„Ich denke mir ja nicht ein Raumschiff aus, das irgendwo landet.“

Autorin Dorit Linke im Interview

Gedenktafel Grenzübergang Berlin "Hier waren Deutschland und Europa bis zum 10. November 1989 um 0:32 Uhr geteilt."
c Dorit Linke

Zum Jubiläumsjahr der friedlichen Revolution darf das Thema auch in der Kinder- und Jugendliteratur natürlich nicht fehlen. Zwei Romane zum Thema habe ich hier schon mit besonderer Begeisterung besprochen – „Jenseits der blauen Grenze“ und „Wir sehen uns im Westen“ von Dorit Linke. Umso mehr habe ich mich gefreut, dass sie Zeit und Lust hatte, mir ein Interview zu geben. In dem Gespräch geht es wie so oft hier im Blog um die Grenzen von Fiktion und „Realität“, aber auch um das Verhältnis von Jugendlichen heute zur DDR.

Erst einmal vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für ein Interview genommen haben! Vielleicht steigen wir ganz von vorne ein: Wie sieht denn Ihr Schreibprozess eigentlich aus?

Portrait Dorit Linke
c Dorit Linke

Das ist unterschiedlich. Am Anfang steht die Idee, die Geschichte. An „Jenseits der blauen Grenze“ beispielsweise habe ich lange gearbeitet und recherchiert, das Konzept war irgendwann im Kopf. Zum Schreiben verwende ich das technisch sehr hilfreiche Schreibprogramm „Scrivener“, welches Recherche, Plot und Text bündelt. Ich habe damit alles im Blick, kann inhaltlich springen und an den Texten arbeiten, die mir gerade wichtig oder nah sind. Festgelegte Zeiten zum Schreiben habe ich nicht. Frühmorgens ist es meistens gut, da stört keiner.

Bei „Wir sehen uns im Westen“ wusste ich sofort, wie die Handlung aussehen soll und habe die Geschichte recht zügig schreiben können, musste natürlich nochmals recherchieren, wie die Nacht vom 9. November 1989 in Berlin abgelaufen und was an den einzelnen Grenzübergängen geschehen ist. Auch die Chronologie spielte dabei eine Rolle, schließlich wollte ich alles so realistisch wie möglich abbilden. Recherche und Schreiben wechseln sich ab, ich entwickle in der Regel erst ein Gerüst, und wenn dieses sicher steht, verfeinere ich den Text. Sprache und passende Bilder sind für mich sehr wichtig, doch die Geschichte steht erst einmal im Vordergrund.

In meiner subjektiven Leseerfahrung spielt sowohl bei „Jenseits der blauen Grenze“ als auch bei „Wir sehen uns im Westen“ eine ganz große Rolle, dass Sie selbst die DDR und den Alltag dort erlebt haben. Das ermöglicht Ihnen ein Erzählen jenseits des Schwarz-Weiß-Malens. Wie nehmen Sie selbst das wahr, wie wichtig ist diese eigene Erfahrung für Ihr Schreiben?

Berlin Panorama mit Fernsehturm
c Dorit Linke

Das eigene Erleben spielt insofern eine Rolle, weil ich dadurch besser einordnen kann, was Zeitzeugen erzählen und wie zuverlässig eine Quelle erscheint. Ich finde es enorm wichtig, dass Menschen, die die DDR erlebt haben, eine Stimme bekommen, dadurch bleibt das differenzierende Erzählen lebendig. In der medialen Bearbeitung der DDR werden häufig die immer gleichen Dinge wiederholt, sicherlich, weil sie stimmen, aber auch, weil man sie kennt und darüber nichts Anderes mehr einfällt. Ich versuche mit meiner Arbeit, nah an der Wirklichkeit zu bleiben und dennoch einprägsame Varianten abzubilden, eine gute Recherche zu betreiben, Dokumente von damals zu lesen etc. Natürlich bleibt auch dieser Fokus immer etwas subjektiv, doch das macht einen Roman ja auch aus – die eigene Haltung zu den Themen, die besprochen werden.

Jetzt kam ja schon die „Wirklichkeit“ auf. – Wie gehen Sie mit der Grenze zwischen Fiktion und Realität um, was erlauben Sie sich, umzuformen?

Da ich weder über die Ostsee in den Westen geflohen (Jenseits der blauen Grenze) oder am 9. November 1989 von Ost- nach West-Berlin gelaufen bin (Wir sehen uns im Westen), habe ich mich über Bücher, Dokumente, Akten etc. an die Themen herangearbeitet. Wenn Zeitzeugen später sagen, dass meine Texte nah an dem sind, was sie selbst erlebt haben, freue ich mich natürlich über diese Bestätigung. Ich denke mir ja nicht ein Raumschiff aus, das irgendwo landet, sondern möchte Romane mit gesellschaftlich-historischem Bezug schreiben und demzufolge passende Bilder und Daten verwenden.

Neben dem reinen Schreiben bieten Sie ja auch selbst Schreibworkshops zum Beispiel in Schulen an. Wie ist da Ihre Wahrnehmung: Wie ist das Verhältnis von Jugendlichen zur DDR und was erreichen Ihre Texte da?

Portrait Dorit Linke
c Dorit Linke

Das ist sehr unterschiedlich und hängt auch vom Elternhaus ab. Wenn die Eltern bzw. Großeltern in der DDR gelebt haben, sind bereits Bezüge oder eine Vorstellung von der Zeit da. Logischerweise ist für die Jugendlichen die DDR weit weg, ähnlich weit weg wie für mich in den frühen 80er Jahren der Zweite Weltkrieg gewesen ist. Natürlich habe ich mich damals dafür interessiert, aber erst viel später ist mir klargeworden, wie viel von dieser Zeit mit meinem eigenen Aufwachsen und Leben zu tun hatte. Das ist für junge Menschen, deren Eltern die DDR erlebt haben, jetzt nicht anders.

