“Ein wissenschaftlicher Text ist viel einfacher zu schreiben.”

Aline Sax über die Unterschiede ihrer Arbeit als Historikerin und als Autorin.

Portrait Aline Sax (c Koen Broos)
Aline Sax © Koen Broos

Die belgische Autorin Aline Sax ist Historikerin und schreibt in ihren Kinder- und Jugendbüchern über historische Themen. Zwei ihrer Texte habe ich hier schon besprochen: Das Mädchen und der Soldat und ihr neuestes Buch auf deutsch, Grenzgänger. Beide Texte haben mich sehr berührt. Umso mehr habe ich mich gefreut, dass Aline bereit war, mir ein Interview zu geben, in dem es viel darum geht, wie sich wissenschaftliches und fiktionales Schreiben unterscheiden und warum wir so von Geschichte und Geschichten fasziniert sind.

Du hast ja sehr früh angefangen mit dem Schreiben. Gleichzeitig hast du Geschichte studiert. Wie unterscheidet sich für dich der Rechercheprozess bei wissenschaftlichen Texten und bei deinen Romanen?

Bei wissenschaftlichen Texten handelt es sich vor allem um größere Prozesse, Analysen, Tendenzen… Man will den Kontext verstehen, in dem bestimmte Ereignisse passierten und die Leute handelten. Für Romane ist der Kontext ja auch wichtig, die Einzelheiten sind aber noch wichtiger; die Gefühle, die Mentalität, der Alltag. Wie kleidete man sich? Was aß man morgens zum Frühstück? Wie sprach man miteinander? Wie erlebte man so etwas? Die Recherchen fokussieren deshalb auf andere Sachen. Als Historikerin frage ich ‚Wieso?‘ Und als Autorin frage ich ‚Wie?‘ Wie war das, wie fühlte sich das an, wie roch das, wie sah das aus? Als Historikerin ist es meine Aufgabe, die Leser die Geschichte rational verstehen zu lassen. Als Autorin ist es meine Aufgabe die Leser in der historischen Welt hinein zu ziehen, sie den historischen Alltag spüren zu lassen und die Geschichte emotional verstehen zu lassen.

Wie sieht es mit dem Schreibprozess aus? Wie gehst du an einen fiktiven Text im Vergleich zu einem wissenschaftlichen?

Ein wissenschaftlicher Text ist viel einfacher zu schreiben. Man sucht sich seine Quellen, analysiert sie, setzt sich hin und schreibt. Fertig. Es ist nur Analyse und Sprache. Ein Roman ist viel komplizierter. Es gibt die historische Realität, auch aber die fiktive Realität, es gibt einen Plot, einen Konflikt, Figuren und ihre Entwicklung, Beschreibungen, Atmosphäre, Dialoge… Das kommt nicht alles aus dem Quellen. Das muss aus dir selbst kommen. Das Schreiben (ich sitze am Laptop und schreibe meinen Text) ist nur ein ganz kleines Teilchen der Arbeit.

Wo verläuft die Grenze zwischen Fiktion und „Wirklichkeit“? Erlaubst du dir, Veränderungen im historischen Geschehen vorzunehmen, wenn das der Geschichte hilft?

Jetzt schon. Das war aber ein Lernprozess. Als ich noch studierte, wollte ich alles unbedingt 100% korrekt haben. Das will ich jetzt noch – die Grenze der Glaubwürdigkeit ist jedoch verschwommener geworden. Auch wenn etwas nicht genau so passiert ist, wenn es aber in die Geschichte passt, schreibe ich es so, wie es am besten passt. Meine Geschichten müssen nicht unbedingt wahr sein, sie müssen unbedingt wahr sein können. Ein wichtiger Unterschied.
Wenn ich einen Roman schreibe, ist es vor allem Wichtig, dass es literarisch eine gute Geschichte ist. Auch wenn die historische Realität ein bisschen gebeugt werden muss. Gebeugt, aber nicht gebrochen.
Zum Beispiel: In meinem Roman „Eine Welt dazwischen“ emigriert Adrian mit seiner Familie 1910 nach Amerika. Nur er darf in New York einreisen. Sein Vater und Bruder werden zurückgeschickt. In der Realität wurden nicht zwei Drittel der Leute zurückgeschickt. Ich wollte aber, dass Adrian in New York ganz alleine war. In meiner graphic novel „Die Farben des Ghettos“ (nicht auf Deutsch übersetzt) sind die Kanalgitter in Warschau rund. In der Realität waren sie jedoch viereckig. Das erkennt man in einer Illustration jedoch nicht gleich als Kanalgitter, deshalb haben wir uns für runde Kanalgitter entschieden. 🙂

Cover Das Mädchen und der Soldat

Bei den Texten, die ich bisher von dir gelesen habe, habe ich immer das Gefühl, dass du bestimmte Aspekte von Geschichte einem breiteren Publikum bekannter machen willst. – Vor allem bei „Das Mädchen und der Soldat“ geht es ja auch darum, von den Soldaten aus den Kolonien zu erzählen. Wie wichtig ist dir eine solche Botschaft im Hintergrund?

