Wolfgang Korn: Karl Marx. Ein radikaler Denker

Cover Karl MarxZum 200. Geburtstag von Karl Marx am 5. Mai 2018 hat der Hanser Verlag eine Biographie für Leser*innen ab 14 Jahren über den Mann mit Rauschebart herausgebracht und bewirbt sie als „ideale Vertiefung und Ergänzung des Geschichtsunterrichts“. Aber wie genau die Biographie eines der einflussreichsten Denker des 19. und 20. Jahrhunderts so schreiben, dass sie für Jugendliche tatsächlich interessant ist?

Wolfgang Korn hat sich dazu entschieden, einen Weg zu gehen, der die jugendlichen Leser*innen ernst nimmt. Gleich in der Einleitung nimmt er eine erste Einordnung Marx‘ vor, um danach chronologisch dessen Leben zu erzählen, zwischen den Lebensstationen aber auch immer wieder graphisch gekennzeichnete philosophische Momente einzubauen, die über ein reines Erklären der Schriften Marx‘ hinausgehen. So schließt er etwa das Jugendkapitel mit Überlegungen dazu, was uns zu denen macht, die wir sind. Was uns dazu führt, unsere Lebensentscheidungen zu treffen. Solche Überlegungen dürften gerade für Jugendliche einen besonderen Reiz haben und verdeutlichen implizit den Sinn, den es hat, Biographien zu lesen: Der Lebensweg eines anderen vermag gleichsam Schlaglichter auf die eigene Situation zu werfen, bietet Vergleichsfolien und Abgrenzungsmöglichkeiten.

Doch nicht nur auf diesem Wege schafft Korn aktuelle Bezüge. So zieht er etwa das Beispiel billiger T-Shirts von Primark heran, deren Entstehungsgeschichte den KäuferInnen in der Regel gleichgültig und/oder unbekannt ist, um Marx‘ Kritik am Kapitalismus zu verdeutlichen. Korns Stärke dabei ist, dass er einerseits eine starke moralische Haltung zeigt und eindeutig mit Marx‘ Ideen sympathisiert, andererseits aber nicht als Missionar in Sachen Kommunismus unterwegs ist. Gleichwohl ordnet er etwa den Neoliberalismus in einem weiteren aktuellen Bezug als ebenso ideologisch wie den Kommunismus ein. Auch findet er durchaus Kritikpunkte an Marx‘. Vor allem dessen harte Polemiken und Urteile gegenüber eigentlichen Mitstreiter*innen wird mehrfach kritisiert und mit der Frage kombiniert, ob die selbstzerstörerischen Kleinkriege der Linken untereinander nicht eigentlich schon hier ihren Ursprung haben. Dass Marx ohnehin teilweise auch mehr Gallionsfigur als tatsächlich verstandener Vordenker war, wird ebenfalls deutlich. – Die marx’schen Texte im Original waren und sind den meisten dann doch zu kompliziert.

Neben guter Struktur und klarer Aufteilung zwischen Lebensgeschichte und sich entwickelndem Gedankenuniversum ist Korn auch anzurechnen, dass er den Leser*innen das Aushalten offener Fragen zutraut, etwa wenn er schon auf Seite 9 fragt, ob Marx die aktuellen Entwicklungen und Auswüchse des Finanzkapitalismus vorausgesehen habe.

Trotz eines generell sehr gut aufgebauten Buches gibt es aber natürlich auch ein paar Kritikpunkte. So ist zum Beispiel schade, dass nicht ein wenig transparenter mit Quellen und Literaturangaben umgegangen wird. Die offenen Fragen und auch die kommentierten Lektüretipps am Ende des Buches laden eigentlich zum forschenden Lesen ein, hier hätte auch im Haupttext mehr Raum für eigenes Entdecken geboten werden können. Gelegentlich stellt sich außerdem die Frage, ob nicht manche Begriffe doch noch einmal hätten erklärt werden müssen, egal ob nun „liberal“ (vor allen Dingen in einem zeitgenössischen Verständnis) oder die „Occupy-Bewegung“. Besonders störend allerdings ist die teilweise etwas merkwürdige Rolle von Jenny Marx. Zwar wird an mehreren Stellen deren Intelligenz betont, noch häufiger allerdings wird auf ihr gutes Aussehen rekurriert: „Aus der hübschen Adligen Bertha Julie Jenny von Westphalen wird die hübsche Bürgerliche Jenny Marx“ (Bildüberschrift S. 59).

Dennoch gelingt es Korn, das Ehepaar Marx in all seinen Ambivalenzen, den Brüchen zwischen bürgerlichem Anspruch und revolutionärem Umsturz, dem Drang nach Veränderung und dem Wunsch nach eigenem Wohlbefinden, immer wieder gut herauszuarbeiten. Zwar fragt Korn hier nicht direkt, beim Lesen drängt sich die Frage dennoch unweigerlich auf: Wie viel sind wir bereit, für die eigenen Ideale aufzugeben? Und muss ein Mensch moralisch vollkommen integer sein, damit seine Ideen Gehör finden?

Korns Biographie ist klar darauf ausgerichtet, Leser*innen zur nachfragenden und weiterdenkenden Lektüre zu animieren. Im Schlussteil gibt er aber auch konkrete Ideen mit auf den Weg, wie wir die Welt wieder gerechter gestalten könnten, indem wir aktuelle wirtschaftliche Strukturen durchbrechen. In sieben Punkten gibt er Anregungen vom Engagement in sozialen Netzwerken über Regionalisierung hin zum neuen Umgang mit Geld, deren Umsetzung allerdings natürlich noch konkretisiert werden müsste. Mit diesen Hinweisen gelingt ihm jedoch der Kreisschluss zum anfangs versprochenen und auch im Hauptteil immer wieder gestalteten aktuellen Bezug: Karl Marx muss nicht einer unserer Lieblingsmenschen sein, auch müssen wir nicht jeden seiner Gedanken als haltlos umsetzbar empfinden. Aber seine Kritik am Kapitalismus kann zu eigenem Nachdenken führen und letztlich zu der Frage: Wie wollen wir leben?

Fazit: Eine rundum gelungene Biographie, die Chronologie mit weiter gespannten philosophischen Überlegungen verknüpft und zum Weiterdenken einlädt. Allerdings eher für erfahrene Leser*innen.

Wolfgang Korn: Karl Marx. Ein radikaler Denker, München: Hanser 2018. ISBN 978-3-446-25870-9 . €19.

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