„Wir fanden das absolut zumutbar“ – Lektorin Katharina Ebinger im Interview

Die Anglistin Katharina Ebinger ist seit 2014 Programmleiterin für die Verlage Thienemann, Gabriel und Aladin.

Vor einiger Zeit habe ich hier im Blog „Verloren in Eis und Schnee“ von Davide Morosinotto (Thienemann) vorgestellt. Ich fand das Buch auch deshalb außergewöhnlich für den Kinder- und Jugendbuchmarkt, weil es den Zweiten Weltkrieg aus Sicht sowjetischer Kinder aus Leningrad darstellt und nicht aus deutscher Perspektive. Grund genug, beim Thienemann-Verlag nachzufragen, wie dort mit historischen Themen umgegangen wird. Von Verlagsentscheidungen, Lektoratserfahrungen und historischen Themen auf dem deutschen Kinder- und Jugendbuchmarkt erzählt Katharina Ebinger im Interview.

Wenn es um historisches Erzählen in Kinder- und Jugendbüchern geht, was sind in Ihren Augen Kriterien, die ein gutes Buch ausmachen?

Wie jedes gute Buch sollte es vielschichtig sein. Die historische Situation muss für die Leserinnen und Leser nachvollziehbar sein, die Atmosphäre der Zeit sollte entstehen, sowohl im Zwischenmenschlichen als auch in der Schilderung der Settings und der Lebensumstände. Dennoch sollte alles das nicht dominieren, sondern nur den Hintergrund für eine gut erzählte Geschichte bilden. Dann bleibt das Buch nicht in seiner Zeit stecken, sondern wird im besten Fall zu einer zeitlosen Lektüre.

Ich stelle mir das Lektorieren solcher Texte sehr schwierig vor – wo verläuft die Grenze zwischen sauber recherchierten Fakten und erzählerischer Freiheit. Wie gehen Sie als Lektorin damit um?

Coverbild "Das Geheimnis der roten Schatulle"

Wir entwickeln äußerst selten historische Stoffe selbst, kaufen eher Lizenzen ein, die wir aber immer nachrecherchieren. Manchmal gibt es auch Stoffe, die nur teilweise historisch sind wie zum Beispiel „Das Geheimnis der roten Schatulle“ von Emma Carroll. In dieser Geschichte geht es um die erste Ballonfahrt der Gebrüder Montgolfier, aber sie enthält zusätzlich noch einen fiktionalen Handlungsstrang mit einer kleinen Diebin, die den Gebrüdern behilflich ist. Das finde ich legitim und spannend, wenn es um solche Inhalte geht. Andere Epochen oder Ereignisse sind sensibler, da muss man von Fall zu Fall entscheiden, was noch geht und was nicht mehr. Vieles ist sicher auch subjektiv.

Wie genau recherchieren Sie die historischen Begebenheiten nach, wenn Sie Bücher mit historischen Stoffen betreuen?

Sehr genau, Kartenmaterial wird angepasst, Daten werden geprüft und natürlich sollte es inhaltlich auch nicht tendenziös sein, sondern der geschichtlichen und politischen Situation gerecht werden.

„Verloren in Eis und Schnee“ ist ja für den deutschen Buchmarkt insofern ein ungewöhnliches Werk, weil es eben nicht Geschichte aus deutscher Perspektive erzählt, was oftmals ein Ausschlusskriterium für Kinder- und Jugendbuchverlage zu sein scheint. Wie sehen Sie das und warum haben Sie sich trotzdem für das Buch entschieden?

Cover "Verloren in Eis und Schnee"

Erst einmal hatten wir mit Davide Morosinotto bereits gute Erfahrungen gemacht, deswegen haben wir ihm auch diesen Stoff zugetraut. Wir wussten, dass er ins Land gereist war, um alles en detail zu recherchieren, und dass er auch persönliche Kriegserfahrungen seine Großvaters mitverarbeitet hatte. Natürlich kommen die Deutschen nicht immer gut weg in diesem Roman, aber das entspricht auch der unguten Rolle, die sie im Zweiten Weltkrieg hatten. Wir fanden das absolut zumutbar und einen interessanten Blick auf den Zweiten Weltkrieg. Auch das Setting hat uns gereizt, die meisten Bücher über den Zweiten Weltkrieg für Kinder und Jugendliche spielen ja in Deutschland. In Sibirien nicht nur die Not des Krieges aushalten zu müssen sondern auch noch das strenge Klima, nimmt noch einmal ganz andere Facetten des Krieges in den Blick. Trotzdem war es ein gewisses verlegerisches Risiko, so ein ernstes Thema für diese Zielgruppe zu realisieren. Zu sehen, wie gut das Buch dann auch vom Markt aufgenommen wurde und nicht nur von der Kritik, hat uns umso mehr gefreut und bestätigt.

Wenn Sie historische Stoffe betreuen, wie sehr denken Sie dann schon eine mögliche Verwendung im Schulunterricht mit? Wie wichtig erscheint Ihnen eine entsprechende didaktische Handreichung für Lehrer*innen durch den Verlag?

Es ist nicht ganz einfach, Stoffe in die Schulen zu bekommen. Erst einmal muss ein Buch erfolgreich sein, damit wir uns für eine Schulausgabe oder Materialien entscheiden. „Verloren in Eis und Schnee” würde sich inhaltlich gut eignen, viele Leserinnen und Leser fangen durch das Buch erst an, sich für diese Zeit und die Umstände zu interessieren. Andererseits bietet auch das Buch selbst schon viele Verständnishilfen und Einordnungen, ohne an irgendeiner Stelle didaktisch zu werden. Davide Morosinotto baut diese Dinge ganz organisch in seine Erzählung ein.

Wenn Sie sowohl auf Verkaufszahlen als auch auf Rückmeldungen von Lesungen Ihrer verschiedenen Autor*innen schauen, wie ist der Stand von Kinder- und Jugendbüchern mit historischen Themen im Buchmarkt allgemein?

Cover "Nacht über Frost Hollow Hall"

Es ist kein ganz einfacher Markt, aber auch nicht mehr so schwierig wie noch vor einigen Jahren. Populäre historische Formate im Fernsehen haben dazu beigetragen, dass das Interesse an anderen Epochen wieder geweckt wurde, und das schlägt sich auch im Markt für Kinder- und Jugendbücher nieder. Manchmal ist es ein Interesse an der „guten alten Zeit“, aber oft auch ein Verstehenwollen von schwierigen historischen Ereignissen wie Kriegen.
Wir als Thienemann Verlag machen sehr gute Erfahrungen mit Kinderromanen, die im Viktorianismus spielen, wie zum Beispiel „Nacht über Frost Hollow Hall“ von Emma Carroll.

Beim Blick auf historische Themen, was ist Ihre Einschätzung als Lektorin: Wozu wird bisher eigentlich viel zu wenig erzählt?

Ganz persönlich finde ich die Steinzeit und überhaupt die Frühzeit des Menschen sehr spannend und dazu gibt es nicht so viel. Wenn ich mir anschaue, wie stark Kinder das Thema als Sachbuchthema interessiert, könnte ich mir auch erzählende Stoffe dazu gut vorstellen.

Vielen Dank für das Gespräch!

2 Gedanken zu „„Wir fanden das absolut zumutbar“ – Lektorin Katharina Ebinger im Interview“

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