Eine Botschaft würde ich es nicht nennen. Ich schreibe über die Themen, die mich interessieren. Jeder Roman fängt an mit einer Frage: Wie muss es gewesen sein, das zu erleben? Bei „Das Mädchen und der Soldat“ war das genau so. Ich kannte die Geschichte des Ersten Weltkriegs. Aber nicht die Geschichte der Afrikanischen Soldaten. Wie muss es gewesen sein, so weit weg, in einer total fremden Welt zu kämpfen in einem Krieg, mit dem du nichts zu tun hast? Auch bei dem [blinden, Anm. SG] Mädchen stellte ich mir dieselbe Frage. Wir wissen, wie der Krieg aussah. Wie hat der Krieg aber gerochen, sich angehört, geschmeckt, sich angefühlt?
Ebenso mit „Grenzgänger“. Als ich in Berlin lebte, bemerkte ich überall die Spuren der DDR; im Gelände, aber auch in den Köpfen der Menschen. Und ich fragte mich: Wie muss es gewesen sein? Themen wie Freiheit, Demokratie, Privatsphäre, etc. sind auch heute sehr aktuell. Das fesselte mich. In Belgien und den Niederlanden ist die DDR und die deutsch-deutsche Geschichte total unbekannt bei den Jugendlichen. Was in Deutschland also Klischee oder nichts Neues wäre, ist für flämische und niederländische Jugendlichen ganz spannend.

Was glaubst du: Sind historische Romane ein guter Weg, Wissen über die Vergangenheit zu vermitteln? Was sind Vor- oder Nachteile gegenüber Sachbüchern und wie würdest du sie im Unterricht einsetzen?

Der beste Weg! Um die Geschichte wirklich zu verstehen, reicht es nicht, die Sache nur rational anzugehen, man muss die Ereignisse, wie die Leute sich verhielten, … auch auf einer emotionalen Ebene verstehen. Andererseits stellen Romane weniger Kontext und oft auch weniger Perspektiven da. Für einen erschöpfenden Blick sind Sachbücher also auch notwendig.
Im Unterricht plädiere ich also für beide.

Du hast ja zahlreiche Erfahrungen mit Lesungen in Schulen und der Arbeit mit Schüler*innen. Was ist dein Eindruck: Was interessiert sie bei der Auseinandersetzung mit Geschichte besonders?

Die Geschichten – also die Erzählung. Die zweifache Bedeutung des Worts „Geschichte“ auf Deutsch finde ich großartig! Es benennt genau, was Geschichte so interessant macht: Es sind Geschichten. Und wer liebt keine Geschichten? Schon immer und überall in der Welt erzählen die Menschen einander Geschichten. Auch Kinder und Jugendlichen lieben Geschichten. Auch historische Geschichten. Sie müssen nur fesselnd erzählt oder geschrieben werden.

Cover Grenzgänger

In deinem neuesten Roman auf deutsch, „Grenzgänger“, erzählst du am Ende auch über die Entstehung des Buches. Wie wichtig ist es dir, dass deine Leser*innen nachvollziehen können, wie deine Geschichten entstehen?

Gar nicht wichtig. Der Verlag hat mich gefragt, noch was dazu zu schreiben. 🙂 Ich finde man müsste das Buch lesen, ohne den Autor zu kennen. Manche Leute finden es eben interessant etwas mehr darüber zu erfahren, wie die Geschichte entstanden ist.

„Grenzgänger“ ist ja eine sehr verflochtene Familiengeschichte, die über mehrere Generationen unterschiedliche Kapitel der deutsch-deutschen Geschichte aufgreift. In dem Nachwort wird deutlich, dass du die Idee, ein Buch über die Mauer zu schreiben, eigentlich schon vor Jahren hattest, als du selbst in Berlin studiert hast. Wie kommt es, dass sie nun sozusagen wieder hochkam und du das Buch geschrieben hast?

Die Idee ist nicht wieder hochgekommen – die war nach meiner Zeit in Berlin immer da. Als ich in Berlin studierte, hatte ich gerade angefangen mit einem anderen Roman. Den habe ich erst fertiggeschrieben, aber die Idee ist mir im Kopf geblieben. Das Buch ist in Belgien und der Niederlanden 2015 erschienen, ich habe aber sieben Jahre gebraucht, es zu schreiben. Einerseits sind es eigentlich drei Geschichten (also drei Mal die Arbeit: drei Mal Plot, drei Mal Figuren, drei Mal historische Recherche…), andererseits hat die Recherche auch sehr lange gedauert. Das Geschehen ist noch nicht lange her. Es ist noch nicht richtig Geschichte für viele Leute. Deshalb war es war viel schwieriger alles über den Alltag zu erfahren. Die meisten Sachbücher fokussieren auf die großen Themen (Ökonomie, Widerstand, Kultur, …) nicht auf die ganz einfachen Einzelheiten des Alltags (gab es 1977 schon Laminat? Ab wann hatten die alten Häuser eine Fernsprechanlage? Wie war das Urlaubssystem genau organisiert 1989?). Das heißt, dass ich die Leute, die es miterlebt haben, selber fragen musste. Für drei verschiedene Epochen! Ich habe viele Interviews gemacht. Das ist ja superinteressant, aber nicht einfach, wenn man in Belgien lebt.

Arbeitest du aktuell schon an deinem nächsten Buch? Magst du uns das Thema verraten?

Das nächste Buch erscheint im Januar. Die Geschichte ist schon eine Weile fertig. Die Illustratorin ist jetzt daran, die Illustrationen zu machen. Ich habe schon einige gesehen und es sieht wirklich super aus. Ich bin echt total gespannt auf das Ergebnis. Abwarten bis Januar also.

Vielen Dank für das Gespräch!

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