Litwina/Desnitskaya: In einem alten Haus in Moskau. Ein Streifzug durch 100 Jahre russische Geschichte

Angesichts des 100-jährigen Jubiläums der Februar- und Oktoberrevolution hatten 2017 Betrachtungen der sowjetischen und russischen Geschichte vor allem aber der aktuellen russischen Erinnerungskultur auch in Deutschland Hochkonjunktur (einen guten Überblick bietet Osteuropa 6-8/2017). Während dabei oftmals auf aktuelle Ausstellungen und Gedenkstätten, politische Äußerungen und gelegentlich auch Schulbücher im Fokus standen, blieb der Bereich Kinderbuch traurigerweise unterbelichtet. Dabei war in russischen Buchläden in diesem Jahr ein Kinderbuch sehr präsent, stand sogar im Museumsladen des Museums für Zeitgenössische Geschichte in Moskau, das wegen seiner Ausstellung zur Oktoberrevolution in den Fokus zahlreicher erinnerungskultureller Betrachtungen geriet. Dem Gerstenberg-Verlag sei Dank ist dieses Buch 2017 auch auf Deutsch veröffentlicht worden. Konkret geht es um den Titel „In einem alten Haus in Moskau“, geschrieben von Alexandra Litwina, illustriert von Anna Desnitskaya und übersetzt von Thomas Weiler und Lorenz Hoffmann.

Wie kann so ein Streifzug durch 100 Jahre russischer Geschichte gelingen? Und das auch noch kindgerecht? Litwina und Desnitskaya reduzieren zunächst einmal den Ort, indem sie immer in der gleichen Moskauer Wohnung bleiben. Hier geht es zu wie in einem Taubenschlag. Immer wieder begegnen uns neue Personen und wir erhalten einen kurzen Einblick in ihr Leben. Dazu finden zahlreiche größere zeitliche Sprünge statt, von 1902 geht es zu 1914, 1919 und anschließend 1927 etc. Dabei versucht Litwina, große historische Umbrüche erkennbar zu machen.

Das Bilderbuch als Medium für historisches Erzählen

Das Buch ist so strukturiert, dass zunächst auf einer Doppelseite ein gerade in der Wohnung lebendes Kind von seinem aktuellen Alltag und den Lebensumständen erzählt. Auf der folgenden Doppelseite wird dann historischer Kontext geboten. Während Litwina uns historische Details über etwa die Neue Ökonomische Politik erzählt, lässt Desnitskaya uns in die Welt der Alltagsgegenstände eintauchen. Wie sah so ein Spirituskocher aus? Wie die Spielzeuge der Kinder? Was für Unterwäsche trugen sie? Auch die Alltagskultur wird einbezogen, wenn etwa das frisch gekaufte Radio in einer Sprechblase Auszüge des aktuellen Propagandaprogramms abspielt.

Erinnerungskultur in Russland

Natürlich ist angesichts der knappen Seitenzahl eines Bilderbuches und der raumgreifenden, wirklich schönen Illustrationen, nicht jede historische Begebenheit in aller Tiefe ausgeführt. Der Bürgerkrieg nach der Oktoberrevolution bleibt ein Kampf zwischen Roten und Weißen, zum Ersten Weltkrieg muss man selbst das Hintergrundwissen mitbringen, wer nun auf welcher Seite stand, und die Entwicklungen nach 1991 sind sehr vorsichtig dargestellt. – Gleichwohl brechen Litwina und Desnitskaya eine Lanze für eine offene Erinnerungskultur. In ihrem Nachwort erklären sie, dass es wichtig ist, über traurige Ereignisse in der Familie zu sprechen, die schon viel zu lange nicht besprochen wurden. Anregungen dazu liefern sie selbst in ihrem Buch. Die stalinistischen Säuberungen finden auch hier statt, nächtliche Festnahmen werden so für Jüngere greifbar, genauso wie die Gräuel des Krieges. Auch die Zerrissenheit der sowjetischen Gesellschaft zwischen Ideologie und Privatheit wird an mehreren Stellen deutlich. Gerade in diesem Zusammenhang ist aber entweder hohe Lesekompetenz wünschenswert, denn Propagandatexte müssen eigenständig als solche erkennt werden.

