Die Menschheit als liebenswertes Kuriosum

„Wie hat Ihnen das Anthropozän bis jetzt gefallen?“ von John Green

Cover "Wie hat Ihnen das Anthopozän bis jetzt gefallen?"
c Hanser

Was bedeutet das Dasein der Menschheit für diesen Planeten? Was bedeuten einzelne Erfindungen, Gedanken, Verhaltensweisen? Das Menschenzeitalter, was ist das eigentlich? John Green blickt in „Wie hat Ihnen das Anthropozän bis jetzt gefallen?“ in Essays auf die Menschheitsgeschichte und wer John Green kennt, weiß, dass sich dabei Kurzweil und Tiefsinn aufs Beste ergänzen.

Natürlich bleibt es nicht aus, dass Green die zerstörerische Kraft, die wir Menschen auf diesen Planeten wirken lassen, an vielen Stellen erwähnt. Dennoch ist das Buch kein Abgesang. In vielerlei Hinsicht ist es sogar eher die Aufforderung, selbst aktiv zu werden und mehr über das eigene Leben, die eigenen Verhaltensweisen zu reflektieren.

Viele der in diesem Buch versammelten Artikel basieren auf Greens Podcast „The Anthropocene Reviewed“. Green geht nicht chronologisch vor, jedes Essay steht für sich allein und es sind von Kanadagänsen über das Internet, die Hall of Presidents, CNN oder Super Mario Kart wirklich die vielfältigsten Themen angesprochen. Manche Texte sind eher persönliche Lebensreflexionen, Green geht zum Beispiel im ganzen Buch sehr offen mit seinen psychischen Erkrankungen um, andere reflektieren stärker gesamtgesellschaftliche Prozesse. So nimmt er in „Die Hall of Presidents“ am Beispiel der Präsidentenpuppen in Disney-World das amerikanische Geschichtsverständnis auseinander. Im Artikel zu Klimaanlagen wird deutlich, dass Büros nach männlichen Bedürfnissen temperiert werden (und dass die amerikanische Klimaanlagen-Kultur nach wie vor eine andere ist als die deutsche). In beiden Fällen geht es um Ungerechtigkeiten, die an scheinbar Trivialem erzählt werden.

Green hat allerdings natürlich auch Positives zu berichten – sonst wäre sein Sternchen-Bewertungssystem am Ende jedes Textes ja auch völlig witzlos. So erzählt Green in „Staphylococcus Aureus“ von der Erfindung des Penicillin (und von Resistenzen). Dass er dabei auch feststellt, dass die Forscher die Honigmelone aufaßen, von der sie den Penicillin-Schimmel gewonnen hatten, ist eine der viele Pointen dieses Buches, die Greens liebevollen Blick für das Kuriose belegen.

Ich hatte mehrfach richtige Luftanhalten-Momente, weil ich Gedanken so gut fand, mich sehr verstanden fühlte. Nicht zuletzt Greens Hadern mit der Situation in der Corona-Pandemie macht das Lesen dieses Buches tröstlich. Das Verknüpfen kulturgeschichtlicher Betrachtungen mit Dingen, zu denen wir alle Bezug haben, macht einzelne Aufsätze auch ganz sicher im Unterricht nutzbar und hilft bei der Perspektiverweiterung. Ein toller Band zum Immer-Wieder-Lesen, der zum Nachdenken einlädt und zum Innehalten und dazu, diese Menschheit zu mögen. Trotz allem.

Sprache 5/5
weiterführende Tipps 5/5
Handlung 5/5

John Green: Wie hat Ihnen das Anthropozän bis jetzt gefallen? Notizen zum Leben auf der Erde. Aus dem Englischen von Henning Dedekind, Friedrich Pflüger, Wolfram Ströle und Violeta Georgieva Topalova. Carl Hanser Verlag 2021. ISBN: 978-3-446-27055-8, €22.

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