Es fliegt. Oder nicht?! Stephan Martin Meyer und Thorwald Spangenberg experimentieren mit „Leonardos Flugmaschinen“

Cover "Leonardos Flugmaschinen", ein Bilderbuch von Gerstenberg Verlag

Fliegen ist und bleibt ein Faszinosum – selbst in Zeiten, in denen Flugreisen traurige, klimaschädliche Alltäglichkeit haben, ist der Traum vom Schweben weiterhin in vielen Köpfen und werden die Pionierleistungen von Menschen gefeiert, die der Schwerkraft trotzten (zum Beispiel in Torben Kuhlmanns „Lindbergh“ oder Amelia Earhardt in der Little People Big Dreams-Reihe). Genau dieser Faszination widmen sich aber auch Stephan Martin Meyer und Thorwald Spangenberg in ihrem Buch „Leonardos Flugmaschinen“, das sich an Menschen ab 8 Jahren richtet, auf zwei Ebenen.

Denn Meyer nähert sich Leonardo da Vinci über einen Mittelsmann. Der junge Anselmo verliert 1539 seine Eltern an die Pest und kommt bei seinem Onkel in einem Kapuzinerkonvent unter. Dort findet er Zeichnungen Leonardo da Vincis, die dieser den Kapuzinern vermacht hat. Anselmo ist fasziniert von den Skizzen. Ganz besonders haben es ihm die Entwürfe zu den Flugmaschinen angetan. Doch die Brüder im Konvent sind gegen wagemutige Experimente: Sich in den Himmel zu erheben erscheint ihnen wie Gotteslästerung. Anselmo arbeitet also heimlich weiter – mit der Hilfe seines Onkels. Gemeinsam müssen die beiden schmerzhaft erfahren, dass die Entwürfe Leonardos möglicherweise nicht ganz so ausgereift waren. Und dass es auch im friedlichsten Konvent Verräter geben kann.

Religions- trifft Technikgeschichte

Die Kurzzusammenfassung, die das Ende natürlich nicht verrät, zeigt schon, wie viel Wissen in „Leonardos Flugmaschinen“ vermittelt wird. Wir erfahren eine Menge über Thermodynamik und frühe Flugversuche sowie die Vorstellungen von naturwissenschaftlichen Gesetzen in der Mitte des 16. Jahrhunderts. Gleichzeitig lernen wir aber auch mehr über die Kapuziner und allgemein die religiösen Vorstellungen und Strukturen jener Zeit. Auch die Pest – als Ursache für Anselmos Waisen-Dasein – wird thematisiert. In der Handlung erfahren wir nebenher auch ein bisschen über Leonardo da Vinci. Er wird abschließend auch noch einmal gesondert dargestellt.

Fragenkatalog zum Weiterdenken

Neben diesem Anhang ist besonders gelungen eine Zusammenstellung aus Fragen, die sich aus der Textlektüre ergeben haben könnten, wie zum Beispiel „Ist die Geschichte wirklich so passiert?“ und ihre Beantwortung. Hier wird die Rechercheleistung hinter dem Buch allen Leser*innen deutlich vor Augen geführt und so eine tolle Transparenz erzeugt! Ein wenig schade ist allerdings, dass diese Transparenz nicht mit Nachlese-Tipps abgerundet wird.

Transparente Bildzitate

Ein wenig anders ist das bei den Illustrationen. Thorwald Spangenberg spielt hier mit unterschiedlichen Stilen, voll ausgeführte Aquarelle wechseln sich mit skizzenhaften Entwürfen ab, alles erinnert an die Bilderwelt Leoardo da Vincis. Und ganz explizite Motivanleihen werden im Anhang auch konkret benannt, so dass hier noch einmal der optische Vergleich angetreten werden kann.

Bei all der Wissenstiefe und -vielfalt, die „Leonardos Flugmaschinen“ mit sich bringt, geht mitunter die Tiefe der Handlung ein wenig verloren. Ein Junge, der gerade seine Eltern verloren hat, ein Konvent, das von einem Mitbruder verraten wird – hier sind Konflikte in der Handlung angelegt, die nicht wirklich auserzählt werden. Dennoch bleibt ein Spannungsbogen, der spielend durch neue Wissenshorizonte leitet und vor allem eines feiert: Die Neugier, die Welt zu erkunden und Neues zu entdecken, um Wissen anzusammeln und weiterzugeben. Dabei wird Leonardo da Vinci nicht auf ein Podest gestellt, sondern auf dem neuesten Stand der Forschung kindgerecht aktualisiert. Gute Lektüre für alle!

Gestaltung 5/5
Sprache 5/5
Didaktik 5/5
weiterführende Tipps 0/5
Handlung 3/5

Stephan Martin Meyer (Text)/Thorwald Spangenberg (Illustration): Leonardos Flugmaschinen. Anselmo und das Vermächtnis des Meisters. Ab 8 Jahren. Hildesheim: Gerstenberg 2019. ISBN 978-3-8369-5656-7. €20,00.

ACHTUNG! Dieser Artikel ist Teil einer Serie. Eine Biographie zu Leonardo da Vinci, die beim Kindermann Verlag erschienen ist und sich ebenfalls an Menschen ab 8 Jahren richtet, findet sich hier. Ein All-Ager über “Leonardos Erbe” von Matthias Eckoldt, wird hier rezensiert.

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