Bei jungen Menschen beobachte ich eine große Offenheit und Empathie, was die deutsche Geschichte, die Schicksale der Menschen und die gesellschaftlichen Themen unseres Landes betrifft. Vor wenigen Wochen bin ich im Rahmen meines Workshops „Schule in der Diktatur“ mit einer Gruppe Jugendlicher an die Ostsee gefahren und habe sie gebeten, zehn Minuten aufs Meer zu schauen und zu überlegen, wie das für sie wäre, also loszuschwimmen und sich auf die Flucht zu begeben, so wie das viele Menschen der DDR im Sommer 1989 und davor getan haben. Die Schülerinnen und Schüler sollten aufschreiben, was ihnen dabei durch den Kopf gegangen ist. Richtig tolle Texte, Perspektivwechsel etc. sind daraus entstanden, die mir neue Anregungen für meine Arbeit gegeben und mich sehr berührt haben.

Ältere reagieren auf das Thema DDR oft gereizt und werfen mir gelegentlich vor, dass ich sie mit meiner Arbeit belehren möchte. Belehren nein, Aufklären ja. Ich bin recht aktiv in den sozialen Medien, teile und poste dort mir wichtige Inhalte, und da geht es manchmal reichlich turbulent zu. Kürzlich wurde ich von einem Mann eindringlich dazu aufgefordert, den Workshop zum Thema Flucht und DDR nicht mehr anzubieten, weil ich damit den aktuellen „Schleusern“ im Mittelmeer das Wort reden würde. Es ist mitunter schon recht absurd.

Wie wichtig ist es Ihnen denn, mit Ihren Texten spezifische Inhalte zu vermitteln? Oder steht dann letztlich eher die Geschichte im Vordergrund, die Sie einfach erzählen möchten?

Hohen Neuendorf Mauerweg - Stück der Berliner Mauer
c Dorit Linke

Auf jeden Fall die Geschichte, aus der sich die Inhalte ergeben. Aktuell arbeite ich an der Fortsetzung von „Jenseits der blauen Grenze“, die in den frühen 90er Jahren angesiedelt sein wird. Und auch danach soll es weitergehen. Mir schwebt eine Trilogie vor, die über die frühen 80er Jahren der DDR bis ins Heute erzählt, schließlich verhandelt meine Generation gerade gesamtgesellschaftlich sehr wichtige Themen. Und da ich für Jugendliche schreibe, versuche ich realistisch, spannend und mitunter humorvoll – insofern es in den Kontext passt – zu erzählen. Es gibt viele Facetten. Die frühen 1990er Jahren waren einerseits erdrückend und belastend, andererseits wahnsinnig lebendig und vielfältig. Meine Generation konnte raus in die Welt, hatte die Chance, auf ihrem bereits vorgezeichneten Weg neu zu starten, das Bisherige zu hinterfragen, sich neue Informationsquellen und Zugänge zu erschließen.

Ich möchte mit meinen Texten die Wertigkeit der Demokratie hervorheben, die heute mitunter fahrlässig in Frage gestellt wird. Vieles fällt uns jetzt auf die Füße, was seine Ursache in einer oftmals schrägen Vergangenheitsbewältigung der DDR und in einem Mangel an politischer Bildung hat. Warum haben so viele junge Menschen die AfD gewählt, welche ein verklärendes und falsches Bild der DDR zeichnet? Warum können Jugendliche dem offenbar wenig entgegensetzen, wieso reichen ihre Kenntnisse über die DDR nicht weit? Diese Fragen richten sich nicht an die Jungen, sondern an uns, an die Älteren! Wir sind schließlich für die Bildung der Jugendlichen verantwortlich und müssen uns fragen, ob wir an den Schulen wirklich genug tun, welche Bildungs- und Zeitzeugenarbeit wir darüber hinaus leisten oder manchmal vielleicht sogar verhindern. Meines Erachtens reicht das bisher Geleistete nicht aus, was nicht zuletzt Ausdruck in den aktuellen Wahlergebnissen findet.

Während „Jenseits der blauen Grenze“ dann ja jetzt zur Trilogie wird, ist „Wir sehen uns im Westen“ als Teil der Reihe Carlsen Clips sehr kurz. War das eine Herausforderung?

Straßenschild Platz des 9. November 1989
c Dorit Linke

Vom Verlag gab es die Vorgabe, 100 Seiten zu schreiben. Und ich hatte sofort die mögliche Handlung im Kopf. Ich wohne seit 27 Jahren in Berlin und liebe diese Stadt. Die Idee, sie als Protagonistin einzubinden, ihre Struktur und Architektur, ihre besondere Historie, die verschiedenartigen Stadtteile – all das fand ich sehr reizvoll. Ich erwähne Straßen, die heute anders heißen als vor 30 Jahren, beschreibe eine U-Bahn-Fahrt durch die Geisterbahnhöfe Ostberlins und gebe einen kleinen Einblick in die Ost- und Westberliner Punkszene. Dadurch wird die Zeit vor allem auch für Jugendliche lebendig und interessant. Die 100 Seiten sind kompakt erzählt, was mir entspricht. Ich fasse mich gern kurz.

Ich kann die Lektüre hier nur nochmal allen ans Herz legen und freue mich schon sehr auf die Fortsetzung(en) von „Jenseits der blauen Grenze“! Vielen Dank für das Gespräch!

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