Bedrückendes Egodokument zur Leningrader Blockade. Lena Muchina: Lenas Tagebuch

Cover Lenas Tagebuch

Lenas Tagebuch” wird vom Verlag nicht explizit als Jugendbuch beworben, dennoch ist es natürlich nahe an einer jugendlichen Lebenswelt. Schließlich ist es die 16-jährige Lena, die uns hier mitnimmt in ihren Alltag, womit sie rund einen Monat vor Beginn der Einkesselung Leningrads durch die Wehrmacht beginnt. Das ist ein wahres Glück, denn so schlittern wir Leser*innen zusammen mit Lena in die Katastrophe der Leningrader Blockade, merken von Tag zu Tag, wie sich ihre Perspektive auf das Leben immer mehr verschiebt, bis am Ende nur noch eines wichtig ist: Essen!

Spielen zu Beginn des Tagebuchs noch Jugendschwärmereien, Freundschaften und Streitereien eine Rolle, wird die Suche nach Nahrungsmitteln irgendwann das alles beherrschende Thema. Ja, das Essen wird in den Tagebucheinträgen sogar so präsent, dass sich die Leserin immer wieder ins Gedächtnis rufen muss, wie wenig die genannten Mengen eigentlich wirklich sind, damit nicht der Eindruck entsteht, es werde ununterbrochen gespeist. Denn Lena schafft es, in ihren Einträgen selbst das Verspeisen frisch angerührten Leims wie eine Delikatesse klingen zu lassen – die Perspektivverschiebung ist hier vollkommen. Und zugleich wird der Tod mit Fortschreiten der Blockade immer allgegenwärtiger. Lenas Tagebuch lässt uns sehr unmittelbar die Folgen eines Krieges spüren, die die Zivilbevölkerung zu tragen hat. Hart und grausam scheint der Text an einigen Stellen, fassungslos lesen wir mit, wie Lenas Mutter nach und nach verhungert, wie völlig abgestumpft Lena selbst zu diesem Zeitpunkt schon ist, wie kompliziert der Kampf darum, in all diesem Elend ein Wesen mit Würde und Werten zu bleiben.

Gute Einbettung in historischen Kontext

In der Buchstruktur werden wir mit diesen Lektüreerlebnissen jedoch nicht allein gelassen, sowohl ein Vorwort, das sich eher mit den erinnerungskulturellen Folgen der Leningrader Belagerung befasst, als auch Nachwort von Gero Fedtke, der eine historische Einordnung vornimmt, helfen beim Verständnis des Gelesenen. Insofern ist „Lenas Tagebuch“ zeitlose und empfehlenswerte Lektüre für Jugendliche, die sich mit dem Zweiten Weltkrieg und den Auswirkungen in der Sowjetunion auseinandersetzen möchten. Durch die einordnenden Texte und erläuternden Fußnoten wird ein Fremdheitserlebnis erhalten, das gleichzeitig überbrückt wird und einen reflektierten Umgang mit Egodokumenten ermöglicht. Empfehlenswert, ob für Unterricht oder Privatlektüre!

Wer sich kurz und knapp über die Leningrader Blockade und ihre Rezeption in der Sowjetunion sowie im heutigen Russland informieren möchte, dem sei die folgende Gnose auf dekoder.org empfohlen: https://www.dekoder.org/de/gnose/blokadniki

Für Menschen, die zwar auch etwas über die Leningrader Blockade erfahren wollen, jedoch eher nach Unterhaltung suchen, sei noch einmal an “Verloren in Eis und Schnee” erinnert, zur Rezension geht es hier.

Gestaltung 5/5
Sprache 4/5
weiterführende Tipps 5/5
Didaktik 5/5

Lena Muchina: Lenas Tagebuch. Übersetzt von Lena Gorelik, Gero Fedtke. List 2014. ISBN-13 9783548612171. 9,99 €.

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