Aus Tschechien in die BRD

Martin Dolejš erinnert sich in „Im Land der weißen Schokolade“

Cover "Im Land der weißen Schokolade"
c Magellan

Martin ist hin- und hergerissen. Zwischen seinen Kumpels und seinem Schwarm. Zwischen Cool-Sein-Wollen, aber irgendwie nicht-Mutig-Genug-Sein – so weit, so normal jugendlich. Aber in Martins Fall liegt die Sache noch ein bisschen komplizierter. Denn Martin lebt in der Tschechoslowakei im Jahr 1980 und seine Eltern haben ihm soeben verkündet, dass sie fliehen möchten. Martin Dolejš berichtet in „Im Land der weißen Schokolade“ für Menschen ab 11 Jahren autobiografisch über die Flucht in „den Westen“. Der Spannungsbogen dabei ist gigantisch, denn gleich im ersten Kapitel erfahren wir, dass der ursprüngliche Plan an der Grenze komplett schief geht – um dann in eine Rückblende zu geraten, die uns zurück in die Tschechoslowakei bringt.

Das Stärkste an diesem Buch ist ganz sicher, wie tief uns Martin in seine Zerrissenheit mitnimmt. Da ist zum Beispiel die wunderschöne Ivanka, in die er verknallt ist. Leider ist Ivanka stramme Kommunistin. Martin lässt sich also auf allerlei Propagandaquatsch ein, obwohl er diesen durchaus als ebensolchen empfindet. Andererseits: Stimmt das vielleicht doch mit der dauerhaften nuklearen Bedrohung? Und ist es wirklich schlau von seinen Eltern, dass sie ausgerechnet in die BRD fliehen wollen, wo doch dort ausschließlich Nazis leben? So zeigt das Buch, wie tief die Indoktrination saß, wie absurd dieses System allerdings auch war, schließlich ist der Sohn des Parteibonzens, den die Familie besucht, um ihn zu schmieren und eine Ausreiseerlaubnis nach Jugoslawien zu bekommen, bestens mit Westprodukten ausgestattet. Hier lernt Martin auch den Geschmack von etwas kennen, das er bisher für eine Werbelüge gehalten hatte: Weiße Schokolade!

Tschechoslowakische Alltagskultur der 1980er

Dennoch macht Martin Dolejš es uns Leser*innen nicht zu einfach. Es gibt kein schwarz und weiß, sondern zahlreiche Grauzonen, denn natürlich erlebt Martin auch zahlreiche Glücksmomente in der Tschechoslowakei. Und doch bleibt da ein Schatten des Eingeschränkt-Seins, der sich auf den ersten Blick in einem Mangel an Produkten und Waren, auf dem zweiten aber in einem Gefühl des Beobachtet-Seins zeigt. Eindrucksvoll erzählt Martin von diesem Klima der Angst, die ihn begleitet. Und nicht nur ihn, sondern sein gesamtes Umfeld. Nach der Ausreise Richtung Westen wird dies noch deutlicher: Plötzlich sprechen alle laut, statt aus Sorge vor der Staatssicherheit zu flüstern. Und in Martin taucht die ängstliche Frage auf, ob er mit dieser Freiheit, die hier alle so selbstbewusst vor sich hertragen, überhaupt wird umgehen können.

„Im Land der weißen Schokolade“ ist ein extrem geschickt erzähltes Buch, das das Leben in der Tschechoslowakei in zahlreichen Facetten aufzeichnet. Vom spielerischen Spaß bis zur existenziellen Angst. Am Ende des Buches hilft ein Glossar bei der Einordnung vielleicht unbekannter Wörter, leider fehlen aber Verweise auf weitere Lektüre. Trotzdem: „Im Land der weißen Schokolade“ sollte auch deshalb zur Standardlektüre gehören, weil es eben viel zu wenig Kinderliteratur mit Inhalt aus dem mittel/osteuropäischen Raum auf dem deutschen Markt gibt.

Sprache 5/5
weiterführende Tipps 1/5
Handlung 5/5

Martin Dolejš: Im Land der weißen Schokolade. Magellan 2021. Ab 11 Jahren. ISBN: 978-3-7348-5054-7, €15.

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