in Leipzig, die gemeinhin als „Meuten“ bezeichnet werden, nachzuzeichnen. Harro kauft sich die passende Kluft aus karierten Hemden und kurzer Lederhose, hängt mit seinen neuen Freund*innen auf öffentlichen Plätzen herum und gerät nach und nach immer tiefer in eine Subkultur, die ihm bisher fremd war. Einige der Jugendlichen waren vor 1933 in linken Jugendverbänden organisiert und versuchen, Strukturen zu erhalten, andere – so wie Harro selbst – geraten eher aus Zufall zu den Jugendlichen. Das ist sicherlich die größte Stärke von Herwigs Roman: Natürlich erzählt er eine Held*innengeschichte, aber er zeigt auch sehr deutlich, dass keineswegs alle politisch bewegt waren, dass für Harro nicht gerade der Sturz des Hitlerregimes oder aktiver Widerstand ganz oben auf der Agenda steht.

Überhaupt ist Harro ein Erzähler, der uns tiefe Einblicke gibt in die Angst, die entsteht, wenn wir uns außerhalb der geregelten Grenzen bewegen. Wir erleben seine Furcht vor den ersten Schlägereien mit überzeugten Hitleranhänger*innen. Seine Furcht, als er inhaftiert wird. Seine Feigheit, mit den Eltern zu sprechen. Aber auch seinen Trotz gegenüber dem Regelkonformen. Seinen Stolz auf das Rebellentum. Gelegentlich reflektiert Harro fast schon zu pädagogisch wertvoll darüber, was gewesen wäre, hätte er Heinrich und die anderen nicht getroffen. Ob er dann einfacher Mitläufer wäre wie alle anderen. Oder darüber, ob nicht einige der Hitlerjungen genauso gut bei ihnen dabei sein könnten, wären nur ein paar Stellschrauben anders gestellt. Aber diese sehr plakativen Stellen sind zum Glück spärlich gesät, stattdessen bleibt zwischen erster Liebe und erster offener Protestaktion viel Raum zu merken, dass wir es hier mit ganz normalen Jugendlichen zu tun haben, die versuchen, in einem Unrechtsregime ihren Platz zu finden.

Das Buch endet offen. Es wird deutlich, dass die Härte der Nationalsozialisten gegen die Jugendlichen zunimmt, doch wie sich Harro und seine Freunde dazu verhalten werden, hat Herwig ausgespart. Gerade diese Offenheit, auch die Ehrlichkeit nicht jedes Anders-Sein als Widerstand zu überhöhen, sind die Stärken dieses Textes.

Historische Einbettung: Persönliches Interesse

Herwig ordnet den historischen Zusammenhang in einem Nachwort kurz ein. Hier erklärt er, dass die Leipziger Meuten tatsächlich zahlreich waren (ca. 1500 Jungen und Mädchen sind aktenkundig) und durchaus politisch agierten, auf der anderen Seite aber eben auch einfach gegen die Eltern und Lehrer*innen rebellieren wollten. Konkrete Lektürehinweise werden nicht gegeben. Dafür erklärt Herwig genau, warum er sich für dieses historische Thema interessierte, nämlich durchaus aus der Fragestellung heraus, wie er selbst mit der Situation im nationalsozialistischen Deutschland umgegangen wäre und warum sich Jugendliche den Leipziger Meuten anschlossen. Herwig macht außerdem deutlich, dass er sich maßgeblich auf die Studien von Sascha Lange gestützt hat, der zu diesem Thema promovierte. Jugendlichen ab 14 Jahren kann wohl durchaus realistisch zugetraut werden, dass sie die weitere Recherche alleine schaffen. Ein Interview mit Lange sei hier dennoch verlinkt: https://blog.zeit.de/stoerungsmelder/2012/03/15/der-vergessene-widerstand-leipzigs-jugend-gegen-hitler_8255

Insgesamt ist „Bis die Sterne zittern“ ein rundum gelungenes Jugendbuch, das gerade deshalb überzeugt, weil es keine fertigen Antworten und moralischen Keulen liefert, sondern die Unsicherheiten eigenen Entscheidens, die Zufälligkeit von Lebenswegen herausarbeitet und gerade aus diesen Reflexionen heraus auch das Denken über den eigenen Lebensweg und die historische Situation des Romans anfacht.

Johannes Herwig: Bis die Sterne Zittern. Ab 14 Jahren. Gerstenberg 2017. ISBN 978-3-8369-5955-1. €14,95.

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