Die Pest als Ende aller Sicherheit

Sally Nicholls‘ „Keiner kommt davon“

Cover "Keiner kommt davon"
c Hanser

Zugegeben, der Untertitel „Eine Geschichte vom Überleben“ nimmt zumindest in Bezug auf unsere Erzählerin Isabel ein wenig die Spannung. Trotzdem ist „Keiner kommt davon“ eines dieser Bücher, die schnellstmöglich durchgesuchtet werden müssen. Sally Nicholls beschreibt in diesem Jugendbuch ab 12 Jahren intensiv und berührend, wie 1349 die Pest das Dorf Ingleforn in England erreicht und Isabels Welt vollkommen aus den Fugen gerät.

Wir lernen Isabel kennen, als gerade die ersten Menschen aus York am Dorf vorbei ziehen. Sie versuchen, der Stadt zu entkommen, in der die Pest bereits wütet. Und in Isabel beginnt die Angst zu nagen: Was, wenn die Pest auch in ihr Dorf kommt? Was, wenn der tiefe Glaube ihrer geliebten Stiefmutter Alice ihre Familie nicht beschützen kann?

Religion als Heilmittel

Und dann ist es ausgerechnet Isabel, die die erste Pestkranke – ein kleines Mädchen aus York, das bei seinem Onkel im Dorf untergekommen ist – findet. Soll sie sie verraten? Es sind genau Fragen wie diese und die wache Erzählstimme Isabels, die die Gratwanderung zwischen Angst und Hoffnung so leicht nachvollziehbar machen. Umso spürbarer wird der zunehmende Verlust von Normalität. Was passiert zum Beispiel mit dem kleinen Baby, dessen Eltern an der Pest gestorben sind?

Die Pest zerfrisst die Normalität

Sally Nicholls gelingt es, durch wenige zarte Striche eine Atmosphäre zu schaffen, die Zeit zu portraitieren. Da ist zum Beispiel die Szene, in der der Priester verkündet, dass auch Frauen in Zukunft die Beichte abnehmen dürfen. Aus Sicht der Kirche ist das eine pragmatische Entscheidung. Es gibt kaum noch Priester, da diese durch ihre Krankenbesuche besonders gefährdet sind. Die Menschen ohne Beichte sterben zu lassen, bedeutet jedoch, sie direkt in die Hölle zu schicken. Also darf nun jede*r die Beichte abnehmen. Wir lesen es mit leichtem Schulterzucken, bis das Entsetzen selbst der Frauen und Mädchen deutlich wird und wir merken: Hups, da hat eine kleine Revolution stattgefunden. Da dürfen Frauen auf einmal Dinge tun, einen Platz einnehmen, der ihnen in dieser Gesellschaft ganz und gar nicht zugedacht ist.

„Keiner kommt davon“ ist insofern ein tolles Buch, weil es einerseits ein intensives Epochenportrait ist, das Sally Nicholls außerdem mit einem erklärenden Nachwort und einem kleinen Glossar ergänzt. Andererseits begegnet uns mit der 14-jährigen Isabel eine Erzählerin, mit der wir uns sofort identifizieren können. Wie sehr eine Welt, in der jede*r jederzeit sterben kann, eine absolute Unsicherheit bedeutet, dieser Roman lässt es uns ahnen. Die stufenweise Abstumpfung, das Aufbäumen der Menschlichkeit, die Suche nach Sinn, das alles wird hier zumindest ansatzweise spürbar. Zurück bleibt ein Gefühl von Dankbarkeit, dies nicht selbst miterleben zu müssen.

Gestaltung 5/5
Sprache 5/5
weiterführende Tipps 1/5
Handlung 5/5

Sally Nicholls: Keiner kommt davon. Hanser 2014. Ab 12 Jahren. ISBN 978-3-446-24511-2, €14,90.

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