Nachkriegstaumel

“Heul doch nicht, du lebst ja noch” von Kirsten Boie

Cover Heul doch nicht, du lebst ja noch
c Oetinger Verlag

Mit “Heul doch nicht, du lebst ja noch” beschäftigt sich Kirsten Boie erneut mit der Geschichte des Nationalsozialismus und seinen unmittelbaren Folgen. Für Menschen ab 14 Jahren beschreibt sie schonungslos den Sommer 1945 in Hamburg und zeigt damit, dass ein Waffenstillstand noch lange nicht das Ende des Krieges bedeutet.

Dass Kirsten Boie eine absolut verlässliche Bank in der deutschen Kinder- und Jugendliteratur ist, zeigt auch dieses Buch mal wieder. “Heul doch nicht, du lebst ja noch” ist ein ziemlich verstörender Text, der wenig schönt. Tod und Verkrüppelung werden hier genauso gezeigt wie die seelischen Schäden, die die Menschen durch den Krieg erlitten haben. Die hässliche Fratze des Mitläufer*innentums blickt uns entgegen, der Eigennutz des Helfens, aber auch die Besinnung auf das Miteinander – die vielen Facetten des Menschlichen eben.

Drei Kindern folgen wir ganz besonders: Da ist Hermann, dessen Vater beide Beine verloren hat. Jeden Tag muss Hermann seinen Vater auf die Toilette im Treppenhaus tragen, leidet unter dessen Wut und Scham und hat zugleich noch die nationalsozialistische Ideologie im Kopf – die Tommys sind für ihn die Feinde, die Besatzung eine Schmach. Dann ist da Traute, die Glück hatte – ihre Familie lebt, sogar die eigene Bäckerei wurde nicht von Bomben getroffen. Doch eine Familie aus Schlesien ist einquartiert worden, stört den Familienalltag. Hunger und der Verlust von Freund*innen prägen ihren Alltag so sehr wie den der anderen im Buch. Sogar die Schule wird vermisst! Und dann ist da noch Jakob. Jakob, der in seinem Versteck vor den Nazis sogar das Kriegsende verpasst hat. Der erst viel zu spät erfährt, dass er endlich frei ist, keine Angst mehr haben muss, auch noch abgeholt zu werden ins Konzentrationslager. Und dessen Freude am Ende doch nur getrübt sein kann, denn sein Vater wird davon auch nicht mehr lebendig.

Die einzelnen Geschichten sind geschickt verwoben, so dass ich komplexes Gewebe entsteht, trotzdem verzichtet Boie auf belehrende Passagen. Wie reich recherchiert der Hintergrund der Geschichten ist, ist in jeder Zeile spürbar, ohne zu stören. Die ausführliche Danksagung verdeutlicht das noch einmal, macht Recherchewege und eigene weitere Lesemöglichkeiten sichtbar. Rundum empfehlenswerte, alles andere als leichte Kost.

Handlung 5/5
Sprache 5/5
Didaktik 5/5
weiterführende Tipps 5/5

Kirsten Boie: Heul doch nicht, du lebst ja noch. Ab 14 Jahren. Oetinger 2022. ISBN: 978-3-7512-0163-6, €14.

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