“Am Anfang steht die Recherche”. Johannes Herwig im Interview über “Bis die Sterne zittern”

Portrait Johannes Herwig

Ich habe “Bis die Sterne zittern” ja schon sehr begeistert in diesem Blog gesprochen (zur Rezension geht es hier). Umso mehr habe ich mich gefreut, dass der Autor Johannes Herwig bereit war, mir ein Interview zu geben. Speziell wollte ich mehr darüber erfahren, wie er mit dem historischen Stoff umgegangen ist und wie er die Reaktionen seiner Leser*innen erlebt.

Saskia: Du warst viele Jahre im Kulturbereich tätig, unter anderem in der Filmbranche, wolltest aber immer Autor werden. Was fasziniert dich so an diesem Beruf?

Johannes: Die Erschaffung eigener Welten und gleichzeitig die Auseinandersetzung mit der tatsächlichen Welt, wie sie uns begegnet und herausfordert. Ich fand schon als Kind Lesen großartig, wie es mit Büchern möglich ist Dinge zu erleben oder nachzuempfinden, die einem vielleicht fern oder unbekannt sind, die aber dennoch – oder gerade deswegen – etwas mit einem selbst anstellen. Welchen Regeln (und auch Freiheiten) das Schreiben eines Romans unterliegt, war mir natürlich nie wirklich bewusst, das kam erst später. Ich mag auch die Länge des kreativen Prozesses, dass man so intensiv in einer Sache aufgehen kann. Und schlussendlich ist es einfach das Größte, vor Publikum aus dem eigenen Buch zu lesen und zu spüren, wie die Menschen mitfiebern, aufmerksam sind, begeistert sind. Ein Riesengeschenk!

Warum hast du dir für dein Debüt ausgerechnet einen historischen Stoff ausgesucht?

Der historische Stoff hat sich eher mich ausgesucht. Zwei Euro ins Phrasenschwein… Nein, aber ernsthaft: Ich bin durch einen Vortrag von Sascha Lange auf die Leipziger Meuten gestoßen, das Ganze ist vielleicht 10 Jahre her. Anfänglich hatte ich noch keinen Schimmer, dass ich über diese erste selbstorganisierte Jugendbewegung/opposition des Dritten Reiches mal ein Buch schreiben würde. Aber so in der Nachbetrachtung war dieser Vortrag irgendwie doch ein Steinchen, das in mir unheimlich viel in Gang gesetzt hat. Irgendwann war der Punkt erreicht, an dem ich sagte: Das Schreiben war immer ein Traum von dir, und diese Jungs und Mädchen sind es wirklich wert, über sie zu schreiben, ihre Geschichte weiterzutragen, also los jetzt. Versuchs! Am Anfang stand da tatsächlich so eine Art naives Sendungsbewusstsein. Ich dachte, ein Buch, dass sich von erhobenen Zeigefingern klar distanziert und auch einfach Spaß macht, kann jungen Menschen vielleicht helfen, sich für Dinge zu interessieren, die sonst außerhalb ihres Radars stehen.

Glaubst du, dass sich ein Schreiben über historische Ereignisse von einem Schreiben über eine rein fiktive Welt unterscheidet? Wenn ja, inwiefern?

Es unterscheidet sich auf jeden Fall. Wenn ich den Anspruch habe, historische Ereignisse widerzuspiegeln, steht am Anfang immer die Recherche. Man will sein Werk ja so wenig angreifbar wie möglich gestalten. Ich hätte nichts schlimmer gefunden, als wenn die Diskussion über eine mögliche wissenschaftliche Ungenauigkeit den eigentlichen Inhalt, das Herz des Romans überlagert hätte. Insofern hatte ich da einen wirklich hohen Anspruch und ich denke, den meisten, die über Historisches schreiben, geht es ähnlich. Letztlich käme ich mir auch einfach ziemlich merkwürdig vor, über eine bestimmte Zeit schreiben zu wollen ohne mich detailliert mit ihr zu befassen.

Wie genau bist du an die historischen Hintergründe herangegangen, wie hast du recherchiert?