Vernetztes Denken durch Querverweise

In einem Bereich bleiben Litwina und Desnitskaya übrigens genauso vorsichtig wie bezüglich der Entwicklung nach 1990. Wenn es um die Erzählungen zum Zweiten Weltkrieg beziehungsweise zum Großen Vaterländischen Krieg geht, dann wird hier zwar nicht durchweg glorifiziert und die vielen Verluste der sowjetischen Bevölkerung werden eindrücklich deutlich gemacht, etwa indem zahlreiche Soldaten in kurzen Sätzen ihr tödliches Schicksal auf dem Schlachtfeld schildern. Gleichwohl wird auf die aus dem Weltkrieg resultierenden Gebietserweiterungen und die Entstehung der Satellitenstaaten überhaupt nicht eingegangen.

Durch die vielen Zeitsprünge innerhalb des Buches bleibt es natürlich nicht einfach, der Geschichte zu folgen. Auch ist lineares Lesen nicht möglich, da manche Begriffe, die in den Erzählungen der Kinder auftauchen, erst auf der nächsten Seite oder aber im Dossier zum Schluss erklärt werden. Doch mit diesem Element wird bewusst gespielt. So werden auf den Hintergrundseiten bestimmte Gegenstände markiert, die dann auf der Szenerie in der Wohnung, aus der das Kind berichtet, gesucht werden müssen. Auch können die Erzählenden auf Stammbäumen zu Beginn und Schluss des Buches gesucht und so in den Familienkontext eingeordnet werden. So wird zum immer-wieder-Umblättern, neu stöbern, Gedanken vernetzen bewusst angeregt und aufgefordert.

Ein mutiges, toll übersetztes Buch zur russischen Geschichte

Ein besonderes Lob ist zudem an die Übersetzer zu richten, denn auf den Hintergrundseiten sind immer wieder auch alte Zeitungsausschnitte zu sehen, die angenehmerweise russisch geblieben sind. Die Übersetzung dieser Texte wird auf den letzten Seiten des Buches in den Anmerkungen angeboten. Dass sie nicht direkt auf den Textseiten selbst übersetzt wurden, macht das Buch gleich noch ein bisschen wertvoller, da es Fremdheitserfahrungen und Neugier zulässt.
Insofern ist festzustellen, dass Litwina und Desnitskaya hier in Zeiten, in denen es Organisationen wie Memorial zunehmend schwerer haben, ein kleines Meisterwerk gelungen ist, das eingehend und beeindruckend die alltäglichen Schwierigkeiten des Überlebens in einer alten Wohnung in Moskau aufzeigt, aber auch die vielen Glücksmomente, das Miteinander, die Überlebenslust.

Insgesamt ist also einerseits dem Gerstenberg-Verlag zu gratulieren für den Mut, ein solches für den deutschen Kinderbuchmarkt sicherlich eher sperriges Buch in sein Programm aufzunehmen. Die Einordnung, das Buch erst ab 12 Jahren zu empfehlen, hängt allerdings von der Lesesituation ab – mit Erwachsenen, die beim Einordnen der zahlreichen Fakten helfen, ist dieses Buch sicherlich auch schon früher spannend und eine gute Übung zur Verarbeitung historischer Stoffe, auch wenn es anspruchsvoll bleibt.

Alexandra Litwina / Anna Desnitskaya: In einem alten Haus in Moskau. Ein Streifzug durch 100 Jahre russische Geschichte. Aus dem Russischen von Lorenz Hoffmann und Thomas Weiler. Hildesheim: Gerstenberg 2017. ISBN 978-3-8369-5993-3 , € 24,95.

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