An der Grenze des Erträglichen: Dorit Linkes „Jenseits der blauen Grenze“

Cover "Jenseits der blauen Grenze"

Was treibt einen Menschen an, alles zurückzulassen und das eigene Leben zu riskieren für einen Neuanfang? Dorit Linkes Roman „Jenseits der blauen Grenze“ beginnt ohne Vorwarnung mitten im Geschehen und genauso schonungslos wie der Einstieg ist auch der Rest des Romans für Leser*innen ab 14 Jahren. Er nimmt uns mit in das Leben von Jugendlichen in der DDR und auf ihre Flucht vor Unterdrückung und dem Gefühl des Eingesperrt-Seins. Denn wir begleiten Hanna und Andreas auf ihrer Flucht über die Ostsee. Schwimmend wollen die beiden den Westen erreichen und setzen dabei ihr Leben aufs Spiel. Warum sie bereit sind, dieses Risiko einzugehen, erzählt der Roman im zweiten, geschickt im Wechsel eingeflochtenen, Erzählstrang.

Es ist der Winter 1988/1989, in dem Andreas und Hanna endgültig genug haben von der DDR. Vor allen Dingen Andreas war immer wieder angeeckt und sogar in einem Jugendwerkshof zwangsuntergebracht worden. Auch Hanna, die uns die Geschichte erzählt, gerät durch eine Verwicklung in das Visier der Behörden und darf kein Abitur mehr machen. Beide müssen nun stumpfe Fließbandarbeit verrichten, haben keine Perspektive mehr. Hanna lenkt sich durch ihren Sport – das Schwimmen – ab, aber Andreas ist haltlos. Bis er beschließt, über die Ostsee zu fliehen. Eigentlich will Hanna nicht mit. Doch sie weiß, dass Andreas es alleine nicht schaffen wird und entschließt sich, ihn zu begleiten.

Akribisch bereiten die beiden sich vor, organisieren Materialien wie Neoprenanzüge und selbstgebastelte Schnorchel. Vor allem aber heißt es: Trainieren, trainieren, trainieren. Doch nichts hat sie auf die Härten des Schwimmens im Meer vorbereiten können. Es ist sicherlich von Vorteil, dass Dorit Linke selbst Leistungssportlerin war. Dem Text ist in jeder Zeile anzumerken, dass da jemand schreibt, der weiß, was es bedeutet, über die eigenen körperlichen Grenzen hinauszugehen. Hanna und Andreas kämpfen mit dem Wasser um sie herum. Ihre Kraftanstrengungen machen mehr als alles andere spürbar, wie sehr sie dem Unrechtsregime der DDR entkommen wollen. Wer bereit ist, diese Strapazen auf sich zu nehmen, wissend, dass jeder noch so kleine Fehler den Tod bedeuten kann, der ist nicht aus jugendlichem Leichtsinn unterwegs.

Trotzdem ist „Jenseits der blauen Grenze“ keine einfache Schwarz-Weiß-Geschichte. Auch in der DDR begegnen Andreas und Hanna netten und aufrechten Menschen, haben Spaß und erleben Glücksmomente. Die Jugendkultur der DDR wird hier lebendig, genauso wie die Grenzen des Sagbaren und die unterschiedlichen Stufen von Anpassung. Gerade dieses sehr ausgewogene Bild macht „Jenseits der blauen Grenze“ zu einem vorbildlichen Roman über das Leben in der DDR, den keineswegs nur Jugendliche lesen sollten. Vor dem Hintergrund ihrer Flucht erzählt Hanna eine Geschichte über die großen Fragen. Darüber, was Freundschaft bedeutet und Verrat, was die eigene Freiheit wert ist.

Das Leben in der DDR hatte für Andreas und Hanna die Grenzen des Erträglichen überschritten, für Leser*innen dürften die Schilderungen ihrer körperlichen Ausgelaugtheit, ihres Ringens um jeden weiteren Schwimmzug am Ende des Buches, das Auf und Ab zwischen Hoffnung und Verzweiflung ebenfalls an die Grenzen des im Nachfühlen Erträglichen führen. „Jenseits der blauen Grenze“ geht unter die Haut und berührt, schafft eigene Bilder im Kopf und bleibt lange hängen. – Schon allein als Gesprächsanlass zur deutsch-deutschen Geschichte ist dieses Jugendbuch also absolut empfehlenswert. Es ließe sich jedoch in der Diskussion auch auf aktuelle politische Debatten um Geflüchtete und ihre Motivationen ausweiten, ohne dabei hanebüchene historische Parallelen zu ziehen, sondern einfach vom Individuum ausgehend.

„Jenseits der blauen Grenze“ war 2015 für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert und liegt mittlerweile als Taschenbuch vor, so dass Klassensätze erschwinglich sind. Besonders lobenswert ist außerdem, dass der magellan-Verlag entsprechende Begleitmaterialien für Lehrerinnen zur Verfügung stellt (https://www.magellanverlag.de/inhalt/unterrichtsmaterialien/jenseits-der-blauen-grenze/). Daher gibt es auch volle 5 Punkte für Didaktik und weiterführende Tipps, auch wenn das Buch selbst vollkommen ohne auskommt, sondern nur in einem kleinen Glossar zum Schluss Begriffe wie „Jugendwerkhof“ oder „Glasnost“ noch einmal kurz definiert. – Tatsächlich vermittelt „Jenseits der blauen Grenze“ damit schon viel Wissen über das Leben als Jugendliche in der DDR. Der Roman schafft eine Atmosphäre, die das Lebensgefühl näher trägt als jedes Sachbuch. Der Roman sei daher uneingeschränkt empfohlen!

Gestaltung 5/5
Sprache 5/5
Didaktik 5/5
Handlung 5/5
Weiterführende Tipps 5/5

Dorit Linke: Jenseits der blauen Grenze. Bamberg: Magellan 2017 [Erstausgabe 2014]. ISBN 978-3-7348-8201-2. € 9. Ab 14 Jahren.

5 Gedanken zu „An der Grenze des Erträglichen: Dorit Linkes „Jenseits der blauen Grenze““

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