Das historische Gerüst meiner Geschichte muss man sich wie vorstellen wie ein Haus, bei dem die Ziegel, der Mörtel und alles andere aus unterschiedlichen Bereichen kommen, schlussendlich aber zusammenhalten und das Ganze sinnvoll tragen. Natürlich habe ich mir die Forschungen von Sascha, der um die Jahrtausendwende ja sogar noch Meutenmitglieder persönlich treffen und interviewen konnte, äußerst genau angesehen – um erstmal ein Grundgefühl für den Alltag dieser jungen Leute und ihrer Cliquen zu bekommen. Ich habe aber auch mit meiner Oma (95 Jahre, hoch soll sie leben) über diese Zeit gesprochen, Romane, (Jugend-)Zeitschriften und Polizeiakten gewälzt und mir so Stück für die Stück Hintergründe und Details der Lebenswelten von Jugendlichen in dieser Zeit erarbeitet.

Cover Bis die Sterne zittern

Die Grenze zwischen Fiktion und von der historischen Forschung etwa Sascha Langes zu den Leipziger Meuten ist in deinem Roman ja sehr fein. Wie genau hast du diese Grenze gezogen? Wo hast du dir gesagt: Da habe ich zwar keinen Beweis für, aber es könnte so gewesen sein oder ich brauche es schlichtweg für die Geschichte?

Als ich den Roman anfing, war mein Kopf bereits bis zum Rand gefüllt mit historischen Fakten und Begebenheiten. Das Ganze verstärkte sich im Schreibprozess sogar noch, da ich parallel permanent weiter recherchierte, hier mal etwas umschrieb, da mal etwas änderte, um wieder irgendeiner neuen, recherchierten Tatsache Rechnung zu tragen. Wirklich ausgedacht in dem Sinne, dass mir dazu nie irgendeinen Anhaltspunkt untergekommen war, habe ich mir echt wenig. Aber natürlich hat man in so einem Roman bestimmte Freiheiten, und das halte ich auf für legitim. Es kommt aufs Maß an.

Hast du gemeinsam mit dem Verlag darüber nachgedacht, ob den LeserInnen noch zusätzliche Sachinformationen am Ende des Buches gegeben werden sollten? Falls ja, wie sah diese Diskussion aus?

Wir haben das Thema Glossar eine ganze Weile hin und hergeschoben, Vor- und Nachteile sehr genau abgewogen – und uns schlussendlich bewusst dagegen entschieden. “Bis die Sterne zittern” ist ein historischer Roman, klar, aber eben keine Geschichtsstunde. Unser Ansatz war, gewissermaßen den “Spirit” zu bewahren, indem wir das Buch nicht mit eventuell überflüssigen Zusatzinformationen aufblasen. Ich wollte mit dem Roman ja auch bewusst dazu inspirieren, sich selbst mit den Leipziger Meuten und vielleicht auch mit dem Nationalsozialismus generell zu befassen.

“Bis die Sterne zittern” zeichnet sich ja durch einen sehr differenzierten Umgang mit dem jugendlichen Widerstand gegen das Hitler-Regime aus. Du zeigst, dass jugendliches Rebellentum nicht zwangsläufig politisch motiviert sein muss, es aber durchaus sein kann. Hast du Gelegenheit gehabt, mit Menschen zu sprechen, die selbst Teil der Meuten waren? Wie haben sie dein Buch aufgenommen?

Nein, denn bedauerlicherweise leben wir nun in einer Zeit, in der die letzten wirklich bewussten Zeugen der 1930er Jahre nicht mehr unter uns weilen. Ich bin tatsächlich etwa 10 Jahre “zu spät”. Es gab Anfang 2018 in München den einmaligen Versuch, mit einem hochbetagten Herrn W., der damals in der Paunsdorfer Meute zugange gewesen war, eine Veranstaltung durchzuführen, diese scheiterte allerdings an seinem Gesundheitszustand. Ich kann aber sagen, dass dieser eine Mann das Buch gelesen hat und mochte, was eine Riesenehre ist.

