Flucht und Vertreibung als Teil einer Familiensaga

„Das Jahr der Wölfe“ von Willi Fährmann

Cover "Das Jahr der Wölfe"
c Arena Verlag

Beim Stöbern durch den Bücherschrank ist mir „Das Jahr der Wölfe“ in die Hände gefallen. Das Buch habe ich selbst in der Schule gelesen, irgendwann in der Mittelstufe. Der Roman erzählt vom Ende des Zweiten Weltkriegs, vor allem aber von der Flucht der Familie Bienmann vom Hof in Ostpreußen nach Berlin und letztlich Westfalen. Und irgendwie kam es mir passend vor, es jetzt noch einmal in die Hand zu nehmen.

Ich konnte mich an manche Teile der Geschichte tatsächlich noch ziemlich gut erinnern. Vor allem die Fahrt über das zugefrorene Haff mit dem Pferdeschlitten und der Tod mehrerer Pferde und das Versinken von Fuhrwerken war mir im Gedächtnis geblieben und auch bei neuerlicher Lektüre nicht weniger mitnehmend. Andere Stellen dagegen hatte ich als viel langwieriger und länger in Erinnerung, als sie es eigentlich sind. Wahrscheinlich, weil wir im Unterricht intensiv darüber diskutiert haben.

Erzählen vom Kriegsende

Was mich wirklich überrascht hat: ich hatte vor allen Dingen im Kopf, dass die Geschichte sich um Konrad, den ältesten Sohn der Familie, dreht. Tatsächlich aber wird auch mehrfach in die Köpfe der Erwachsenen gesprungen. Und da geht es schon los, denn offensichtlich traut Fährmann diesen mehr zu, uns Gesamtzusammenhänge erklären zu können. Das ist natürlich ein bisschen schade. Positiv ist, dass trotz aller Schrecken der Flucht nie aus dem Fokus verloren wird, warum die Menschen fliehen mussten. Hier erfolgt keine Kriegsschuldapologetik. So drastisch jedoch die Flucht dargestellt wird, ist eine Leerstelle doch auffällig: Auch als die russischen Besatzer kommen, ist nie explizit von Vergewaltigungen die Rede, auch wenn diese mehrfach angedeutet werden. Gerade angesichts der sonstigen Direktheit wirkt dieses Schweigen umso stiller und schwerer.

Ansonsten aber bleibt „Das Jahr der Wölfe“ ein spannendes, ein lesenswertes Buch. Ob die starke moralische Haltung, die aus jedem Satz dringt, für jede*n das Richtige ist, oder ob nicht ein wenig mehr subtiles Erzählen dem heutigen Geschmack näher kommt, das sei dahingestellt.

Sprache 5/5
Didaktik 3/5
weiterführende Tipps 0/5 (allerdings stellt der Verlag Unterrichtsmaterial zur Verfügung)
Handlung 4/5

Willi Fährmann: Das Jahr der Wölfe. Ab 12 Jahren. Würzburg: Arena 1962 [Naja, die aktuellste, deren Cover hier auch gezeigt wird, ist von 2012]. ISBN: 978-3-401-50302-8. € 6.

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