Was glaubst du, wie sehr deine eigene Lebensphase als Punk dir beim Verständnis deiner Protagonist*innen geholfen hat? Kann man zwischen den beiden Subkulturen Parallelen ziehen oder wäre das unangebracht?

Da schlagen irgendwie zwei Herzen in meiner Brust. Gefühlsmäßig sind diese Parallelen natürlich da – Abgrenzung, Auflehnung, eigene Strukturen etablieren; aber auch über die Stränge schlagen, die Clique als Familienersatz… Andererseits denke ich, die meisten Meutenmitglieder wären wohl ziemlich empört, wenn man sie mit dem Lifestyle- und Mode-Ding Punk, das es ja heutzutage fast nur noch ist, in einen Topf stecken würde. Wir dürfen nicht vergessen, dass das Rebellieren im Nationalsozialismus Gefängnis und Tod bedeuten konnte. Mit Sicherheit hat allerdings meine Biographie ihren Anteil daran, dass mich die Meuten so interessiert haben bzw. interessieren.

Du lässt dein Buch ja an dem Punkt enden, wo die Strafverfolgung eigentlich erst so richtig beginnt. Warum hast du dich für diesen Endpunkt entschieden?

Hier kann ich erneut mit dem Ansatz des Buches antworten, dass ich eben nicht alles auserzählen, sondern den Einblick in diesen Aspekt der Geschichte – Jugendopposition im Nationalsozialismus – in einem gewissen Rahmen halten wollte. Ein Rahmen, der im positiven Sinn Leerstellen lässt, die durch eigene Recherche oder eigene, weiterführende Gedanken ganz individuell gefüllt werden sollen und dürfen. Die schlimmen Konsequenzen für die Jugendlichen werden ja nicht ausgespart in dem Sinne, dass sie im Roman gar nicht vorkommen.

Wenn du deinen Roman an Schulen vorstellst, hast du dann das Gefühl, dass die Jugendlichen an dem Thema Nationalsozialismus überhaupt interessiert und dass sie auch gut darüber informiert sind?

Interessiert auf jeden Fall, ich kann nicht für jeden Einzelnen sprechen, aber allgemein nehme ich da eher Offenheit als Ablehnung wahr. Soweit ich das beurteilen kann, geht in meinen Veranstaltungen die ursprüngliche Absicht, den Blick für das Phänomen Jugendopposition am Beispiel Leipziger Meuten zu öffnen, sehr gut auf. Generell gibt es natürlich durchaus Lücken im Wissen über die Zeit, als Experten würde ich mich ja nicht einmal selbst bezeichnen wollen. Da ist dann jede*r einzelne gefragt.

Wenn du mit Jugendlichen über deinen Roman sprichst, wie sind ihre Reaktionen? Wo liegt ihr Fokus – eher auf dem historischen Hintergrund oder auf der ja auch für sich genommenen spannenden Geschichte über Identitätsfindung, erste Liebe und Freundschaft?

Ein bisschen siehe oben – die meisten docken ziemlich gut an mit der Feststellung, dass die Konflikte mit Elternhaus, Schule etc. Parallelen zu ihrem eigenen Leben haben. Und dass die Suche nach der eigenen Identität, dem eigenen Weg etwas Universelles ist und den Jugendlichen damals genau so wichtig war wie heute, auch wenn die Umstände ganz andere waren. Die große Frage “Was hätte ich getan, wie hätte ich mich entschieden?” wird dadurch viel greifbarer. Insofern liegt der Fokus schon auf dem Gesamtbild.

Und kleine Spoiler-Frage: Arbeitest du schon an einem neuen Projekt und kannst darüber etwas verraten?

Ich werde in diesem Jahr ein neues Manuskript beenden, das in den 1990er Jahren verortet ist. Ob mein Verlag auch dieses Buch herausbringt, ist noch nicht sicher. Ich bin wahrscheinlich selbst am Gespanntesten, wie alles weitergeht. In jedem Fall hoffe ich, dass es weitere Veröffentlichungen von mir geben wird!

Ich wünsche dir auf jeden Fall viel Erfolg und werde die Augen offen halten nach neuen Büchern von dir! Danke für das Gespräch!

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